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Foto nordische Landschaft

27. Februar 2014

Wir mögens auch sakral! iampsyencefiction

Seit gestern abend tobt in den Clubs und Bars von Oslo das alljährliche by:Larm Festival, natürlich mit jeder Menge Bands aus der quirligen norwegischen Szene und den Nachbarländern, aber, man höre und staune, auch mit einem Deutschland-Schwerpunkt. Wo uns mittlerweile sogar die Briten cool finden und Angela Merkel mit der Queen Tee trinken darf, da können die Skandinavier nicht hinten anstehen! Der Keynote-Vortrag vom Chef des Reeperbahn-Festivals interessiert an dieser Stelle aber weniger, denn mir hat es mit fortschreitender Dämmerung eher eine norwegische Nachwuchsband mit dem komplizierten Namen iampsyencefiction angetan, die mit schön schwermütigen und beseelt hymnenhaften Herrengesängen daherkommt. Und wenn wir schon von Hymnen sprechen: Ihr neues Video zum Song »Spy Vs. Spy« haben die Osloer passenderweise in einer Kirche aufgenommen. Damit uns schön feierlich ums Herz wird, wenn Streicher seufzen und wunde Männerseelen nach Seelentrost suchen. Selten hat Nachtrauern ehrlicher geklungen.

Das Quintett um Sänger Aleksander Johansen (der übrigens von den Lofoten stammt!) hat im vergangenen Herbst die EP »DON´T STALL« vorgelegt, in der sich die Dinge auf innige Weise verlangsamen und man sich in Einsamkeit und Dunkelkheit zu orientieren versucht. Bei den Bandmitgliedern handelt es sich um eine überraschende Mischung aus Musikern aus der Band von Piano-Wunderkind Einar Stray, den Psychedelikpop-Träumern Dråpe und den lokalen Szenegrößen Lama und The Little Hands Of Asphalt. Offenkundig schauen diese melancholischen Fünf gerne gen Westen, denn wenn wir diesen reduzierten, melancholischen Geschichten vom Verlieren und Trotzdem-Weitermachen lauschen, sind Bon Iver oder The National als Referenzfiguren nicht weit. Aber ich will nicht kritteln, dafür geht diese sensible Erwachsenenmusik zu sehr ans Herz, während draußen die Straßenlaternen angehen. Den Norwegern kann man noch bis weit in die Nacht hinein zuhören, bis einem sanft mürbe ums Herz wird. Denn sie klingen tröstlich, sehr tröstlich.

23. Februar 2014

Finnische Merkwürdigkeiten: Suomen Zorro & Elämän Paineet

Die Finnen stehen im Ausland in dem Ruf, merkwürdige Kauze zu sein. Die sich am liebsten mit eigenwilligen und abseitigen Dingen beschäftigen, die so schnell keinem außerhalb der Landesgrenzen in den Sinn kämen. Und dabei am liebsten schweigen. Die Filme von Aki Kaurismäki und die Romane von Arto Paasilinna scheinen dieses Klischee nur zu bestätigen. Und die alljährlichen Berichte von Wettkämpfen im Gummistiefel-Weitwurf oder Weltmeisterschaften im Luftgitarre-Spielen verfestigen die Klischees. Dabei sind doch eher andere Dinge merkwürdig: Die FAZ macht sich heute über den Fußballer Toni Kroos lustig, nur weil sein Lieblingsmusiker James Blunt ist. Und folgert daraus, dass dieser 24-jährige ein unverbesserlicher Biedermann ist. Über die musikalischen Qualitäten von James Blunt kann man streiten, aber Herr Kroos hört vielleicht mal andere Musik, wenn er über 30 ist. Und vielleicht gründet er sogar irgendwann sein eigenes Plattenlabel, wie es Ex-Nationalspieler Mehmet Scholl getan hat! Ihr seid hier merkwürdig, Edeldfedern aus Frankfurt!

Aber ich schweife ab. Denn es gibt die nachdenklichen, krausen Töne finnischer Musiker zu entdecken, deren musikalisches Projekt unter der Flagge Suomen Zorro & Elämän Paineet segelt. Was übersetzt so viel heißt wie »Der finnische Zorro & der Druck des Lebens«. Für die Findung dieses Namens schon mal Respekt. Das Quintett aus dem finnischen Süden beschreibt den eigenen musikalischen Stil als »dunklen Traum-Folk« und liegt damit schon mal ziemlich richtig. Erfasst aber diese Einsamkeit und Grübelei nicht, die diesen tastenden Tönen eigen ist. Die Fünf erzählen Geschichten, die Zeit und Raum brauchen und bloß nicht verkürzt werden dürfen. Auch ohne Kenntnis der Landessprache erschließt sich hier, dass hier jemand mit wachen Augen durch den Alltag spaziert und sich seine eigenen Gedanken spinnt. Die finnischen Zorros haben gerade neues Material herausgebracht, darunter die Single »6 Syliä« (sechs Fäden), in der ein verirrtes Piano seinen Weg durch die Wirren des Lebens sucht. Dabei sei tastend und mitunter sogar sogar zärtlich vorgeht. Und Fragen stellt. Was viel schwieriger ist, als mit einfachen Erklärungen aufzuwarten. Dank geht an den unermüdlichen Bloggerkollegen Vesa Lautamäki von One Chord To Another für die Empfehlung!

