Home
Foto nordische Landschaft

28. Juli 2013

Hitzekiller! Ice Cream Cathedral & Lydmor

Popmusik als Hitzekiller ist ein innovatives Konzept. Aber angesichts erdrückender Schwüle bringt es ein wenig Linderung, zumindest darüber nachzudenken, wie es ist, im tiefen Schnee verlorenzugehen. Oder wie sich kalte Haut anfühlt. Beides tut die junge dänische Chanteuse Lydmor mit ihrer feinen Pianoballade »Lamppost Light«. Reduziert, sehnsüchtig und ein wenig melancholisch kommt dieser Track daher, den Lydmor alias Jenny Rossander mit gerade der richtigen Mini-Dosis verhaltenener Trotzigkeit intoniert: Da singt eine, die ihre Träume noch lange nicht fahren lassen will. Mitunter fühlt man sich hier an das One-Hit-Wonder Vanessa Carlton und ihren Song »I Will Walk A Thousand Miles« erinnert, der es immer wieder auf die Playlists des gehobenen Dudelfunks schafft, vorzugsweise zu nächtlicher Stunde. Und von den sanften Klaviertönen darf man sich hier nicht auf Abwege führen lassen, denn Miss Rossander ist mit ihrem jüngst in Dänemark erschienenen Debütalbum »A PILE OF EMPTY TAPES« eher im gehobenen und durchaus komplizierten Elektronikpop unterwegs. Was sie aber nicht davon abhält, mit dem Track »Orange« nochmals ein eigenwillig verspieltes Stückchen Klavierherrlichkeit unterzujubeln, das im Walzertakt daherkullert wie ein mittelgroßer roter Gummiball mit schönen weißen Punkten.

Eine Riesenkathedrale aus Eiskrem ist bei gefühlten Temperaturen um die 42 Grad im brütend heißen Rhein-Main-Gebiet selbstredend eine wunderbar kühlende Vorstellung. Während man ermattet auf dem Sofa liegt und sich Kühlung zufächelt. Alles ist angenehm verlangsamt, wie auf »THE DROWSY KINGDOM«, dem Debütalbum der dänischen Nachwuchs-Dreampopster Ice Cream Cathedral. Das Kopenhagener Trio um Sängerin Anja T. Lahrmann pflegt eine verträumte Variante von Shoegaze mit einem guten Klecks Synthie-Seligkeit als Cocktailkirsche ganz oben auf der Eiskreation. Geschwitzt wird in Songs wie »Let’s Collide Like Trains In The Underground« nur in Ansätzen. Man denkt entspannt über schöne und besondere Dinge nach und echauffiert sich dabei bloß nicht zu sehr. Und selbst wenn sich die geliebte Person von uns verabschiedet, dann leiden wir stilvoll. Zu viel Gefühl ist nur schweißtreibend. Lieber sitzen wir in irgendeiner kühlen Lounge, nippen am Kaltgetränk und üben uns in der Kunst der nicht-schmerzenden Melancholie.

22. Juli 2013

Oh wie schön ist Nørrebro: The Kissaway Trail sind zurück

Nein, sie sind nicht verlorengegangen unterwegs. Das wäre schade gewesen, denn The Kissaway Trail aus Kopenhagen sind Meister des gepflegten Pathos und der wohl dosierten Euphorie. Durch die Fröhlichkeit der Dänen schimmert immer auch ein Hauch von Melancholie und unbestimmter Sehnsucht. Seit 2010 und der Veröffentllichung des Albums »SLEEP MOUNTAIN« herrschte Funkstille im Kissaway-Land. Obwohl man zuvor im Vorprogramm der Editors auftreten durfte und gar mit Arcade Fire verglichen wurde (welche einigermaßen gescheit aufspielende und etwas komplizierter klingende Band mit Fokus auf innigen Vocals und ausgefeilteren Songstrukturen wird das eigentlich nicht?) Schweigen im Staate Dänemark. Sei´s drum, das Jahr 2013 scheint wunderbarerweise das Jahr der Auferstehung von Lieblingsbands zu sein. Die größte Freude bereitete die Rückkehr der Belgier Girls In Hawaii, die sich nach dem Tod ihres Schlagzeugers endlich zurückmelden. Ach, ich fürchtete, die Stimme von Antoine Wielemans nie mehr zu hören! Aber die ernsthaften Lebenszeichen von The Kissaway Trail sind mindestens ebenso prima. Unvergessen ihr fröhlicher Gassenhauer »The Lala Song« vom Debütalbum, den ich immer noch gerne auflege, wenn so überaus unangenehme Dinge wie Fensterputzen anstehen. »We were over the mountains, over the mountains, singing lalalalala«. Unwiderstehlich! Und das Video mit all den Ungeheuern dazu, wunderbar!

