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Foto nordische Landschaft

31. Oktober 2013

Von Babuschkas und Kindchenschema-Elfen: Iceland Airwaves 2013

Zum Iceland Airwaves Festival fährt man nicht zuletzt, um auf musikalische Abwege zu geraten und sich überraschen zu lassen. Nicht, um nur die arrivierten Künstler zu sehen. Und deshalb kämpft man sich durch beginnnenden Nieselregen in einen kleinen, etwas angegammelten Club, um zu hören, was es mit Grúska Babúska auf sich hat. Das sind vier junge Isländerinnen, die sich als russische Mütterchen verkleiden und mit allerlei elektronischem Gerät ziemlichen Schabernack betreiben. Die übergestülpten bunten Kopftücher und die Fransenschals können die Mädels selbstverständlich nicht entstellen. Und wenn sie erst damit anfangen, mit Luftpumpenunterstützung auf der Tröte zu blasen, dann haben sie das Zuschauerherz schon fast gewonnen. Grúska Babúska klingen wie wildgewordendes Kinderfernsehen aus den späten 60ern: Schön schräg, augenzwinkernd naiv und sind auf allerliebste Do-It-Yourself-Art charmant. Die kleine Taschen-Drehorgal gibt den Takt vor: Wir sind sicher im Lo-Fi-Märchenland angekommen. Das Debütalbum der Mädels ist in Arbeit und soll kommendes Jahr erscheinen.

Drüben im schicken Harpa-Konzerthaus (die Jungs von Múm erzählten zuvor im Gespräch, dass die isländische Musikszene eine Hassliebe-Beziehung zu dem Bauwerk hat), könnte an diesem Abend eine neue Erfolgsgeschichte beginnen. Vök, das junge Elektropop-Duo, hat in diesem Jahr einen wichtigen isländischen Nachwuchspreis gewonnen und punktet mit dem Saxophon-Spiel von Andri Már Enoksson und der zarten, immer leicht verzweifelt klingenden Stimme von Margrét Rán Magnúsdóttir. Die mit ihren riesigen Augen unter dem kurzen braunen Haarschopf allen Kindchenschema-Klischees der Welt entspricht und auf entfernte Weise an Harriet Wheeler von den lange verblichenen Sundays erinnert. Vök bewegen sich souverän irgendwo zwischen Triphop, Mitzwanziger-Lebensangst und elegantem Weltschmerz. Erzählen vom Scheitern in nächtlichen Großstadtwelten, aber auf märchenhafte Weise. Die Menge lauscht andächtig. Das könnte was werden.

Sehr viel emotionaler wird es mit den Indierockern Valdimar im Reykjaviker Kunstmuseum. Die Band um den schwergewichtigen Sänger Valdimar Guðmundsson hat sich an diesem Abend reichlich Unterstützung von Bläsern mitgebracht, so dass man sich mitunter fast wie bei den Commitments fühlt. Aber nein, moderner Soul wird hier nicht geboten, sondern gefühlig-rauhe Töne mit Herz. Klingt theoretisch ziemlich kitschig, ist in der Realität aber schön innig. Guðmundsson greift mitunter selbst zur Posaune und erprobt sich an der klassischen Popballade. Das hier konsequent auf Isländisch gesungen wird, fällt fast gar nicht auf. Das Gefühl von leiser Wehmut, das kennt man doch! Zur Auflösung des emotionalen Staus darf es gerne mal episch werden.

Noch eine Spaßband, dieses Mal mit hohem Nerdfaktor. Love & Fog Fog heißt das Duo von Jón Þór Ólafsson and Axel Árnason. Kommt schön überkandidelt und selbstironisch daher und trägt dick auf. Dass man dazu Hornbrille trägt, das ist kein Gegensatz. Man dreht die Synthies auf, denkt laut über die schrecklichen Begleiterscheinungen des Erwachsenendaseins nach und verlängert die eigene Jugendlichkeit lieber noch um ein paar Jahre. Mit einem überteuerten Bier in der Hand in einer schon fast schunkelnden Bar kommen diese eigentlich albernen Töne sehr gut an.

Ach ja, und meine liebsten isländischen Postrocker For A Minor Reflection haben auch gespielt. Wie sie sagen, das erste Mal live seit längerer Zeit. Da kam rauhe Rührung auf. Und Emiliana Torrini hat mit ihrem mädchenhaften Charme überwältigt. Und Hjaltalín haben den Folkpop lange hinter sich gelassen, gehen in Richtung melancholischen Soul. Und covern als heimlichen Höhepunkt ausgerechnet Beyonces »Halo«. Himmel!


Hjaltalín – Halo (Live on Icelandic National… von LineSession

Die letzten 5 Beiträge von Eva-Maria Vochazer

3 Kommentare

1. SomeVapourTrails schrieb am 16. November 2013 um 12:55

Von Halo gibt es etliche tolle Coverversionen, nur das aufgebretzelte Original mag ich nicht. Auf Rarities von Ane Brun findet sich eine wirklich schöne, entschleunigte Version. Natürlich machen es auch Hjaltalín nicht schlecht, beim letzten Album war ja die von dir angesprochene Neuausrichtung sehr, sehr spannend anzuhören.

Über Vök wollte ich seit Tagen schon schreiben, allein ich komm nicht dazu. Gefällt sehr, gute Entdeckung von dir.

2. Stippvisite 16/11/2013 | Lie In The Sound schrieb am 16. November 2013 um 21:50

[...] mehr musikalische Acts als Einwohner vorzuweisen hat. Das Duo Vök ist der Kollegen Eva-Maria vom Polarblog bei den Iceland Airwaves 2013 aufgefallen. “Sie bewegen sich souverän irgendwo zwischen [...]

3. Eva-Maria Vochazer schrieb am 17. November 2013 um 12:04

Halo scheint tatsächlich eine beliebte Covernummer zu sein – die Jungs von Kakkmaddafakka haben den Song live auch mit im Programm und machen sich einen Riesenspaß daraus. Die Version von Ane ist tatsächlich ein Genuss!
Hjaltalín haben mich live sehr beeindruckt auf dem Airwaves – den luftigen Folkpop haben sie hinter sich gelassen, jetzt geht es an die tiefen Gefühle!
Und danke für Deine netten Worte! ;)

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