20. Februar 2014

Vom Verlieben in den Klang der Wörter: Eggs Laid By Tigers

Sich vom Klang der Worte überwältigen lassen. So können musikalische Liebesgeschichten beginnen. Die Drei von Eggs Laid By Tigers, Veteranen der Kopenhagener Musikszene mit hoher Affinität zum Jazz, haben allesamt wundersame Begegnungen mit den Gedichten des walisischen Poeten Dylan Thomas hinter sich. Und haben sich zu einem ungewöhnlichen Projekt zusammengeschlossen: Die Band, die ihren Namen einer Gedichtzeile von Thomas entnommen hat, vertont ausschließlich Verse des Walisers. Der übrigens in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, aber bereits im Jahr 1953 verstarb. Beflissene Hochkulturpflege haben die Dänen mit ihrem Projekt nicht im Sinn: Sensibel, zartfühlend und fabulierwütig kommen die folkpoppigen Songs auf dem Debütalbum »UNDER THE MILE OFF MOON« daher. Bei ihrem Nachmittagskonzert im Offenbacher Hafen2 sehen Eggs nur auf den ersten Blick etwas abgekämpft aus: Haben sie doch am Abend zuvor noch in St. Gallen beim Nordklang Festival gespielt und auf dem Weg ins Hessische das Kunststück fertiggebracht, sich in der ordentlichen Schweiz hoffnungslos in abgelegenen Alpentälern zu verfahren! Aber kaum stehen die Drei auf der Bühne, ist von Müdigkeit nichts zu spüren: Sondern dominieren Konzentration, unbedingte Hingabe an Wort und Musik und eine geradezu kindliche Spielfreude. Was übrigens die Kinder im Publikum am besten zu würdigen wissen: Die hören aufmerksam zu, ganz im Gegensatz zu manchen Erwachsenen, für die es offenkundig eine Überforderung darstellt, auch nur eine halbe Stunde lang den Mund zu halten! Gitarrist Jonas, der seit rund anderthalb Jahren in Berlin lebt, macht launige Ansagen auf deutsch mit allerliebstem dänischen Akzent. Und sein Kollege Martin erzählt auf der Bühne mit leuchtenden Augen davon, wie es sich anfühlte, im vergangenen Jahr das Geburtshaus von Dylan Thomas in Swansea zu besuchen. »Ich schaute aus diesem Fenster und sah, wie die Schiffe in den Hafen ein- und ausliefen! Und ich konnte begreifen, was seine Gedichte inspiriert hat!«

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18. Februar 2014

Initiative gegen Lizenzgebühren für Embedded Content

Die österreichische AKM und ihr deutsches Pendant GEMA wünschen sich eine Vergütung für urheberrechtlich geschützte Inhalte, die auf Webseiten eingebettet werden. Dies haben sie im Zuge von Konsultation zum EU-Urheberrecht geäußert. Sollten AKM und GEMA mit dieser Forderung auf offene Ohren stoßen, dieser Wunsch von der EU-Kommission im Rahmen der Modernisierung und Harmonisierung des europäischen Urheberrechts berücksichtigt werden, hätte das gravierende Auswirkungen. Für jeden auf Musikblogs oder Musikmagazinen eingebetteten YouTube-Clip oder SoundCloud-Stream würden Lizenzgebühren anfallen. Da die Mehrheit der Blogs und kleinen Magazine keine kommerziellen Interessen verfolgt, etwaige Werbeeinnahmen oft nur zum Bestreiten von Server-Kosten verwendet, würden Lizenzgebühren das Bloggen zu einer kostspieligen Angelegenheit machen.

