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Foto nordische Landschaft

27. Januar 2013

There´s no great love? Von wegen! Before The Show

Es ist einer dieser Abende, an denen man denkt, dass die Idee mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ebenso genial wie gerecht ist. Denn dann müsste sich Stefan Honig, Mastermind der Band, die seinen Nachnamen trägt, keine Sorgen darum machen, wie er sich von seiner Musik ernähren kann. Sondern könnte weiter an seinen ernsthaften, ehrlichen und im besten Sinne heimeligen Popsongs werkeln, die er an diesem Abend in einem Darmstädter Getränkemarkt zum Besten gibt. Jawohl, Getränkemarkt. Denn die rührigen Bedroomdisco-Macher, die abseits jeder Gewinninteressen aus reiner Begeisterung für die Musik Konzerte im privaten Rahmen organisieren, haben an diesem Samstagabend eben nicht in ein gemütliches WG-Wohnzimmer geladen, sondern in besagten Markt. Dort haben nämlich über hundert Leute Platz! Und so sitzt man gemütlich auf Bierkästen und Sitzkissen und lauscht gehobenem Indiepop in völlig anderer Atmosphäre als in den etablierten Locations. Eintritt kostet es keinen. Co-Initiatiator Dominik Schmidt aber appelliert wie jedes Mal an die Gäste, nach dem Konzert einen bitte nicht zu kleinen Geldbetrag in die Spendenkasse zu tun. Und der angenehm bescheidene und launig selbstironische Stefan Honig fordert freundlich dazu auf, bei Gefallen nach dem Gig doch auch eine CD zu kaufen. »Dann klappt es auch mit dem Projekt Essen 2013!« Und mit Essen ist nicht die Stadt gemeint! Honig sind an diesem Tag übrigens über glatte Autobahnen von Zürich nach Darmstadt gefahren. Anstrengend, so etwas!

Honig – for those lost at sea from Stefan Honig on Vimeo.

Leicht übernächtigt sieht auch Laurids Smedegaard aus. Der Musiker ist mit seiner Band Before The Show aus Berlin gekommen. Am Vorabend hat man in einer Fabriketage auf einer privaten Party in Kreuzberg ein akustisches Set gespielt. Heute ist es der Getränkemarkt. Müssen sich die etablierten Venues langsam einen Kopf machen, dass ihnen Konkurrenz in Gestalt musikliebender Aficionados erwächst, die auch noch mit dem Plus ungewöhnlicher und exklusiver Veranstaltungsräume punkten können? So weit ist es noch lange nicht! Aber diese kleinen Gigs im improvisierten Rahmen machen einfach Freude. Auch deshalb, weil es angenehm ist, zur Abwechslung zu Fuß zu einem Konzert zu gehen, weil der schon mehrfach erwähnte Markt quasi um die Ecke liegt. ;)

Before The Show ist es anzusehen, dass sie schon einige Tage auf Tour sind und lange Strecken über winterliche Straßen fahren. Aber das tut nichts zur Sache. Herr Smedegaard, einst als Schlagzeuger bei den von der Polarbloggerin überaus geschätzten Lo-Fi-Weirdpopstern Alcoholic Faith Mission aktiv, hat eine vierköpfige Band um sich versammelt, die genauso vor Leidenschaft leuchtet wie er selbst. Der Schlagzeuger etwa, ein Steiff-Teddy von einem Mann, der aufs Gelungenste Versonnenheit mit Verschmitztheit verbindet und dabei mit hochpräziser Bescheidenheit trommelt. Und sehr selten, aber in genau der richtigen Dosis, Anflüge von Übermut zeigt. Oder der hochgewachsene blonde Basser, Typ »Schwiegermutter-Liebling«, dem das Attribut »Rechtschaffenheit« mit unsichtbarer Tinte auf die Stirn tätowiert wurde. Der bisweilen einfach die (emotionalen) Bremsen löst, die Augen schließt und mit einem seligen Lächeln auf dem Gesicht Backing Vocals singt. Und Herr Smedegaards selbst, ein Prophet in eigener Sache, der sich voller Hingabe in die mitunter fast schon postrockig ausufernden Songs wirft. Eine funkelnde, sehnsüchtige Gegenwelt entstehen lässt, in der das Träumen immer noch geholfen hat. Durchaus vertrackt und vielschichtig, aber immer gewiss, dass man auf Abenteuerfahrt überall hin gelangen kann, wohin einem die guten Winde wehen, wie im Titelstück des kürzlich veröffentlichten zweiten Albums »YEARS & YEARS & YEARS«. Live kommen diese Songs durchaus kraftvoller und rockiger daher als auf dem Album, wo die kluge Verträumtheit und die sanfte Nachdenklichkeit das Szepter schwingen. Es geht hier darum, durchaus große Fragen zu stellen. Etwa die, ob es die große Liebe überhaupt gibt, wie in »There´s No Great Love«. Was für eine Frage! Die man spätestens mit dem hocheuphorischen Glanzlicht »Blue Gentiana« mit geröteten Wangen vorbehaltlos nur noch mit »Ja! Ja! Ja!« beantworten kann. Das Darmstädter Publikum entlässt die Dänen erst nach der zweiten Zugabe. Was für ein emotionaler Durchrüttler, dieser Abend!

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