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Foto nordische Landschaft

13. August 2013

Karin im Land der Zitate: The Knife auf dem Flow Festival

Anspruchsvolles zum Einstieg ins Flow Festival 2013 in Helsinki: Dass Kopf, Augen und Ohren Schwerarbeit zu leisten haben, hat bei The Knife, dem schwedischen Elektronik-Ensemble um die Geschwister Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer, durchaus Methode. Im Frühjahr haben sie nach längerer kreativer Schaffenspause, die von diversen Soloaktivitäten geprägt waren, mit »SHAKING THE HABITUAL« ein Album vorgelegt, das Kapitalismus- mit Sexismuskritik verbindet, gegen die Auswüchse des Neoliberalismus wütet und heftig auf das Schaffen des französischen Renegaten-Philopsophen Michel Foucault und die feministische Vordenkerin Judith Butler verweist. Ein ziemlicher Überbau, den die Schweden hier errichten, schwere Kost in einer musikalischen Welt, die auf einfache Konsumierbarkeit ausgerichtet ist. Was wir tun, ist politisch, sagen The Knife. Und gegen die oppressive, streng hierarchische Ausrichtung des Musikgeschäftes gerichtet. »SHAKING THE HABITUAL« ist eigenwillig, schwer zugänglich, irgendwie verstörend, voller merkwürdiger Geräusche und dennoch mitunter tanzbar. Sicher ist hier gar nichts, und auf eigenartige Weise entwickeln sich die Schweden hier zu Freunden im Geiste der unberechenbaren finnischen Weirdoes Paavoharju. Im Wald verlorengehen ist für beide erstrebenswertes Ziel. Je mehr die Gewissheiten schwinden, um so besser!

Aber wie funktioniert das live? Auf jeden Fall ganz anders als erwartet. The Knife bürsten alle Konventionen, wie ein ordentliches Konzert auszusehen hat, konsequent gegen den Strich. Inszenieren sich als Kapuzenfiguren, bei denen die Geschlechterunterschiede verwischen. Agieren mit Instrumenten, die man so noch nicht gesehen hat, die verfremdet wirken wie Dalí-Gemälde. Taumeln bewusst mit ausgefeilt arrangierten Tanzeinlagen in Richtung Musical, produzieren dabei ein Zerrbild der üblichen Genrestandards. Schön und harmonisch ist hier nichts, es geht eher um den Schritt vom Wege, dorthin, wo die Dinge wirklich interessant werden. The Knife und ihr Team schwelgen in tribalen Klängen und werfen mit Zitaten um sich wie Konfetti: Star Wars! Jane-Fonda-Aerobics! Expressionistischer Tanz und Film aus den frühen Tagen des 20. Jahrhunderts! Strawinskys »Sacre Du Printemps«! Verzweiflung, in Posen gegossen wie Rodins berühmteste Skulptur »Die Bürger von Calais«! Variationen über das Thema Sadismus und Unterwerfung wie in Pasolinis »120 Tage von Sodom«. Dass die Musik dann in dieser choreographierten Welt zwischendurch vom Band kommt, inkommodiert den einen oder anderen Festivalbesucher doch. Sakrileg! Doch darum geht es hier nicht, sondern um das Überschreiten von Grenzen und das Vor-den-Kopf-Stoßen im Sinne des positiven Verstörens. Karin Dreijer Anderssons fein schneidende Stimme wabert präzise über dieser tribaleln Walpurgisnacht und entzieht sich trotzig allen Standards weiblichen Angepasstseins. The Knife spielen ein Konzert, das mitunter ratlos zurücklässt. Ein Konzert, wie man es so noch nicht gehört oder gesehen hat. Dass nach einer Stunde ohne Zugabe Schluss ist, enttäuscht nur kurz. Die große Dosis Beunruhigung, wie sollte man die noch toppen? Konsens ist hier nicht. Wer mit diesem Konzept nichts anzufangen wusste, mäkelt, dass ein Tanzabend in der Montesossori-Schule so ausgefallen wäre. Andere ringen um Worte und können nur mit Mühe beschreiben, was hier eigentlich gerade passiert ist. Vielleicht ist genau das die Zukunft des Live-Geschäftes, nämlich die, eben nicht das Erwartete zu tun, denke ich. Geredet wurde über dieses Gig an diesem blaugrauen Abend in Helsinki noch viel. Was vielleicht schon das größte Kompliment ist.

Full Of Fire from The Knife on Vimeo.

Fotos: Noora Isoskeli, Tomi Kukkonen