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Foto nordische Landschaft

15. November 2013

Sehe ich aus wie eine Elfe? Eine Begegnung mit Myrra Rós

Wenn Myrra Rós außerhalb Islands auftritt, dann muss sie meist Erklärungsarbeit leisten. Denn die meisten wollen ernsthaft wissen, ob sie die Schwester von Sigur Rós ist, berichtet die Singer-Songwriterin lächelnd. Nein, Myrra Rós ist ein durchaus gängiger Vorname auf der Atlantikinsel, und die ungleich bekannteren Postrocker aus Reykjavik kennt sie höchstens vom Sehen. Als die Frau mit den purpurroten Haaren hatte sie sich beschrieben, als wir uns im Café an der einzigen isländischen Hauptgeschäftsstraße Laugavegur treffen, aber tatsächlich erweist sich die Farbe als ein zartes Pink. Wir erkennen uns dennoch! Die Singer-Songwriterin tritt auf dem Iceland Airwaves Festival fünf Tage hintereinander auf, meist in Cafés, Plattenläden oder Kulturzentren im Rahmen der Off-Venue-Konzerte. Und ständig kommt man dabei mit neuen Leuten ins Gespräch!, erzählt sie begeistert. Eine Einladung auf ein Festival in Norwegen kam nur zustande, weil Myrra im vergangenen Jahr vormittags bei einem der legendären Frühstückskonzerte im der Bar Prikið spielte, wo man mit Unmengen Kaffee und deftiger Kost das Hangover des Vortags bekämpft. Und die norwegische Bookerin horchte trotz der frühen Stunde auf, als die Frau mit der Gitarre zu singen begann. So war das! Myrra zappelt zwar nicht vor Enthusiasmus, Teil des größten Reykjaviker Musikfestes zu sein, aber sie könnte kurz davor sein.

Ihre eigenen folk-poppigen Töne sind von ruhiger, samtiger Schönheit. Kommen ruhig und nachdenklich daher. Sind leise Serenaden für langgedehnte Dämmerstunden, wenn das Licht partout nicht weichen will. Ihr Debütalbum »KVELDÚLFUR« ist in diesem Jahr auch in Deutschland herausgekommen und überzeugt mit sanfter Beharrlichkeit und einer Mischung aus englischen und isländischen Texten. Von einem zarten Elfenwesen hat diese stets lachbereite, quietschlebendige und auf ihre Art sehr bunte Sängerin so gar nichts an sich. Dass sie gleichwohl fern der Atlantikinsel als Elfe tituliert wird, belustigt sie eher. »Sehe ich aus wie eine Elfe? Ich sehe eher aus wie ein Troll!« rückt sie die Dinge zurecht.

Und weil wir hier in Island sind, hat Myrra natürlich auch ein Nebenprojekt mit dem schönen Namen VAR, das sie gemeinsam mit ihrem Partner Júlíus Óttar Björgvinsson gestartet hat: Poetische kleine Elektronika-Preziosen, die mit tappsender Zärtlichkeit daherkommen und eine unbestimmte Sehnsucht wecken. Begleitet von Harmoniumklängen. Sehr warme Musik, an der man sich zu den ersten Novemberfrösten wärmt. Myrra muss los. Zu einem improvisierten Konzert, zu neuen Abenteuern.

Foto: Florian Trykowski