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Foto nordische Landschaft

17. November 2013

Sympathiebonus! Kjurr, Boogie Trouble und Sumie Nagano

Kurz bevor die Erinnerungen an das Iceland Airwaves Festival in den morastigen Untiefen des Alltags zu versinken drohen, will ich einige Sympathiepunkte an Bands vergeben, über die ich unversehens stolperte und die mit Charme und Enthusiasmus Eindruck hinterlassen. Da sind etwa die Schlunze von Kjurr, die eine leicht angeschmutzte Variante des Do-It-Yourself-Schrammel-Gitarrenpops mit hohem Nerdfaktor spielen und dabei die unerwartetsten Haken schlagen. Das klingt im Ergebnis noch alles andere als fertig, ausgefeilt oder ausgereift. Aber die Drei verstehen es, eigenwillige Geschichten zu erzählen und schrauben sich im Prozess hierzu durchaus zu euphorischen Gefühlen hoch. Das Trio besteht erst seit knapp einem Jahr. Die Schlagzeugerin Sólrún Mjöll Kjartansdóttir gabelte man der Fama nach bei einem Zahnarztbesuch im Wartezimmer auf. Gemeinsam pflegt man flotte Tempowechsel und schrullige Selbstironie. Sänger Klemens Hannigan erzählt beim Auftritt im Nordic House launige Geschichten und droht damit, sich das T-Shirt vom mageren Jungmänneroberkörper zu reißen. Bitte nicht!

Wer einfach nur tanzen und dabei die Erinnerung an die Hochzeiten des Samstagnachtfiebers hochhalten will, der kommt um die putzmuntere Großgruppe Boogie Trouble nicht herum. Lasst alle Glitzerkugeln kreisen und die Disco-Kultur hochleben! Dreht die Synthies also auf! Beim Konzert im Kex Hostel tanzt fast der ganze Aufenthaltsraum zur unwiderstehlichen Stimme von Sängerin Helga Ragnarsdóttir. Die mächtig den Soul hat! Das Septett mischt noch eine kleine Prise Calypso unter, um dieser Mélange aus Pop und Pomp noch eine südliche Würze zu verleihen. Das Ganze kommt sehr unbekümmert und leichtfüßig daher und macht mächtig gute Laune. Dass die Akteure auf der Bühne dazu zum Teil Island-Pullover tragen, verstärkt den Spaß nur noch. Dass die Ironisierung (und somit Aneignung!) von Populärmusik eine kleine anarchische Komponente hat, verbergen die Boogie Troubles geschickt. Und Berührungsängste kennen sie nicht: So haben sie etwa ein Cover von Britney Spears hochkünstlichem Song »Toxic« im Repertoire. Klingt nicht schlecht in der isländischen Interpretation!

Leise und sehr intim geht es dagegen bei Sumie Nagano zu. Zu ihrem Mittagskonzert im Nordic House haben sich zwei Kindergartengruppen samt ihrer Erzieher (jawohl: es sind auch Männer dabei!) als Gäste angesagt, die brav und andächtig lauschen. Das ist übrigens mal wieder einer dieser Airwaves-Momente, bei denen man denkt: Toll, mehr davon! Die Sängerin aus Göteborg und ihre beiden Begleiter nehmen sich bewusst zurück und erzählen die kleinen, intensiven Geschichten. Tanzen bescheiden irgendwo auf den weiten Weiden zwischen Folk, Pop und minimalistischer Musik. Ihr Debütalbum hat Sumie in Deutschland im Studio von Nils Frahm aufgenommen. Sumie verlässt sich ganz auf Stimme, Gitarre und sorgfältige Arrangements. Nimmt sich Zeit, damit sich die Dinge entwickeln können. So entsteht eine kleine Hoffnung, dass Schönheit möglich ist, in ihrer zurückhaltendsten Form. Das scheinen selbst die Kindergartenkinder zu verstehen.