Die Konsequenzen wären auch für den normalen Internet-NutzerInnen spürbar. Für viele BloggerInnen wäre diese Angelegenheit der finale Paukenschlag, der ihnen ihr Hobby endgültig vergällt. Bis auf Online-Angebote finanzkräftiger Verlage und Medienhäuser könnte sich wohl kaum jemand Lizenzgebühren leisten. Die Anzahl der Informationsquellen für Musik wäre wieder auf Internet-Vorzeit zusammengestaucht. Denn natürlich würden BloggerInnen hoffnungslos ins Hintertreffen geraten, wenn ihnen die Möglichkeit des Einbindens von Clips und Streams genommen würde. Sie wären in der Steinzeit des Internets angekommen, während den wenigen großen Magazine alle Optionen des digitalen Zeitalter zur Verfügung stünden. Denn es wäre für BloggerInnen schlichtweg nicht praktikabel, in jedem Einzelfall zu recherchieren, ob MusikerInnen in ihrer Eigenschaft als KomponistInnen oder TexterInnen etwa von der GEMA vertreten werden. Jeder vermeintlich verwendbare Clip könnte zu einer Abmahnung führen, selbst wenn ein GEMA-Mitglied wie Lieschen Müller auch nur eine einzige Textzeile dazubeigetragen hat.

Eine somit abhandengekommene Vielfalt hätte aber auch Konsequenzen für MusikerInnen. Wo bislang vom einarmigen, guatemaltekischen Countertenor bis hin zur kasachischen Backpfeifen-Punkband jede Spielart von Musik ihre Würdigung fand, täten sich unbekanntere Acts und kleinere Label mit der Wahrnehmung deutlich schwerer. All die Veröffentlichungen würden in ihrer Fülle nicht länger abgebildet werden.

Aus all den angeführten Gründen wären Lizenzgebühren für eingebettete Inhalte letztlich ein Pyrrhussieg für GEMA und AKM. Als BloggerInnen, denen Musik am Herzen liegt, sprechen wir uns daher gegen den Vorstoß der Musikverwertungsgesellschaften aus. Wir ersuchen MusikerInnen, die VertreterInnen von Plattenfirmen und Promotionfirmen um Unterstützung. Das kann man beispielsweise dadurch tun, indem man diese Petition auf Change.org unterschreibt. Wir würden uns darüber hinaus freuen, wenn unser Anliegen weiterverbreitet wird. Es geht uns wohlgemerkt nicht um die Abschaffung von GEMA und AKM. Lizenzgebühren für Embedded Content sind jedoch eine Schnapsidee, die wir entschieden zurückweisen!

Dieser Aufruf wurde von den geschätzten Berliner Bloggerkollegen von Lie In The Sound verfasst und ist unbedingt unterstützenswert!

15. Februar 2014

Wie eine Kerze im leichten Luftzug: Fura

Zählen wir doch mal alle Klischees auf, die uns spontan zu isländischer Musik einfallen! Los geht´s: Geheimnisvoll, nebelumwabert, elfisch, mystisch, elusiv, eigenwillig, märchenhaft, gegenweltlich und kauzig. Die Liste ließe sich fortsetzen. Auf Fura, das neue Projekt von der Atlantikinsel, treffen einige dieser Attribute tatsächlich zu. Aber was für diese sphärischen Sounds einnimmt, sind ihre Ruhe und Gelassenheit. Und vor allem die himmlische Stimme von Sängerin Björt Sigfinnsdóttir, die mitunter wie eine Kerze im leichten Luftzug flackert und trotzdem Licht in der Dunkelheit spendet. Die Frau aus einem kleinen Fischerdorf an der isländischen Westküste hat sich bei Fura mit dem vielseitig aktiven Produzentenduo Hallur Jónsson und Janus Rasmussen von den Synthie-Zuckerbäckern Bloodgroup zusammengetan, um schwebende Songs zwischen warmen artifiziellen Elektronika und konkreten, sinnlichen Emotionen zu schaffen. Fura geling es scheinbar mühelos, eine Balance zwischen taubengrauer Traurigkeit und sanftem Selbstbehauptungswillen zu finden. Der Track »Poems Of The Past« ist ein Miniatur-Melodram, in dem nicht aufbegehrt wird, sondern die Tatsachen in poetischer Klarheit benannt werden. »I´m so carelessy ignorant, too«, singt Sigfinnsdóttir hier, ohne dabei larmoyant zu klingen.

Fura haben sich an diesem Wochenende erstmals einer größeren Öffentlichkeit präsentiert, und zwar auf dem Sónar Reykjavik Festival , einem nördlichen Ableger des Barcelona-Spektakels für anspruchsvolle elektronische Töne. Böse Zungen behaupten, das Sónar in der isländischen Hauptstadt sei eigens zu dem Zweck geschaffen worden, um die lange Wartezeit bis zum Iceland Airwaves Festival im November zu überbrücken. Es mag ein Fünkchen Wahrheit darin stecken! Aber zurück zu Fura! So weit ich das überblicke, hat das Trio dieser Tage seine erste EP vorgelegt. Und, ja: Auch der Track »Demons« ist eine feine, intelligente Ballade, die mit Synthieeinsatz prunkt und trotzdem nicht überladen wirkt. Und von Schauermär kann keine Rede sein!

 
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