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Foto nordische Landschaft

11. November 2012

Hoch lebe der Doom Reggae! Iceland Airwaves 2012

Manchmal wundert man sich doch, wie Freundschaften zwischen Musikern entstehen, die nun nicht so unbedingt naheliegen. Wo, um alles in der Welt, haben sich die populärste isländische Reggae-Band Hjálmar und der experimentierfreudige finnische Saxophon-Exzentriker Jimi Tenor bloß kennengelernt? Diese Frage muss an späten Abend auf dem Iceland Airwaves Festival offen bleiben, aber holla! Gemeinsam zünden die Musiker, die gleich in Großgruppenstärke auf der Bühne stehen, ein mächtig prasselndes Feuer an! Meister Tenor, das kennen wir schon, inszeniert sich als tribaler Hexenmeister im Glitzermantel und harmoniert prächtig mit den hemdsämeligen Reggae-Recken aus Keflavík: Man respektiert sich sichtlich, lässt sich gegenseitig Raum. Dass es hier um Vielschichtigkeit und Offenheit geht, ist klar: Denn sowohl Tenor als auch Hjálmar lassen sich nicht gerne fassen. Die Isländer, die mühelos eine starke heimische Unterströmung ins Rastafari-Land Einzug halten lassen. Und der Finne, der sich sowieso als rastloser Wanderer zwischen den Genres versteht. Derzeit tüftelt man an einer gemeinsamen Platte und tobt sich in einer neu geschaffenen musikalischen Unterkategorie aus: Dem Doom Reggae! Das macht Laune, ein ganzer Saal überhaupt nicht steifer Nordleute wiegt sich wohlig in den Hüften.

Der Abend hatte schon angenehm schwül angefangen: Mit den drei attraktiven dänischen Damen von Nelson Can, die zeigen, dass Glamour und Sexappeal rein gar nichts mit einem Übermaß an nackter Haut zu tun haben, sondern vor allem mit Stil- und Selbstbewusstsein. Genau wissen, was man tut, und es gut zu tun. Das Trio kommt daher, als ob Nancy Sinatra mit Quentin Tarantino eine rauschende Party gefeiert oder die Bangles sich mit den Blues Brothers auf Abwege begeben hätten. Das geht mit dem mächtigen Bass und den souligen Vocals ausgesprochen schnell ins Blut. Der männliche Teil des Publikums schmilzt dahin, so weit ihm das möglich ist. Eine gute Prise-Riot-Girrrl-Aufmüpfigkeit ist dabei, ein offenkundiges Vergnügen am Spielen mit der Vamp-Rolle Marke 60ies und der Rock´n´Roll-Rebellenattitüde. Sehr tanzbar! Selbst bei einem Song über das Backen von Apfelkuchen!

Nelson Can – Apple Pie from Tami Vibberstoft on Vimeo.

Das größtmögliche Kontrastprogramm zu diesen quietschlebendigen und schillernden Mädels gibt es im idyllischen Idno am See, einem historischen Veranstaltungssaal, in dem Valgeir Sigurðsson seine ausufernden und vielschichtigen Kompositionen vor einer überschaubaren Zuhörerschar erklingen lässt. Das Label Bedroom Community gibt sich im Idno an diesem Abend die Ehre. Filmmusik ist es ureigentlich, was der isländische Musiker im Sinne hat. Versponnen, ausufernd, durchaus klassischen Ansprüchen genügen wollend. Der Mann, der schon mit Björk und Feist gearbeitet hat, entwirft elektronisch inspirierte Gegenwelten, die stets latent beunruhigend sind. Das Element des Unheimlichen einführen und auf vertrackte Abwege führen: Anspruchsvolle Kost, das, aber eine, die die Sinne schärft. Und kleine Nebenbemerkung zu Björk: Die bekannteste Musikerin Island entpuppt sich als eifrige Festivalbesucherin und keinesfalls als Diva. Wie mehrere Bekannte glaubhaft versichern, stellt sich Björk brav in der Schlange an, wenn eine Venue überfüllt ist. Genau wie alle anderen auch!

Winter Sleep – Valgeir Sigurðsson from vavavoom on Vimeo.

Jetzt aber schnellen Schrittes herübergewechselt ins Konzerthaus Harpa, wo endlich! endlich! For A Minor Reflection, der Polarbloggerin wohl liebste junge isländische Postrocker auftreten. Um die Band war es zuletzt ein wenig stiller gewesen, aus gutem Grund: Kjartan, einer der beiden Gitarristen, ist eingesprungen, als der gleichnamige Sigur-Rós-Musiker nach Veröffentlichung des neuen Albums »VALTARI« nicht mit auf die ausgedehnte Tour gehen wollte. Dass Kjartan der kleine Bruder von Bassist Georg Hólm ist, dürfte hier ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Nun aber! An diesem Abend ist zu merken, dass die Vier wohl länger nicht miteinander musiziert haben. Sie brauchen eine Anlaufzeit, um dann aber mit ihrer instrumentalen Variante des Postrock ihre Flügel auszubreiten und abzuheben. Leidenschaftlich, verspielt, vielschichtig, empfindsam und kraftvoll. Und das mitunter gleichzeitig. Diesen Jungspunden dabei zuzuschauen, wie sie sich neu aufeinander einstellen, ist eine reine Freude. Eine durchaus kraftvolle Variante des ur-romantischem Sehnsuchtsbegriffs entstehen zu lassen: Das Quartett hier reüssiert mühelos. Und man steht klopfenden Herzens in der zweiten Reihe und denkt: Hach!

Den Abend ausklingen lassen mit folkpoppigen Tönen aus Kanada, die die Seele streicheln: Half Moon Run . Die auf sanften Sohlen daherkommen. Balladig und feingesponnen, aber mit einer untergründigen Stärke. Und es dauert eine kleine Weile, bis man merkt: Das ist alles andere als handgemachte Hausmannskost. Sondern vielschichtig und durchaus kompliziert. Mitunter dürfen dezente Electronics Einzug halten und die Gitarren lärmen. Die Kanadier sind im besten Sinne des Wortes Gutmenschen. Was alles andere als naiv und brav heißt. Angenehmste seelische Nervennahrung, das!

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1 Kommentare

1. Stippvisite 24/11/12 (XXL-Edition frisch von der Schlemmermeile) | Lie In The Sound schrieb am 24. November 2012 um 19:39

[...] Das Lied Troublemaker dagegen wartet mit einem gerüttelt Maß an Verruchtheit auf. Eva-Maria vom Polarblog meint, dass dieses Trio so daherkommt, “als ob Nancy Sinatra mit Quentin Tarantino eine [...]

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