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Foto nordische Landschaft

27. Dezember 2013

Tiefe Wasser: Virta

Wie sich Töne tiefer Wasser anhören? Ein wenig jazzig vielleicht? Oder auch postrockig? Wenn es nach Virta ginge, käme auch noch eine experimentelle Note hinzu. Die teils bebrillten, teils betollten Jünglinge aus Helsinki spielen mit Gitarre, Schlagzeug, Trompete und Elektronikkram auf. Sehr selten wird gesungen. Die EP »TALES FROM THE DEEP WATERS« ist schon vor rund einem Jahr herausgekommen, aber beginnt erst jetzt allmählich, auch in Resteuropa Wellen zu schlagen. Diese Jungspunde lieben es vertrackt, kompliziert und vielschichtig. Und strahlen dabei eine selbstverständliche Souveränität aus, so dass der ganze Überbau überhaupt nicht wuchtig, sondern leicht und luftig daherkommt. Die Trompete von Antti Hevosmaa steht selbstbewusst im Mittelpunkt, ohne die anderen Mitspieler zu erschlagen. Dass hier sofort Miles Davis in den Sinn kommt, dürfte der Musiker als Kompliment auffassen. Auf der Debüt-EP gefällt besonders der (post-)rockigere Track »Traffic«, der wunderbar zwischen den Stilen galoppiert, aber sich nirgendwo anbiedert. Und der immer wieder für überraschende Schlenker gut ist. Das ist sicherlich nicht beim ersten Hören zugänglich, aber passt bestens zu späteren Nachtstunden, wenn der Wind ums Haus fährt und es endlich kälter wird. Und zumindest ein Teil des buntblinkenden Weihnachtslichtschmucks endlich erlischt.

In »TALES FROM THE DEEP WATERS« kann man zur Gänze via Bandcamp hereinhören. Und sich daran erfreuen, dass das Trio ausführliche Blicke in Richtung experimentellen Psychedelikrock wirft, was kein Wunder ist, kommen doch so stilbildende Bands wie Circle oder Magyar Posse aus der nicht zu weit entfernten Küstenstadt Pori. Und während die Bloggerkollegen von Lie In The Sound superfleißig waren und sogar schon ihre Lieblingsalben des Jahres 2013 gekürt haben, gönne ich mir lieber den Luxus des Unentschlossenseins und lasse mich stattdessen lieber von dieser wendigen Trompete auf »Afrikan Tähti« davontragen. Die so völlig unberechenbar ist wie eine Springmaus. Und mitunter tatsächlich so strahlt wie der titelgebende afrikanische Stern.

Foto: Tero Ahonen

23. Dezember 2013

Gebrochene Klänge für unruhige Seelen: Loji

Wer kurz vor Weihnachten genug von Harmoniesucht und Schönklang hat, der benötigt als Gegengewicht die unfertigen, unruhigen, so gar nicht perfekten Töne. Wie sie etwa vom schrulligen isländischen Singer-Songwriter Loji kommen, der eben sein zweites Soloalbum »SAMANSAFN« herausgebracht hat. Das von eher unruhiger Schönheit ist und seine Stärke gerade aus seiner Unfertigkeit und seinem Hingezogensein zum Experiment bezieht. Musikalische Ideen hat Logi Höskuldsson alias Loji im Übermaß, denn der Zweitling umfasst nicht weniger als 19 Tracks. Meist Momentaufnahmen grenzwertiger Zustände von skuriller Eigenart, die dickköpfig vor sich hintraben. Bisweilen driftet der Musiker, der in Reykjavik (wie dort üblich!) noch in den Bands Prins Pólo und Sudden Weather Change aktiv ist, wie im Song »Tables Were Full Of Things« in psychedelische Gegenwelten ab. Unter »Lo-Fi Alternative Rock« wurde Loji letztens beim Iceland Airwaves für das breite Publikum in die Schublade einsortiert, aber das Rock-Attribut hätte man getrost streichen können: Es geht hier eher in Richtung Weirdpop mit ungewissem Ausgang. Durch diese Klänge geistern flüchtige Luftwesen, die sich partout nicht greifen lassen wollen.

Loji – Same Site, New Role from Olafur on Vimeo.

»SAMANSAFN« soll, so wird glaubhaft versichert, das isländische Wort für eine Sammlung unterschiedlicher Dinge, was die Sache doch recht gut trifft. Zu den Eigentümlichkeiten am Rande gehört hier auch, dass Loji sich vorgenommen hat, dass seine Alben alle mit dem Buchstaben »S« beginnen sollen, was er schon beim Erstling »SKYNNDISKYSSUR« in die Tat umsetzte. Das Album ist alles andere als leichte Kost, aber hey! Seichtes und durchgespültes hören wir dieser Tage zur Genüge, da kommen die beunruhigenden Töne doch gerade recht. Loji hat das Album zur Gänze auf Bandcamp gestellt. Und nimmt uns mit auf eine Tour de Force durch gefährliche Gefühlswelten. Übrigens gefallen gerade die elektronisch inspirierten, warmblütigen Geisterstückchen wie »It Wasn´t Part Of Your Dance« mit am besten!

