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Foto nordische Landschaft

31. August 2013

Schön unberechenbar: Thea Hjelmeland

Danke mal wieder, königlich norwegische Botschaft, für feine Kulturtipps! Auf die junge Sängerin Thea Hjelmeland wäre man so schnell sonst nicht gestoßen! Für Schnellentschlossene in der Hauptstadt: Hjelmeland spielt morgen auf dem Kulturfest der Nordischen Botschaften. Wohnte ich in Berlin, ich täte hingehen! Naja, aber Sea Of Love im Hafen2 in Offenbach ist aber eine vernünftige Alternative in Rhein-Main! Aber zurück zu Thea Hjelmeland: Die Dame aus dem Dörfchen Førde, Kind musikalischer Eltern, lebt seit vier Jahren in Paris und hat sich eine feine Nische gesucht: Irgendwo zwischen Chanson, Singer-Songwriterigem, leicht Angejazztem, Balladigem, bisschen Rhythm´n´Blues, und huch, mitunter sogar Rock. Hjelmeland hat im vergangenen Jahr ihr Debütalbum »OH, THE THIRD« vorgelegt, das unter anderem von Tausendsassa Jarle Bernhoft produziert wurde. Sie selbst beschreibt ihre Musik als »blue, accoustic pop«, was die Sache ganz gut trifft, aber möglicherweise auch in die Irre führt. Denn Hjemeland ist schön unberechenbar: Klingt auf dem kabarett-affinen »I Need No Other« stellenweise wie eine entfernte Verwandte von Seeräuber-Jenny und Tori Amos, nur um in »Perfume« in den komplizierteren Klampfenmädel-Modus zu wechseln.

Perfume by Thea Hjelmeland | Acousmic from Abel14 Studios on Vimeo.

Außer singen kann Frau Hjelmeland auch noch Mandoline, Banjo, Gitarre, Ukelele, Piano und Schlagwerk spielen. Zur Zeit hört sie gerne Flamenco, Rihanna und Billie Holiday. Sagt sie. Und wirkt im eigenen musikalischen Schaffen mitunter so rätselhaft und eigenwillig wie eine Tigerkatze. Und ist selbstbewusst genug, um in ihrem Sechs-Minuten-Song über die Langeweile eine ausgiebige Schweigepause einzulegen, um danach zu elektronischen Störgeräuschen in lustvoll hysterisches Geschrei auszubrechen. Gefällt! In Frankreich hat sich Hjelmeland schon bekannt gemacht. Wird Zeit, dass sie auch mal ans andere Rheinufer überwechselt.

Foto: Vegard Fimland

26. August 2013

Fortgeschrittene Entfremdung mit Carmen Villain

Wenn eine Musikerin sich selbst den Künstlernamen Carmen Villain gibt, dann ist davon auszugehen, dass diese Frau nicht im Blümchenkleid und Birkenstocksandalen über saftige Wiesen schreitet. Ganz im Gegenteil: Die schlauen, unberechenbaren Schurkinnen dieser Welt gedeihen am bestens in der urbanen Wildnis, zur dunkelgrauen Dämmerstunde. Und verbergen ihre wahren Absichten hinter einem Vorhang wilder Haare, durch den die Augen mitunter bedrohlich blitzen. So macht es zumindest Carmen Maria Hillestad alias Carmen Villain. Zur Hälfte Norwegerin, zur anderen Hälfte Mexikanerin mit Wohnsitz in London. Dass Frau Villain zuvor ihr Geld durchaus erfolgreich als Model verdient hat, sollte eigentlich misstrauisch stimmen. Wenn ihr düsteres Debütalbum »SLEEPER« nicht beim norwegischen Label Smalltown Supersound herausgekommen wäre, einer der renommiertesten skandinavischen Adressen für Sounds zwischen Elektronik, Jazz und Psychedelik. Und wenn nicht Emil Nikolaisen von den Noise-Schlaumeiern Serena Maneesh tatkräftig bei der Produktion mitgeholfen hätte.

Keine Sorge: Stylish und hochglanzpoliert wird es in der Welt von Carmen Villain nicht. Eher kompliziert, mitunter kaputt und auf unterkühlte Weise hysterisch. Am ruhigsten geht es hier vielleicht noch im auf kammergrungigen, latent aggressiven, balladigen »Lifeissin« zu, wo sich die Musikerin unter dem Einfluss giftgrüner Stimulanzien zu stehen scheint (Absinth wird es sein!) und in Welten hinwegdriftet, in denen sicherlich böse Hexen das Sagen haben. Es ist ein Song für sternenlose Nächte, in denen die Dinge dezidiert nicht gut werden und die Sehnsucht nach Freiheit unerfüllt bleibt. Aber um Carmen Villain müssen wir uns keine Sorgen machen. Haben wir etwa Kerzen für Lydia Lunch, Siouxsie Sioux oder Kim Deal angezündet? Das haben diese Musikerinnen doch nicht nötig, die die dunklen Dinge souverän und lakonisch beim Namen nennen. »I am going to hell«, so endet dieser Track.

