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Foto nordische Landschaft

30. Oktober 2013

Killing downtown Reykjavik by hotels: Eine Begegnung mit Rökurró

Das Iceland Airwaves Festival startet heute und Reykjavik vibriert vor Vorfreude. Man erwartet den Beginn des Festivals so sehnsüchtig, dass einzelne Bands bereits an den Vortagen in Plattenläden und Kneipen spielen. »Airwaves ist für uns wie Weihnachten«, sagen die Sechs von Rökurró, mit denen wir uns am Abend vor dem offiziellen Start auf ein Glas Bier treffen. In der Lobby eines stylishen Hotels, das praktischerweise in der Nähe des Proberaums der Band liegt. Womit wir schon bei einem Phänomen sind, das langsam größeres Unbehagen bereitet. Das traditonsreiche Café Hemmi & Valdi, in dem in den Vorjahren einige der besten Off-Venue-Konzerte stattgefunden haben: Geschlossen, weil dort ein Hotel entsteht. Der Club Faktory, in den Vorjahren ein Fixpunkt des abendlichen Veranstaltungsprogramms: Geschlossen, aus den gleichen Gründen. »They are slowly killing downtown Reykjavik by hotels«, fasst Árni von Rökurró knapp zusammen. Und erinnert sich daran, dass die Bands in ihren Anfangstagen ihre ersten Konzerte im Hemmi & Valdi spielte. Man braucht die kleineren Locations, um auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln, sind sich die Fünf einig. Auch darüber, dass das Konzerthaus Harpa zwar ein wunderbarer Veranstaltungsort ist, aber eben eher für arrivierte Bands. Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftszweig für Island. Aber eine Innenstadt, die nur noch aus Hotels, Boutiquen, schicken Cafés und Souvenirläden besteht, die ist steril und verliert ihre Identität. Zu sehr jammern wollen sie nicht, aber die aktuelle Entwicklung missfällt ihnen. Die quirlige Szene zieht übrigens gerade weiter Richtung Hafen, wo die Gentrifizierung Reykjaviks noch nicht so weit fortgeschritten ist, berichten Árni und Skúli.

Um Rökurró ist es in den vergangenen Jahren ein wenig still geworden, was unter anderem daran lag, dass Sängerin Hildur in Japan studierte und es Veränderungen in der Besetzung gab. Für ihr neues, noch unbetiteltes Album, das im Frühjahr erscheinen soll, haben sich die Sechs nichts Geringeres vorgenommen, als sich neu zu erfinden. Eigenschaften wie »verträumt« und »ambient« sollen nicht länger im Vordergrund stehen, auch Streicher-Elemente zurücktreten. »Wir probieren neue Dinge aus«, sagt Hildur. Kraftvoller wollen sie klingen. Tanzen soll man zu ihren Songs, nicht nur knutschen oder leise schluchzen. Und auch sprachlich wagen sie sich auf neues Terrain: Erstmals singen Rökurró in englischer Sprache. Die Richtung ist klar: Es geht eindeutig in Richtung Pop mit Upbeat-Synthie-Elementen. Und man hat keinerlei Scheu davor, sich als Fans von Fleetwood Mac zu outen. Produziert wird das neue Album von Helgi Jónsson . »Helgi ist ein Popfanatiker«, berichtet Hildur mit glänzenden Augen. Und das es großen Spaß macht, wenn Jónsson und seine Lebensgefährtin Tina Dico einen Teil des Background-Chors übernehmen.

Einen kleinen Vorgeschmack auf die neuen Töne geben Rökurró mit dem »Track Killing Time«. Die Band, die gerne Eiskrem isst, kommt hier sommerlicher und leichtfüßiger daher, hat aber nichts vom Hauch des Märchenhaften und Geheimnisvollen verloren, der sie immer umgeben hat.

Foto: Florian Trykowski