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Foto nordische Landschaft

18. September 2013

Anarchische Mannsbilder: Hermanni Turkki

Ich bin unlustig heute. Es ist kalt und regnet und ich liege auf dem Sofa und lese in Verteidigung gegen den Frühherbst mit nie erlahmender Begeisterung Nancy Mitfords »The Pursuit Of Love«. Ach exzentrische englische Oberschicht, ach sinnlos vertrödelte Tage auf zugigen Landsitzen! Und dazu läuft auf Endlosschleife die gehobene Novembermusik vom neuen Girls In Hawaii-Album. »Until I sleep I forever walk«. Tiefer Seufzer! Höchste Zeit, sich von anarchistischen Finnen von diesen Winterschlaf-Attacken zu befreien. Von einer buntgescheckten, struppeligen Truppe von Straßenmusikern aus Helsinki mit dem schönen Namen Hermanni Turkki. Das quietschlebendige Quatschkollektiv singt aus rauhen Männerkehlen mit unbändiger Energie gegen die blöden Zwänge gegen des Erwachsenenlebens an. Schreit sich lustvoll die Seele aus dem Hals. Auch wer des Finnischen nicht mächtig ist, versteht, dass diese viele Jungs mit den unmodischen Haarschnitten dabei jede Menge Spass haben. Und überhaupt keine Lust, die braven Folkster mit dem Dackelblick zu geben! Frech mischt man die Stile durcheinander, von Balkan bis Argentinien, klaut ein wenig bei den Poetry Slammern und gibt mit Verve die rauflustigen Nordmänner. Das Video zu »Lihavaa Kuu« mit den Helsinkier Vorstadtzügen in einer Nebenrolle macht ebenfalls mächtig Laune. Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass sich selbst Ober-Coolmann Quentin Tarantino dem rauhen Charme dieser Kerle nicht entziehen könnte!

Selbstverständlich können die Herrmänner auch anders, denn Akkordeon, Ukulele, Klarintette und Mandoline sind durchaus auch Instrumente, die sich zum sanften Seelebaumeln und Schiffe-Nachschauen einsetzen lassen. Aber selbst ruhigere Songs wie »Linnun ontoissa luissa« haben ein rotzfreches Grinsen in den Augenwinkeln und brechen unvermittel in Walzerschritte aus. Den eigenen Stil bezeichnet man als Folkmelske oder Folk-Gaunerei, denn lupenreine Puristen sind diese wilden Kerle nicht. Befinden sich unter den Akteuren doch ein Dub-Techno-Produzent und ein publizierter Schriftsteller! Die neue EP von Hermanni Turkki (erfundener Charakter, was sonst!) ist eben erschienen, trägt den schönen Titel »LIHAVAA KUU« (fetter Mond) und macht mächtig Laune! Bitte auch mal auf den Straßen anderer europäischer Großstädte in Geschrei ausbrechen!