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Foto nordische Landschaft

18. November 2012

Hänsel und Gretel im Weirdpopland: Iceland Airwaves 2012

Was heckt dieses Pärchen bloß aus, umgeben von einer Unmenge elektronischer Gerätschaften? Das daherkommt wie Hänsel und Gretel im Weirdpopland? Kira Kira, das Projekt der Multiinstrumentalistin und Komponistin Kristín Björk Kristjánsdóttir, hat zuletzt das Album »FEATHERMAGNETIC« vorgelegt, einen experimentellen Ausflug ins elektronische Schauermärchenland. Dass die böse Hexe hier hinter jedem Baum arglosen, verlaufenen Kindern auflauern kann, glauben wir unbenommen. An diesem weiterhin windumtosten Abend am vorletzten Tag von Iceland Airwaves-Festivals ist es durchaus von Vorteil, sich auf die drei Veranstaltungsräume im Konzerthaus Harpa am Hafen zu konzentrieren, wenn man die Tage vorher ausreichend vor den Venues in der Kälte gebibbert hat! Live lässt sich die in ein ach so harmloses Hängerkleid mit Punkten gekleidete Frau Kristjánsdottir an diesem Abend hauptsächlich vom semmelblonden Gitarristen und Sampelmeister Ulfur Hansson unterstützen, dem die Rolle des Hänsel in dieser Mär ausgesprochen gut steht! Wer nun aber fürchtet, von intellektuell anspruchsvollen Kompositionen zu sehr gefordert zu werden, hier kommt die Entwarnung! Diese Töne sind zwar vertrackt und kompliziert, aber live mitunter auf angenehme Weise heimelig, mühelos luftig und durchaus tanzbar! Und ein, zwei Bemerkungen zu den isländischen Modetrends im Herbst 2012: Inzwischen trägt jede Frau im heiratsfähigen Alters (und weit darüber hinaus!) Dutt und Nerdbrille. Sollte sich Sóley als Trendsetterin landesweit durchgesetzt haben? Dazu gibt es als Neuerung überdimensionierte Ohrringe im Feder-Look (wurden schon im Sommer in Helsinki massenweise gesichtet!) und farbenfrohen Omaklamotten-Schlabberlook. Eine Isländerin mit kurzen Haaren ist heutzutage ebenso unwahrscheinlich wie Angela Merkel ohne hüftschmeichelnden Hosenanzug. Mit anderen Worten: Reykjaviker Mädels, es wird mal wieder Zeit für etwas Neues!

CUTTHROAT

Der Nachmittag hatte übrigens eine Entdeckung gebracht: Die eckigen und kantigen finnischen Waldschrat-Indierocker Rubik sollten unbedingt eine unplugged-Tour planen! Die vielköpfige Band um Sänger und Mastermind Artturi Taira spielt akustisch im Nordic House auf und hat ihre Songs aus diesem Anlass sorgfältig umarrangiert. Bass, Gitarre, Piano und Bläser kommen auf diese Weise ausgesprochen warm daher. Und Taira, der seine Stimme bewusst zurücknimmt, verliert nichts an überzeugender Leuchtkraft und Intensität. Ach, so kann das also auch klingen! Und wenn der Eindruck nicht täuscht, dann ist die Band selbst positiv darüber erstaunt, dass die Stille der neue Lärm ist. Wer weiß, ob dieser graue isländische Nachmittag noch Spätfolgen zeigen wird!

Ein Gig fast im Dunkeln spielen die Landsleute Siinai später im Harpa. Das Quartett, das den Synthie-Krautrock in die Neuzeit bringt, konzentriert sich auf das Wesentliche: Die Musik. Verliert sich irgendwo in den unendlichen Weiten zwischen Can, Neu! und Vangelis und entwirft turmhohe Soundwälle, die durchaus filigran ausfallen. Sucht das überraschende Element im Repetitiven. Schraubt sich in kontrolliert exzessive Zustände hoch, bis die mächtigen Synthies fast bersten wollen. Umschlingt seinen Maschinenpark, als wollte es in den Mutterleib zurückkehren. Puuh! Hinterher kommt der Manager vom besten Reykjaviker Plattenladen 12 Tónar mit verklärtem Blick auf mich zu und sagt, dass er lange darauf gewartet hat, dass Siinai endlich in Island spielen. »Großartig, das beste Konzert auf dem gesamten Festival!«, schwärmt er. Die Finnen haben auf der Atlantikinsel offenkundig Eindruck hinterlassen!

Nicht nur die Macher des 12 Tónar sind mit Herzblut bei der Sache, sondern auch die kleine Truppe um den genialistischen Leitwolf Haukur S. Mágnusson, der die englischsprachige Zeitung The Reykjavik Grapevine im Sommer wöchentlich herausgibt und zu Airwaves-Zeiten mit seiner buntgescheckten Mannschaft rund um die Uhr im Einsatz ist. Der Chefredakteur, ein selbstbewusster Querschläger, der eine dezidiert eigene Meinung pflegt, hat in die keinesfalls hippen Redaktionsräume in einem hässlichen 70er-Jahre-Bau eingeladen. Wo die Sicht über die Bucht großartig ist. Man tratscht, man schwadroniert, man kritisiert, man lästert, man schwärmt. Man lacht viel in überschaubarer Runde, trinkt ein kleines Bier, und die netten Leute vom deutschen Morr-Label sind auch da. Und das mit Grund, denn ihre Künstlerinnen Pascal Pinon kommen schüchten in die Redaktionsräume, die Gitarrenkoffer unterm Arm. Im Januar bringen neues Album »TWOSOMENESS« heraus. Worauf man sich heute schon freuen kann, versichert Thomas Morr.

Ebenso eigenwillig, aber sehr viel lauter treten später die Landsleute Mr. Silla auf. Die schillernde Sängerin Sigurlaug Gísladóttir ist in einen Bodysuit im Drachenlook gewandet, und zeigt, dass eine elfenhaftige Grundhaltung keineswegs auf Samtpfoten daherkommen muss. Das Quintett lässt die Gitarren aufheulen, orientiert sich ungehemmt am gradlinigen Anfangs-70er-Rock und entwickelt eine treibende Kraft, ohne jemals von einer untergründigen Doppelbödigkeit zu lassen, die als unsichtbarer Dritter durch die Songs flirrt.

Ach, wie dieser Abend endet! Mit einem kollektiv euphorisch abtanzenden Saal beim Auftritt der Dance-Lokalmatadoren GusGus. Mit einem gar nicht harmlosen kanadischen Singer-Songwriter namens Woodpidgeon, der abgründige Songs über ertrunkene Kinder singt und unbedingt im Auge behalten werden sollte. Sowieso Kanada! Die beiden Mädels von Boy, denen das isländische männliche Publikum kuhäugig verliebt zu Füßen liegt. Die isländischen Gutmenschen 1860 (war da irgendwas Besonderes los?) mit ihrem entspannten Folkpop. Oder die vertrackten norwegischen Anderwelträumer Philco Fiction mit der hypnotischen Stimme von Sängerin Turid Solberg. Uff!

List – Philco Fiction from andreas Lønmo Knudsrød on Vimeo.

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