Home
Foto nordische Landschaft

29. Juni 2013

You/Me Helsinki fahren ins Bücherland

Immer nur von aufstrebenden jungen Bands zu berichten, das ist nicht nur öde, sondern auch überaus unfair gegenüber den bereits etablierten Acts. Besonders jenen jenseits der 50! Denn schau einer an, manche Veteranen treten nicht auf der Stelle, sondern probieren noch etwas ganz Neues aus. Asko Keränen etwa, seit 30 Jahren ununterbrochen bei den Rock-Urgesteinen 22 Pistepirkko aktiv, zeigt auf seine mittelalten Tage gemeinsam mit Marjatta Oja von einer ganz ungewohnten Seite. Die Musiker, beide auch als bildende Künstler aufgefallen, haben dieser Tage das Projekt You/Me Helsinki aus der Taufe gehoben: Sanft verschrobene Electronica, eigenwillige Vocals, angenehm intelligente Ambient-Atmosphäre. Ab und zu geistern Fender-Gitarre und synthetische Bläser durch ein experimentelles Universum, in dem sich die in Stein gemeißelte Wahrheiten so sachte verabschieden wie Bonbonpaper, das an einem windigen Tag scheinbar ziellos durch den Park trudelt.

You/Me Helsinki bezeichnen sich selbst als freischwebendes Projekt, in dem die Dinge eben nicht ordentlich an ihrem Platz stehen. Als Projekt, bei dem eben der Weg das Ziel ist und man im traumwandlerischen Song »Bookville« mit dem Zug ins Bücherland fährt, um dort nach neuen Abenteuern Ausschau zu halten. Das finnische Duo will die Dinge schön in der Schwebe halten, so dass auf feine Weise neue Zwischentöne entstehen. Marjatta Oja hält sich hier stimmlich bewusst zurück, damit in der Phantasie der Zuhörenden ganz eigene Interpretationen entstehen können. Das Video stammt übrigens vom Künstler Dave Berg. Das zwei Tracks umfassende bisherige Gesamtkunstwerk der beiden Finnen segelt unter der schönen Flagge mit dem Namen »Bookville vs. Vampirella«. Darauf muss man auch erstmal kommen!

(Foto: Susanna Luotto)

21. Juni 2013

Azurne Töne für die blaueste Nacht des Jahres mit Blåtime

Heute ist Mitsommer, also die blaueste Nacht des Jahres. In Skandinavien der offizielle Beginn der Ferienzeit, im Resteuropa wohl nur von Sonnwendfeier-Fans zelebriert, die in Wallegewändern um altes Gestein herumtanzen. Nicht so meins. Feiern wir doch unser eigenes kleines Mitsommerfest mit den leiseren Tönen von Blåtime aus Trondheim. Wörtlich übersetzt heißt das »die blaue Stunde«, was natürlich bestens zum Anlass passt. Von den drei aus dem hohen Norden ist bislang nicht viel bekannt, und die Zahl derer, denen ihr Tun auf Facebook gefällt, beläuft sich Stand heute abend auf 82. Falls das irgendetwas zu sagen hat. Die Band selbst hat sich hohe Ansprüche gestellt: »Blåtime sind da, wo Ekstase und Melancholie unrealistische Utopien erfüllen«, schreiben sie, falls Google Translator nicht völlig danebenliegt. Ganz schön selbstbewusst für eine Band, die gerade einen einzigen Song aufzuweisen hat!

Aber dieser eine, sehr feine Track »Leave, Go« gefällt. Das zarte Piano-Intro, die elektronische Traumtänzereien und die hymnischen Harmoniegesänge. Und dass hier zwischendurch die Möwen kreischen, so wie im wundervoll episch ausufernden Song »Mílanó« von Sigur Rós. Der Vergleich zu den Isländern liegt nahe, weil beide Bands sich offensichtlich gerne auf möglichst vertrackte Weise auf die Suche nach der blauen Blume begeben, dem Sehnsuchtsziel aller kitschresistenten Romantiker. Aber die Norweger kommen ungleich popverliebter daher, eher in die Richtung der frühen Mew oder Efterklang tendierend. Was natürlich nicht die schlechtesten Referenzen sind. Große Gefühle in der kürzesten Nacht des Jahres. Passt schon. Und bitte bald mehr, Blåtime!

15. Juni 2013

Falsett vom Feinsten mit Truls

Üppig ausufernde Sounds sind nicht für alle Tage, aber am Wochenende darf man doch mal dicker auftragen! Sich in melodramatische Klangwelten begeben, die Discokugel gehörig kreisen und sich von einer überkandidelten Falsett-Stimme einfangen lassen. Diese gehört Truls Heggero, ehemals Sänger der famosen Lukestar aus Oslo, der neuerdings unter seinem Vornamen auf Solopfaden unterwegs ist. Sich selbstbewusst aufmacht, der supertollste R´n´B-Popstar seines Landes zu werden. Sagt er. Ein gewisses gesundes Selbstbewusstsein hat noch nie geschadet! Der stets stylish gekleidete Norweger mit dem Gesicht eines Vorstadt-Teddybärs hat keinerlei Problem damit, sich fest zu den melodrama-verliebten Sounds der 80er zu bekennen. Also zu den Zeiten, in denen Gefühle so überdimensioniert daherkamen wie in einer Standard-Folge von »Denver Clan«.