Aber zurück in die Gegenwart. Von den fünf Kissaway Trails sind drei übriggeblieben, darunter erfreulicherweise Sänger Thomas Fagerlund. Im Herbst erscheint das neue Album »BREACH«, zuvor gab es noch als Schmankerl eine EP voller B-Seiten plus zwei neue Tracks. Als Vorgeschmack auf das Album gibt es den Song »Nørrebro«, eine leicht verwaschen klingende Hymne auf den Kopenhagener Stadtteil gleichen Namens. Wenn The Kissaway Trail träumen, dann in Cinemascope, und hinter aller feinen Nachdenklichkeit versteckt sich eine melancholische Form des Jubilierens, die ungemein lebensbejahend daherkommt. Über den Songs der Dänen scheint der Mond. So kreisrund und wärmend wie der Vollmond vor meinem Fenster im Juli. Im Herbst kommen The Kissaway Trail auf Tour hierzulande, auch schön!

18. Juli 2013

Nonono suchen den Sommerhit – und könnten ihn finden!

Ich bin eine große Freundin des Qualitätsradios. Besonders auf Reisen: Zeit, einfach zuzuhören. Sendern wie Deutschlandradio Kultur etwa. Die immer Stoff zum Nachdenken und Entdecken liefern. Nein, und nicht nur in der Blogosphäre oder via Spotify-Empfehlungen stolpert man über gute Musiktipps, sondern auch im arrivierten Hochkulturfunk. Dort wurden eines schönen Julitages die schwedischen Elektropopster Nonono vorgestellt, die eine Morgenstunde mit elegant-schnittigen Songs verschönern. Das Stockholmer Trio kommt so überzüchtet wie Windhunde daher und hat, heija! ein echtes Händchen für schicke, souveräne Clubsounds, schrille Kiekser von Sängerin Stina Wappling inklusive. Die Dame hat sich für Nonono mit den beiden etablierten Produzenten Astma & Rocwell zusammengetan. Gemeinsam kramt man im bunten Bänderkasten aus einigen Jahrzehnten Popgeschichte, von Disco bis Reggae. Das klingt irgendwie sonnig, aber kompliziert so. Ist schlau und ausgefuchst und sehr, sehr tanzbar. Mixt einen kleinen Schuss Melancholie unter, für den Fall, dass das Männchen im Wettervoraussagehäuschen eben mal Schirm tragen muss. Und es ist immer wieder erstaunlich, wie gekonnt schwedische Künstler Gassenhauer hinkriegen, die einfach mühelos funktionieren. So wie den Track »Pumping Blood«, der mit seinem Schuss pfeifender Seemansromantik und seinen Urwaldtrommleln ansteckendes Alleinstellungsmerkmale bietet. Der Song erinnert in seiner unbeschwerten Fröhlichkeit um zehn Ecken an Emiliana Torrinis »Jungle Drum«.

Und übrigens: Hurra! Nach längerer Schaffenspause meldet sich Miss Torrini zurück: Ihr neues Album »TOOKAH« erscheint im September. Dem ersten, sehr verspielten Track »Speed Of Dark« würde man gerne offiziell lauschen und hier gerne offiziell posten, aber ach!, die GEMA ist dagegen und es erscheinen die sattsam bekannten Sätze: Dieses Video ist in Deutschland nicht verfügbar. Und so weiter. Jeder auch nur rudimentär informierte Mensch weiß, wie es diese Sperren zu umgehen gilt. Das Wort Tookah hat Emiliana selbstredend erfunden. Zum Entstehungsprozess des neuen Albums hat sie eine Menge abenteuerlicher Geschichten zu erzählen, die nicht zuletzt mit der Ankunft eines neuen Menschen auf dieser Welt zu tun haben.