18. Dezember 2013

Knock Out Festival 2013: Nordmänner in Karlsruhe

Tatort: Zweitgrößte Veranstaltungshalle Karlsruhes
Tatverdächtige: Heavy-Power-Hardrock-Metaller
Tatzeit
: Ausknockend lang
Tatzeugen: 6.000 Heavy-Power-Hardrock-Metal-Fans

In der Geschichte des Knock Out Festivals ergatterten bis 2012 nur zwei nordische Bands einen Platz auf der Bühne: Hammerfall anno 2009 und Stratovarius anno 2011. Ansonsten dominierten britische, niederländische und vor allem deutsche Metalrecken das Programm: Saxon, Within Temptation, Edguy, Helloween, Blind Guardian, Grave Digger, U.D.O., Rage, … Bisher also kein Grund für nordische-musik über das laut Veranstaltern größte Hallenfestival Deutschlands zu berichten.

Am 14. Dezember 2013 schaffen es aber gleich zwei Nordlichter auf die Bretter der Europahalle in Karlsruhe: Die fulminanten Ex-Grand-Prix-/ ESC-Gewinner Lordi aus Finnland und die schwedischen Power Metaller Sabaton, als Headliner. Dazwischen feiern Saltatio Mortis ein Heimspiel, danach Doro ein halbes – ihre Freundin Regina Halmich kommt von hier. Als Opener haben die Veranstalter Bottom Row sich für die zwei südwestdeutschen Kapellen Kissin’ Dynamite und Pink Cream 69 entschieden.

Mein rechtzeitig zum Auftritt Lordis geplanter Einmarsch in den Fotograben, wird durch widrige Umstände verhindert. Erst nach gut einem Drittel des Sets bin ich in der Halle. Immerhin bekomme ich noch einige meiner Favoriten mit, wie »Blood Red Sandman« (lässiges Video) und die teuflische Kampfansage »Devil Is a Loser«.

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17. Dezember 2013

Satyricon im LKA: »I am possessed« – noch immer

Tatort: LKA – statt Club Zentral, Stuttgart
Tatverdächtige: Taiwanesische Norweger
Tatzeit
: Gefühlt zu kurz
Tatzeugen: Überwiegend Langhaarige

Dimmu Borgir haben mich irgendwann verloren. Irgendwann zwischen 1996 und 2004. Zwischen Kommerz und Bandquerelen. Satyricon nicht: Von »THE SHADOWTHRONE« (1994) bis zum überfälligen »SATYRICON«-Album (2013) habe ich sie / haben sie mich die ganzen Jahre begleitet.

Frost, der Konstante, und Satyr, der Wandelbare. Nicht mal mit der »MEGIDDO«-EP konnten sie mich vergraulen. Live gesehen habe ich sie unter anderem in Oslo, auf dem Inferno 2013, oder in Bergen beim finalen Hole In The Sky-Festival 2011. Kurz: »I am possessed« – noch immer.

Seit Monaten habe ich mich auf den Stuttgart-Gig am 12. Dezember 2013 gefreut, mit den taiwanesischen Chthonic als Vorband – und werde nicht enttäuscht.

CHTHONIC – Anheizer …

Chthonic habe ich als coole Vorband Ensiferums anno 2007 in Erinnerung, dank ihres Plattenvertrags beim finnischen Label Spinefarm. Weniger coole Erinnerungen dürften Chthonic an den heutigen Tag in Stuttgart haben:

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15. Dezember 2013

Musik für dünnhäutige Menschen mit Tragic Van

Nicht nur draußen wird es kälter, sondern auch in den Songs des finnischen Musikers Tragic Van. Gerade der Track »Paper Thin« bildet den perfekten Soundtrack für Tage, an denen der Graupelregen nicht enden will. »It´s getting colder now, I´m feeling wind on my skin. I´m feeling paper thin«, singt dieser blasse, blonde Mensch in der abgetragenen Jeansjacke. In seiner Welt wechselt die Farbe des Himmels mit alarmierender Geschwindigkeit von dunkelblau zu tiefschwarz. Dazu puckert ein einsames Banjo. Der verdiente finnische Bloggerkollege Vesa Lautamäki von One Chord To Another hat die Musik von Tragic Van mit dem schönen Attribut »Finamericana« versehen. Und dabei ein wenig unter den Tisch fallen lassen, dass hier mitunter noch eine Spur naiver 60ies-Popseligkeit durch diese Songs huscht. Und eine kleine Prise Singer-Songwriter-Verlierertum. Wobei klar ist, dass der Held hier seinen Optimismus noch lange nicht verloren hat: Die Sterne sieht er immer noch!

Tragic Van ist das Soloprojekt von Henri Seger aus Helsinki. Der Mann hat der Fama nach in den vergangenen Jahren vor allem durch Cover-Konzerte seines Helden Elliot Smith auf sich aufmerksam gemacht. Nun scheint die Zeit endlich reif zu sein, aus dem Schatten des großen Vorgängers zu treten. Ende November hat der Musiker seine Debüt-EP »PAPER THIN« vorgelegt. Die zwar nur drei Tracks enthält, aber es ist zumindest ein Anfang. Herr Seger überzeugt durch feine Beobachtung und erzeugt unspektatuklär sehnsüchtige Gefühlszustände. Dazu dürfen neben der Slide-Gitarre auch mal die 80ies-Synthies einen Gastauftritt hinlegen. Tragic Van macht tröstliche Musik für dünnhäutige Menschen. Und ist somit hoch alltagstauglich. Weitermachen so, junger Mann!

 
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