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Foto nordische Landschaft

17. August 2013

Flow Festival 2013 – Die besten finnischen Acts

Zum Flow Festival in Helsinki reist man nicht nur, um eine abwechslungsreiche und anspruchsvolle Auswahl angesagter internationaler Bands zu hören. Sondern auch deswegen, weil sich das Festival auf dem Industriegelände im ehemaligen Fischereihafen vorgenommen hat, die interessantesten finnischen Musiker zu präsentieren, die es üblicherweise so schnell nicht über die Landesgrenze nach Mitteleuropa schaffen. So weit, so aufregend. Aber bei der 2013er-Ausgabe des Flow muss man ein wenig Geduld mitbringen, um im Nachmittagsprogramm die kleinen Perlen zu entdecken. Und nicht immer völlig überzeugt werden. Von The Lieblings etwa, einer Formation alter Haudegen aus der finnischen Indierock-Szene, die es in ihren 30er Jahren noch einmal wissen wollen. Die mit viel Spielfreude in die guten alten 90er zurückblicken und offenkundig viele Lemonheads-Platten gehört haben. In die schöne Zeit also, als es sich zu scheppernden Gitarren und frischen Harmoniegesängen noch so angenehm träumen ließ. Mit seiner Debütsingle »It´s All Gonna Fall« hat das Quartett in Finnland einen eingängigen Sommerhit abgeliefert. Live wirken die drei Männer und die Frau am Schlagzeug zwar ungemein sympathisch, aber letztendlich einen Tick zu harmlos.

The Lieblings: It’s All Gonna Fall from Gaea Booking & Records on Vimeo.

Und dann wundert man sich, was aus Samae Koskinen geworden ist. Einst als Sänger der legendären Sister Flo unter der Flagge des fein introvertierten Weirdpop gestartet (das wundervoll beunruhigende Album »THE HEALER« liegt bei mir immer noch in Griffweite!), hat seine Liebe für das Singen in der Landessprache (nicht dagegen einzuwenden!) und den Big-Band-Sound entdeckt. Mit sichtlicher Freude gibt Herr Koskinen an einem lauen Samstagnachmittag den Entertainer im imaginären Rüschenhemd und marschiert entschiedenen Schrittes gen Vegas. Auf der Strecke bleibt die unangepasste Verschrobenheit. Musik für den Kurpavillon am Nachmittag? Noch nicht ganz, aber eindeutig auf dem Weg dorthin. Aber er ist so offenkundig glücklich dabei. Und wer sollte ihm das missgönnen?

Interessanter ist es schon, was Rubik abliefern. Die experimentierfreudigen Indierocker um Sänger Artturi Taira spielen auf dem Flow einen ihrer raren Auftritte in diesem Jahr. Haben sich mit grellbunten, glamrockigen Operetten-Outfits ausstaffiert (für das normale finnische Mannsbild absolutes No-Go-Gebiet!) und werkeln an ihrem neue Album. Rubik stürzen sich mit offenen Armen ins Unbekannte, posten auf ihrer Homepage ein Fake Music Mixtape, entziehen sich lässig allen einfachen Verortungen und machen Musik für die Zukunft der Vergangenheit. Sagen sie. Hat etwas!

Black Lizard, das neue Paradepferd auf Nick Trianis Soliti-Label, lassen auf dem Flow Festival die Gitarren fett scheppern und tragen ihre Sonnenbrillen folgerichtig auch nachts. Bauen lakonisch-massive Gitarrensoundwälle am schwarzen Coolness-Äquator auf und bewegen sich so wenig wie möglich. Stoisch sein heißt hier in bester Jesus- & Mary-Chain-Tradition cool sein. Glauben diese Jungs. Und sind eigentlich ungelenk und schüchtern. Wissen auf der Bühne wenig mit sich und dem Publikum anzufangen. Die Songs wie das süchtig machende »Love Is A Lie« sind von unbarmherziger Schönheit. Ich bin durchaus ein Fan ihres selbst betitelten Debütalbums. Aber, ach! Die Bühnenpräsenz von Black Lizard fällt schwach aus. Schwarz tragen, rumstehen und auf die Instrumente einhauen, das reicht nicht. Zu wünschen wäre, dass Black Lizard gen späteren Abend Altmeister Nick Cave gelauscht haben, der mit seinen Black Seeds das mit weitem Abstand beste Konzert des gesamten Festivals abliefert. Die gequälte Seele auf dem Höllenritt. Musikliebhaber der unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen stehen da, lauschen hingerissen, wie Cave die Hauptbühne zum intimen Boudoir seines inneren Kampfes gegen schwarze Mächte umfunktioniert. Unglaublich intensiv! Wie schafft der das?

Black Lizard – Thrill from Jussi Nygren on Vimeo.

Müssen eben die finnischen Musikerinnen mit instinktiver Präsenz hier das Ruder herumreißen, wenn die Herren schon größtenteils schwächeln ! Die wunderbare Weirdpopsterin Lau Nau etwa, die in in intimer Atmosphäre im Cirkus die Grenzen zwichen Diesseits und Jenseits freundlich verschwimmen lässt. Oder die drei lakonischen Krawallmädels von Olimpia Splendid, die mit Macht den Gott des Gitarrenlärms herausfordern. Repetitive Soundwälle aufbauen, die den Besucher zu verschlingen drohen. Unbewegten Gesichtes angesichts all der Gewalten, die sie hier entfesseln. Das geht mitunter an die Schmerzgrenze, aber triumphierend so. Mit mitunter kathartischem Geschrei. Wo anders als beim experimentellen Fonal-Label könnten diese Grenzgängerinnen beheimatet sein?

Und die persönliche Favoritin ganz zum Schluss. Aino Venna, für die das Etikett Chanteuse ausnahmsweise bestens passt. Quietschlebendig, selbstbewusst, äußerst präsent, mit hohem Spaß am eigenen Spiel. Einfühlsam unterstützt von klassisch geschulten Mitmusikern. Aber Aino selbst an der Klampfe hat kraft ihrer Persönlichkeit das Potenzial, noch viel größerer Venues in den Bann zu ziehen als diese Nebenbühne des Nachmittags. Sich an ihrer blubberigen Lebensfreude in euphorische Zustände hochhangeln. Einiges erwartet. Über die Maßen belohnt werden. Chapeau, Mademoiselle Venna!

Basso Live: Aino Venna from Basso Media on Vimeo.

Foto: Noora Isoskeli.

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1 Kommentare

1. Stippvisite 26/08/2013 (Problemfall Amerika) | Lie In The Sound schrieb am 26. August 2013 um 21:46

[...] geschätzte Bloggerkollegin Eva-Maria vom Polarblog war beim Flow Festival in Helsinki, um sich von den Live-Qualitäten finnischer Bands zu [...]

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