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Foto nordische Landschaft

10. November 2013

Kitschfreie Feierlichkeit: Eine Begnung mit Ragnar von Árstíðir

Wenn Weihnachten schon im Spätoktober kommt, dann spielen Árstíðir in kleinen Rahmen im Kulturzentrum Nordic House. Das Sextett aus Reykjavik ist bei einem seiner Off-Venue-Auftritte beim Iceland Airwaves Festival von warmem, roten Licht angestrahlt und schafft es, eine Atmosphäre kitschfreier Feierlichkeitkeit zu erzeugen. Verausgabt sich emotional in himmlischen Vokalharmonien, begleitet von Streicher- und Pianoklängen. Interpretiert hundert Jahre alte Hymnen auf eine Weise, dass sie frisch und überaus diesseitig klingen. Die Isländer haben es sich auf Tour zur Tradition gemacht, nach ihren Gigs an besonderen Orten a capella zu singen. Ihr improvisierter Auftritt im Wuppertaler Hauptbahnhof, zufällig auf Video gebannt, entwickelte sich jüngst unversehens zum Internet-Massenphänomen. Fast 900.000 Mal wurde »Heyr Himna Smiður« seitdem angeklickt. Der Text stammt von Kolbeinn Tumason – geschrieben im Jahr 1208 – gilt als älteste skandinavische Hymne. Und die Akustik im Wuppertaler Bahnhofsgebäude ist vom Feinsten!

Zum Gespräch kurz vor Festivalbeginn kommt Gitarrist Ragnar flott auf dem Fahrrad daher, in stylishes Schwarz gekleidet und mit riesenhaften Kopfhörern auf den Ohren. Einen vergeistigten Mittelalterbarden muss man sich wohl anders vorstellen. Unbedingt, denn wie Ragnar berichtet, spielt er noch in vier, fünf anderen Bands. Und macht am selben Abend noch reichlich Lärm bei der Reykjaviker Rockdunkelmännern Sign, wo er hinter den Keyboards steht. Dass sich die Szene in Islands Hauptstadt gerne gegenseitig befruchtet, ist für den Mann mit dem assymetrischen blonden Haarschnitt nichts Ungewöhnliches. Man profitiert von kurzen Wegen. Und gewinnt Rückenwind und Inspiration dadurch, dass es eine steigende Zahl isländischer Bands zu Auftritten ins Ausland schafft. Vor zehn, 15 Jahren wäre das so nicht möglich gewesen – und ohne Musiker wie die Sugarcubes, Björk oder Sigur Rós, die den Weg geebnet haben, wie Ragnar zurückblickend anmerkt.

Für isländische Musiker wie Árstíðir ist das Iceland-Airwaves-Festival etwas Besonderes. Es ist eine sehr gute Mischung zwischen groß und klein, zwischen improvisierten Auftrittsstätten und größeren Locations wie dem Harpa, sagt Ragnar. Die heimische Szene ist stolz darauf, sich Anfang November einem aufgekratzten und aufmerksamen internationalen Publikum präsentieren zu können. »Wir bemühen uns beim Airwaves alle, unsere besten Auftritte abzuliefern«, verrät er. Und schwärmt von der freundlichen, offenen Atmosphäre. Für die Zeit nach dem Festival gibt es bereits einen Spezialausdruck, der den niedergeschlagenen Seelenzustand beschreibt: Es ist der »Post-Airwaves-Blues«.

Eine einfache Erklärung für die überbordende Kreativität der isländischen Musikszene hat der Gitarrist nicht parat, höchstens eine vage Theorie: Denn bis vor vierzig Jahren waren die Isländer auf ihrem isolierten Eiland mitten im stürmischen Atlantik so bettelarm, dass sie sich keine teuren Instrumente leisten konnten. So sang man eben oder betätigte sich mit einfachen akustischen Gerätschaften. Und als Gitarren endlich erschwinglich wurden, nutzten isländische Musiker massenhaft die Gelegenheit, sich elektrisch verstärkt auszutoben. Mit dem Ergebnis, dass sich die Szene des 320.000-Einwohner-Völkchens immer mehr diversifzierte. Und man ist viel zu neugierig und quirlig, um sich nur auf einen Stil festlegen zu wollen. So ist es wohl zu erklären, dass die Berührungsängste hier geringer sind als anderswo. Dass man sich in mehreren Projekten gleichzeitig austobt, ist eher die Regel denn die Ausnahme, berichtet Ragnar. Auch die so homogen singenden Sechs von Árstíðir kommen aus völlig unterschiedlichen musikalischen Kontexten. Von isländischen Stereotypen will Ragnar nicht viel wissen. Streitet aber nicht ab, dass die Natur und die drastischen Jahreszeiten ihre Spuren im kreativen Schaffen der Bewohner hinterlassen. Und berichtet von dem Trend unter den Insulanern, sich von christlich-protestantischen Wertvorstellungen abzuwenden uns sich stolz auf die heidnische Wikinger-Tradition zu beziehen. Ob die Isländer aber noch an Elfen oder Trolle glauben? »Mit einem halbironischen Lächeln in den Augen vielleicht noch«, sagt Ragnar. Der aber wie seine Landsleute kein Problem damit hat, dass der Straßenbau umgeleitet wird, wenn sich diese Wesen in ihrer Ruhe gestört fühlen könnten.

Fotos: Florian Trykowski

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3 Kommentare

1. SomeVapourTrails schrieb am 16. November 2013 um 12:38

Oh, das hat durchaus eine heilige Ernsthaftigkeit und Ergriffenheit im Klang, da wagt es bestimmt kein Troll durch die Szenerie zu huschen. Gefällt mir, wobei ich mir gut vorstellen könnte, dass die andächtige Aura der Musik bei einem Konzert noch an Erlebniskraft gewinnt.

2. Eva-Maria Vochazer schrieb am 17. November 2013 um 12:00

Live kommt das tatsächlich noch eine Spur feierlicher herüber – aber diese Jungs verstehen es auch gut, die Dinge durch eine gewisse Selbstironie aufzulockern!

3. Tina Ra schrieb am 19. November 2013 um 17:45

Das Konzert fand nicht im Wuppertaler Hauptbahnhof statt, sondern im Stadtteil Wuppertal-Vohwinkel.

Danke an Arstidir für einen wunderschönen Abend.

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