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Foto nordische Landschaft

26. August 2013

Fortgeschrittene Entfremdung mit Carmen Villain

Wenn eine Musikerin sich selbst den Künstlernamen Carmen Villain gibt, dann ist davon auszugehen, dass diese Frau nicht im Blümchenkleid und Birkenstocksandalen über saftige Wiesen schreitet. Ganz im Gegenteil: Die schlauen, unberechenbaren Schurkinnen dieser Welt gedeihen am bestens in der urbanen Wildnis, zur dunkelgrauen Dämmerstunde. Und verbergen ihre wahren Absichten hinter einem Vorhang wilder Haare, durch den die Augen mitunter bedrohlich blitzen. So macht es zumindest Carmen Maria Hillestad alias Carmen Villain. Zur Hälfte Norwegerin, zur anderen Hälfte Mexikanerin mit Wohnsitz in London. Dass Frau Villain zuvor ihr Geld durchaus erfolgreich als Model verdient hat, sollte eigentlich misstrauisch stimmen. Wenn ihr düsteres Debütalbum »SLEEPER« nicht beim norwegischen Label Smalltown Supersound herausgekommen wäre, einer der renommiertesten skandinavischen Adressen für Sounds zwischen Elektronik, Jazz und Psychedelik. Und wenn nicht Emil Nikolaisen von den Noise-Schlaumeiern Serena Maneesh tatkräftig bei der Produktion mitgeholfen hätte.

Keine Sorge: Stylish und hochglanzpoliert wird es in der Welt von Carmen Villain nicht. Eher kompliziert, mitunter kaputt und auf unterkühlte Weise hysterisch. Am ruhigsten geht es hier vielleicht noch im auf kammergrungigen, latent aggressiven, balladigen »Lifeissin« zu, wo sich die Musikerin unter dem Einfluss giftgrüner Stimulanzien zu stehen scheint (Absinth wird es sein!) und in Welten hinwegdriftet, in denen sicherlich böse Hexen das Sagen haben. Es ist ein Song für sternenlose Nächte, in denen die Dinge dezidiert nicht gut werden und die Sehnsucht nach Freiheit unerfüllt bleibt. Aber um Carmen Villain müssen wir uns keine Sorgen machen. Haben wir etwa Kerzen für Lydia Lunch, Siouxsie Sioux oder Kim Deal angezündet? Das haben diese Musikerinnen doch nicht nötig, die die dunklen Dinge souverän und lakonisch beim Namen nennen. »I am going to hell«, so endet dieser Track.

Dass ein gewisser kaputter Schick über Songs wie »Easy« liegt und der Geist der toten Model-Warhol-Muse Edie Sedgwick über diesen Tracks wabert, macht die Dinge doch nur auf eine interessante Weise kompliziert. Frau Villain inszeniert sich als mitunter lebensüberdrüssiges Nachtschattengewächs in einem Zustand fortgeschrittener Entfremdung. Das Träumen hat sie schon längst verlernt. Fieberschübe ziehen ihr kleines Boot scheinbar unwiderstehlich Richtung Mahlstrom. Könnte man meinen. Aber Carmen Villain, so verletzlich sie mitunter scheinen mag, hat das Ruder fest in der Hand und manövriert gekonnt über diese dunklen Wasser, diese Untiefen einer schwarzen Romantik. Die Furcht vor undefiniert Bedrohlichem schwingt aber immer mit. Irgendwie dekadent klingt das, aber irgendwie auch sehr ehrlich.

Foto: Kenneth Sporsheim

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