Im neuen Song »Out Of Yourself« schraubt Truls seine Stimme in luftige Höhen, holt die Puderzuckerdose heraus und färbt seine Welt satt sahnefarben ein. Fährt im Hintergrund ganz unauffällig ein ganzes Arsenal elektronischer Tanzanimation-Apparaturen auf, während er im Vordergrund himmlische Harmoniegesänge pflegt. Dazu existiert ein sehr eigentümliches Video, das harmlos genug beginnt und in einem Blutbad endet. Hatte der Regisseur eine Überdosis »GAME OF THRONES«-Folgen intus? Das böse Kind erinnert doch sehr an den sadistischen Prinzen Joffrey. Da heute Samstag ist, kommt hier die nette Soundcloud-Variante. Im Herbst soll das Debütalbum von Truls erscheinen. Live darf der Sänger auch gerne hierzulande vorbeikommen, der Auftritt mit Lukestar in Frankfurt ist zwar ein Weilchen her, blieb aber in bester Erinnerung.

Foto: Jørgen Gomnæs

11. Juni 2013

Wut und Mystizismus? If They Ask, Tell Them We´re Dead

Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung waren schon immer zwei verschiedene Dinge. Die schwedischen Experimentalrocker mit dem komplizierten Bandnamen If They Ask, Tell Them We´re Dead haben beim Entstehungsprozess ihres Debütalbums »RIVULET MOAN« unerwarteterweise Wut und Mystizismus in sich entdeckt. Sagen sie. Die Wut kann man in den schön verschachtelten Tracks zumindest stellenweise finden. Den Mystizismus allerdings nur vage erahnen. Sei´s drum, denn der Erstling der Freundesgruppe aus Malmö kommt auf angenehme Weise vertrackt daher. Flirtet mit dem elektronischen Frickelpop ebenso wie mit den ausufernden Songstrukturen des Postrock und räucherstäbchenvernebelten Progressive-Welten. Um geheimnisvolle Gegenwelten entstehen zu lassen, vertraut man auf einen steten Wechsel zwischen Zärtlichkeit und Härte. Setzt auf die hexengleich maunzende Stimme von Christine Owman und die sanfte Innerlichkeit der Vocals von Robert Wegner. Zu Tracks wie »Willow Park Lane« kann man schön selbstvergessen aus dem Fenster gucken und seinen Gedanken nachhängen.

Trotz des nun wirklich nicht euphorisch stimmenden Bandnamens versinken die Schweden hier keineswegs in grauer Emo-Verdrießlichkeit, sondern lassen lieber allerlei Schabernack-Utensilien aus dem elektronischen Experimentierkasten warme Funken schlagen. Mehr als die gelegentlichen Ausbrüche gefallen hier übrigens die Erkundungen komplizierter Befindlichkeiten wie »Intercepted By Accidents«, die wunderbar in weite Welten ausschweifen, ohne ihr Ziel je erreichen zu wollen. Sicher ist bei diesem Grenzgängern zwischen den Stilen gar nichts. Dafür dürfen die Birken hier in den Himmel wachsen. Wer neugierig geworden ist: Auf Bandcamp kann man in das gesamte Album hereinhören.

05. Juni 2013

Schlauer Nachdenken mit So Many Details

Bloß sich nicht in Kleinigkeiten verrennen! Sonst kommt man nie zu Potte! Erfreulicherweise machen sich die vier gerade mal volljährig aussehenden Schweden von So Many Details zwar viele schlaue Gedanken, aber es hindert sie nicht daran, in die Tat zu kommen. Gerade mal zwei Tracks haben die Jungspunde um Sänger Vidar Drakenberg erst via Soundcloud vorgelegt, aber mit viel verspielter und sprudeliger Indiepop-Seligkeit sammeln die ungelenk wirkenden Stockholmer bereits massiv Sympathiepunkte. Mehr davon, bitte! Vor allem, weil Herr Drakenberg eine Stimme hat, die man nicht jeden Tag hört.

So Many Details nennen zwar Bands wie The Radio Dept. und The Whitest Boy Alive als wichtige Einflüsse, aber wer in den ersten Sekunden von »What If« nicht an »Heaven Knows I´m Miserable Now« von den Smiths denkt, der hat in den 80er Jahren wohl noch in den Windeln gelegen. Angenehm grenzwert-melancholisch kommt dieser Track daher, will nicht zu viel und gelangt doch in einen Zustand gehobenen Müßiggangs, in dem man ohne rot zu werden über den Sinn des Lebens nachdenken kann. Hat noch nie geschadet!

Der Fama nach nehmen die Jungs ihre Demo-Tracks auf einem 13 Jahre alten Mac auf, was bestens zur Legendenbildung beitragen könnte, sollte man außerhalb der schwedischen Hauptstadt bekannter werden. Charmanter Dilettantismus zieht immer! Wobei die Synthies auf Fall »2000 & Something wirklich schön fett klingen.