Dass ein gewisser kaputter Schick über Songs wie »Easy« liegt und der Geist der toten Model-Warhol-Muse Edie Sedgwick über diesen Tracks wabert, macht die Dinge doch nur auf eine interessante Weise kompliziert. Frau Villain inszeniert sich als mitunter lebensüberdrüssiges Nachtschattengewächs in einem Zustand fortgeschrittener Entfremdung. Das Träumen hat sie schon längst verlernt. Fieberschübe ziehen ihr kleines Boot scheinbar unwiderstehlich Richtung Mahlstrom. Könnte man meinen. Aber Carmen Villain, so verletzlich sie mitunter scheinen mag, hat das Ruder fest in der Hand und manövriert gekonnt über diese dunklen Wasser, diese Untiefen einer schwarzen Romantik. Die Furcht vor undefiniert Bedrohlichem schwingt aber immer mit. Irgendwie dekadent klingt das, aber irgendwie auch sehr ehrlich.

Foto: Kenneth Sporsheim

21. August 2013

Flod: Für die kühleren Stunden nach Sonnenuntergang

Noch sind die Abende lau, aber die Sonne geht jeden Abend gefühlte fünf Minuten früher unter. Das Licht verändert sich allmählich, wird intensiver, wärmer. Der September naht. Es gilt sich schon heute dafür zu rüsten, dass in spätestens zwei Wochen die ersten Stapel mit Spekulatius und anderem Weihnachtsgebäck in den Supermärkten auftauchen. Noch viel zu früh, um das Übergangsjäckchen aus dem blauen Sack im Keller zu holen, aber man kann sich ja musikalisch bereits auf kühlere Stunden nach Sonnenuntergang einstellen. Mit Flod aus Dänemark etwa: Das Quartett aus Aalborg fröhnt voller Hingabe dem eigenwillig verspulten Postrock, in dem die Gedanken auf angenehmste Weise ins Weite schweifen können. Agiert mit einer Vielzahl von Instrumenten aus der Grabbelkiste des Orff´schen Schulwerks. Und schickt mit vergleichbarere Begeisterung die elektronischen Helferlein gen Feenland. Sympathisch ist, dass sich die weißbehemdeten Jungspunde selbstbewusst alle Zeit der Welt nehmen, um ihre krausen Ideen zu entwickeln. Das Träumen lassen sie sich nicht verbieten.

Außer der Single »Joki« liegt von den Dänen noch kaum Material vor, aber diese kommt angenehm versponnen daher. Die Vier (zwei Nikolaijs, ein Daniel und ein Aksel) haben keine Scheu vor unperfekten Chorgesängen und dem Aufbau langer Spannungsbögen. Geduld muss man haben. Dass es sich bei Flod um »das bestgehütete Geheimnis Dänemarks« handelt, wie die Pressemenschen vom Reeperbahn Festival behaupten, ist wohl etwas übertrieben: Zu offenkundig haben die Nachwuchskräfte Sigur Rós oder den Landsleuten Efterklang gelauscht. Gleichwohl geben sie sich experimentierfreudig, schwelgen irgendwo zwischen tribaler Abenteurlust und romantischer Sinnsuche und streben hörbar nach dem Gesamtkunstwerk. Mit kunstvollen Cover-Illustrationen zwischen Japan-Ästhetik und Jugendstil. Auf dem Reeperbahn Festival in Hamburg in knapp vier Wochen treten Flod erstmals außerhalb Dänemarks auf. Wer in der Nähe ist, sollte hingehen!

Foto: Jacob Ljørring

17. August 2013

Flow Festival 2013 – Die besten finnischen Acts

Zum Flow Festival in Helsinki reist man nicht nur, um eine abwechslungsreiche und anspruchsvolle Auswahl angesagter internationaler Bands zu hören. Sondern auch deswegen, weil sich das Festival auf dem Industriegelände im ehemaligen Fischereihafen vorgenommen hat, die interessantesten finnischen Musiker zu präsentieren, die es üblicherweise so schnell nicht über die Landesgrenze nach Mitteleuropa schaffen. So weit, so aufregend. Aber bei der 2013er-Ausgabe des Flow muss man ein wenig Geduld mitbringen, um im Nachmittagsprogramm die kleinen Perlen zu entdecken. Und nicht immer völlig überzeugt werden. Von The Lieblings etwa, einer Formation alter Haudegen aus der finnischen Indierock-Szene, die es in ihren 30er Jahren noch einmal wissen wollen. Die mit viel Spielfreude in die guten alten 90er zurückblicken und offenkundig viele Lemonheads-Platten gehört haben. In die schöne Zeit also, als es sich zu scheppernden Gitarren und frischen Harmoniegesängen noch so angenehm träumen ließ. Mit seiner Debütsingle »It´s All Gonna Fall« hat das Quartett in Finnland einen eingängigen Sommerhit abgeliefert. Live wirken die drei Männer und die Frau am Schlagzeug zwar ungemein sympathisch, aber letztendlich einen Tick zu harmlos.