After you have a baby there comes a time where you need to go out with your girlfriends and dance. I went to the studio with Dan and did a dance track Speed of Dark. We danced. It had to be on the record it was a part of the journey. From that the sound of the record was born, it was a challenge bringing it all together.

Bis das Album also offiziell herauskommt, müssen wir uns hier mit einem Cover begnügen, aber das ist auch nicht schlecht. Olivier Libeaux von den französischen Retro-Popstern Nouvelle Vague hat die Idee gehabt, dass Sängerinnen, und nur sie, unbedingt Queens Of The Stone Age covern müssen. »UNCOVERED QUEENS OF THE STONE AGE« heisst das Album, und Emiliana Torrini ist mit ihrer putzmunteren und sehr tanzbaren Version von »Go With The Flow« dabei.

Foto: Amir Chamdin

14. Juli 2013

Eindringlich verlangsamt: Vök

Zurück aus dem Urlaub und gleich ins Festivalwochenende gestürzt: Noch die fröhlichen Sounds von French Films im Ohr und den überkandidelten elektronischen Dandy-Spielkram von When Saints Go Machine. Da freut man sich, dass es mit dem Phono Pop ein grundsympathisches und entspanntes Festival fast um die Ecke gibt, ein kleines Haldern Pop in Rüsselsheim, wie jemand wohlwollend am Rande bemerkte. Und das Ambiente im alten Opel-Werksbau hat ohnehin besonderen Charm!

Nach zwei langen Festivaltagen tut es gut, zur Dämmerstunde zur Abwechslung elegant verlangsamten, gleichwohl intensiven elektropoppigen Tönen lauschen: Vök etwa, einem jungen isländischen Duo aus der Hafnafjördúr. Die zwar hörbar auf den Spuren von The XX, James Blake oder Massive Attack wandeln, ihre programmierten Beats aber ungewöhnlicherweise mit echten Saxophonklängen kontrastieren. Sängerin Margret Rán Magnusdóttir legt ihre helle, traumverlorene Stimme über diese nachdenlich-loungigen Sounds und lässt sich alle Zeit der Welt, flüchtige Zustände zu erkunden, ohne dabei notwendigerweise zu einem Ergebnis kommen zu wollen. Mit Vök kann man sich auf entspannte Weise treiben lassen. Flanieren in Tönen, sozusagen. Was an blauen, stillen Sommerabenden bestens zur ferienleeren Stadt passt. Plötzlich tun sich im Alltag neue Räume auf.

Intensive Balladen wollen sie schreiben, kommen aber mit Tracks wie »Ég bíð þín« keinesfalls dunkel dräuend daher, sondern vielmehr licht und leichtfüßig. Der Track klingt verschleppt bittersüß, aber gleichzeitig latent geheimnisvoll. Andri Már Enoksson setzt dazu einfühlsame Saxophon-Kontraste. Der Track »Before« ist einfacher zugänglich. Auch, weil hier englisch gesungen wird. Ist clubtauglicher, kann sich aber eine eigenwillige Unbestimmtheit bewahren.

Vök, die erst Anfang des Jahres als Band zusammenfanden, haben in den wenigen Monaten ihres Bestehns schon einiges vorzuweisen: Im Frühjahr gewann das Duo auf Island den Nachwuchswettbewerb Icelandic Music Experiments, bei dem jedes Jahr um die 40 neue Bands antreten. Einer der Sieger der Vorjahre waren übrigens Of Monsters And Men! Das renommierte isländische Label Record Records hat Vök mittlerweile unter Vertrag genommen, die Debüt-EP soll noch in diesem Sommer erscheinen. Bleibt nur noch die Frage, was Vök eigentlich bedeutet: Ein ins Eis geschlagenes Loch, so heißt es. Passt!

Foto: Brynjar Gunnarsson