The Lieblings: It’s All Gonna Fall from Gaea Booking & Records on Vimeo.

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13. August 2013

Karin im Land der Zitate: The Knife auf dem Flow Festival

Anspruchsvolles zum Einstieg ins Flow Festival 2013 in Helsinki: Dass Kopf, Augen und Ohren Schwerarbeit zu leisten haben, hat bei The Knife, dem schwedischen Elektronik-Ensemble um die Geschwister Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer, durchaus Methode. Im Frühjahr haben sie nach längerer kreativer Schaffenspause, die von diversen Soloaktivitäten geprägt waren, mit »SHAKING THE HABITUAL« ein Album vorgelegt, das Kapitalismus- mit Sexismuskritik verbindet, gegen die Auswüchse des Neoliberalismus wütet und heftig auf das Schaffen des französischen Renegaten-Philopsophen Michel Foucault und die feministische Vordenkerin Judith Butler verweist. Ein ziemlicher Überbau, den die Schweden hier errichten, schwere Kost in einer musikalischen Welt, die auf einfache Konsumierbarkeit ausgerichtet ist. Was wir tun, ist politisch, sagen The Knife. Und gegen die oppressive, streng hierarchische Ausrichtung des Musikgeschäftes gerichtet. »SHAKING THE HABITUAL« ist eigenwillig, schwer zugänglich, irgendwie verstörend, voller merkwürdiger Geräusche und dennoch mitunter tanzbar. Sicher ist hier gar nichts, und auf eigenartige Weise entwickeln sich die Schweden hier zu Freunden im Geiste der unberechenbaren finnischen Weirdoes Paavoharju. Im Wald verlorengehen ist für beide erstrebenswertes Ziel. Je mehr die Gewissheiten schwinden, um so besser!

Aber wie funktioniert das live? Auf jeden Fall ganz anders als erwartet. The Knife bürsten alle Konventionen, wie ein ordentliches Konzert auszusehen hat, konsequent gegen den Strich. Inszenieren sich als Kapuzenfiguren, bei denen die Geschlechterunterschiede verwischen. Agieren mit Instrumenten, die man so noch nicht gesehen hat, die verfremdet wirken wie Dalí-Gemälde. Taumeln bewusst mit ausgefeilt arrangierten Tanzeinlagen in Richtung Musical, produzieren dabei ein Zerrbild der üblichen Genrestandards. Schön und harmonisch ist hier nichts, es geht eher um den Schritt vom Wege, dorthin, wo die Dinge wirklich interessant werden. The Knife und ihr Team schwelgen in tribalen Klängen und werfen mit Zitaten um sich wie Konfetti: Star Wars! Jane-Fonda-Aerobics! Expressionistischer Tanz und Film aus den frühen Tagen des 20. Jahrhunderts! Strawinskys »Sacre Du Printemps«! Verzweiflung, in Posen gegossen wie Rodins berühmteste Skulptur »Die Bürger von Calais«! Variationen über das Thema Sadismus und Unterwerfung wie in Pasolinis »120 Tage von Sodom«. Dass die Musik dann in dieser choreographierten Welt zwischendurch vom Band kommt, inkommodiert den einen oder anderen Festivalbesucher doch. Sakrileg! Doch darum geht es hier nicht, sondern um das Überschreiten von Grenzen und das Vor-den-Kopf-Stoßen im Sinne des positiven Verstörens. Karin Dreijer Anderssons fein schneidende Stimme wabert präzise über dieser tribaleln Walpurgisnacht und entzieht sich trotzig allen Standards weiblichen Angepasstseins. The Knife spielen ein Konzert, das mitunter ratlos zurücklässt. Ein Konzert, wie man es so noch nicht gehört oder gesehen hat. Dass nach einer Stunde ohne Zugabe Schluss ist, enttäuscht nur kurz. Die große Dosis Beunruhigung, wie sollte man die noch toppen? Konsens ist hier nicht. Wer mit diesem Konzept nichts anzufangen wusste, mäkelt, dass ein Tanzabend in der Montesossori-Schule so ausgefallen wäre. Andere ringen um Worte und können nur mit Mühe beschreiben, was hier eigentlich gerade passiert ist. Vielleicht ist genau das die Zukunft des Live-Geschäftes, nämlich die, eben nicht das Erwartete zu tun, denke ich. Geredet wurde über dieses Gig an diesem blaugrauen Abend in Helsinki noch viel. Was vielleicht schon das größte Kompliment ist.

Full Of Fire from The Knife on Vimeo.

Fotos: Noora Isoskeli, Tomi Kukkonen

 
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