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Foto nordische Landschaft

30. März 2014

Irgendwo in der Zukunft mit Treefight For Sunlight

Lange, viel zu lange haben sich Treefight For Sunlight irgendwo in den dänischen Hügeln versteckt. Aber endlich gibt es Lebenszeichen von den synthiepoppigen Vier aus Kopenhagen mit dem großen Faible für überkandidelte Töne. Erfreulicherweise können sie in der Single »Somewhere In The Future« gar nicht zu dick auftragen. Die Vier kommen hier daher wie exotische Paradiesvögel, spielen mit tribalem Trommelklang und schwelgen in Süßem, bis der Tortenguss kapituliert und genussvoll zerläuft. Darüber liegt die Falsettstimme von Morten Winther Nielsen. Der so gar kein Kitschkönig sein will, sondern einfach nur seine Gefühle in Cinemascope auslebt. Wer sich hier von zu viel grellem Pastell nicht ablenken lässt und das Melodrama in wohldosierter Form liebt, kann dieses Leben in Rosa einfach nur genießen. Aber aufgepasst: Hinter all diesen hochhaushohen Gefühlen verbergen sich kluge Arrangements und gekonnte Tempowechsel. Und eine geschmeidige Eleganz ist diesen Enkeln der Electric-Light-Orchestra-Generation sowieso nicht abzusprechen!

Dabei sind Treefight For Sunlight, die sich glaubhaften Berichten zufolge zwei Jahre lang im Studio verschanzt haben, durchaus für prosaische Dinge zu haben: So soll ihr zweites Album, das im weiteren Jahresverlauf erscheinen wird, den simplen Namen »PIZZA« tragen. Man kann zumindest eine Gemeinsamkeit zwischen dem italienischen Nationalgericht und den Dänen ausmachen: Beide sind bunt! Etwas blubberig-elektronischer, aber gleichwohl barock klingt auch das flehentliche »Come Closer«, der zweite Appetithappen vom neuen Werk. Der übrigens auch sehr tanzbar ist. Mit dem die Band ein kleines Feuerwerk entzündet, bis wir fast nicht anders können, als »oooh« und »aaah« zu seufzen und zum in Glitzerfarben illuminierten Abendhimmel aufzublicken. Und irgendwie muss die Polarbloggerin hier zwischendurch an eine Band denken, der Treefight For Sunlight sicherlich lange gelauscht haben: Die guten, alten Yes und ihr unvergessenes Synthie-Sahnestückchen »Wondrous Stories«. Ruhig auch mal die alten Sachen rauskramen!

Foto: Jonas Bang

24. März 2014

Ein Nachtschattengewächs: Promise And The Monster

Promise And The Monster ist ein nachtaktives Wesen. Mit einer Faszination für leicht Morbides, mitunter Naives, bewusst Zurückgenommenes. Hinter dem fast einschüchternden Namen verbirgt sich die Schwedin Billie Lindahl, die bereits seit Mitte der 2000er Jahre musikalisch aktiv ist und immer wieder lange Schaffenspausen einlegt. Zwei Alben hat die scheue Schwedin bislang vorgelegt, das letzte mit dem Titel »RED TIDE« stammt aus dem Jahr 2011. Frau Lindahl bewegt sich leisen Schrittes zwischen den Genres Folk und Gothic. Pflegt aber auch experimentelle, schräge Untertöne. Und zählt zu ihren bislang besten Konzerterlebnissen, dass sie in einem Schloss in Transsilvanien auftreten durfte. Mitunter kommt sie klampfig daher, tummelt sich aber auch gerne im Feld von Weird Electronica. Schlafwandeln könnte man zu diesen Songs, die immer zwei Zentimeter über dem Boden zu schweben scheinen. Als Kusinen im Geiste mag man Joanna Newsom oder Stina Nordenstam ausmachen. Die schwer zu greifende Musikerin will nur leise beunruhigen, aber das tut sie nachdrücklich. In ihrem Universum ist die Dunkelheit niemals wirklich schwarz, sondern voller Zwischentöne der Farbe Dunkelgrau. Im stimmigen Video zu »Night Out« wirft Promise And The Monster einen neugierigen und einfühlsamen Blick darauf, was die Tiere so nächtens so treiben, wenn es nass ist. Das ist unerwartet aufregend. Mit klug arrangierten Streichern übrigens, die dem Ideal der schwarzen Romantik hörbar nacheifern.

Wer die Sängerin bei einem ihrer raren Live-Auftritte außerhalb Schwedens (und Transsilvaniens!) erleben will, kann sich am 11. April ins niederländische Tilburg zum Roadburner-Festival aufmachen. Dass Promise And The Monster uch das Genre der Ballade beherrscht (ohne schwarze Augenringe!), zeigt sie im traditionell folkigen, mitunter fast schon feierlichen Track »Sheets«, den sie mit klarer Stimme intoniert. Davon kann man sich sanft gen ruhigen Schlaf geleiten lassen, so wie die Polarbloggerin jetzt, die morgen früh aufstehen muss. Draußen rauscht der Regen. Wie schön.

21. März 2014

Theatralische Unterwelten: Cours Lapin

Wenn eine Band das eigene Schaffen als »theatralische Unterwelt verzerrter französischer Märchen« bezeichnet, dann werden meine Ohren so lang wie die eines Märzhasen. Wie passend, dass sich Cours Lapin nach einem Karnickel benannt haben! Es scheint zunächst allerliebst, wie Sängerin Louise Alenius hier französisch singt und sich auf den ersten Blick als Fan der Bohème-Welt des Montmartre outet, wie sie die kulleräugige Kellnerin Amélie nicht besser personifizieren könnte. Aber halt, dem ist nicht so, denn diese Dänen wollen lieber garstige Geschichten erzählen, in denen der sanfte Grusel an den Rändern lauert. Im Video zu »Cache Cache« sind die Mädchen in den weißen Kleidchen keineswegs harmlos, sondern latent bedrohlich. Wie sie so aus modrigem Waldboden gen Licht streben, verzerrte Disco-Nummern tanzen und eine bedenkliche Neugier an menschlichen Behausungen zeigen!

Cours Lapin – Cache Cache from Fake Diamond Records on Vimeo.

Das Debütalbum der Vier aus Kopenhagen liegt schon ein paar Jährchen zurück, aber es lohnt sich in diesem Fall, zurückzublicken: Auf Anspielungen an den 60ies-Pop, die Filme von Tim Burton, die Tradition des französischen Kasperletheaters namens Grand Guignol, in der mächtig gehauen wird, und einer guten Prise dunkelgrauer Nachmahr-Melancholie. Die Stimme von Louise Alenius klingt nur für unaufmerksame Zeitgenossen kleinmädchenhaft naiv. Wer genauer hinhört, wird hier katzengleiche Unberechenbarkeit entdecken. Von Heimeligkeit nichts zu spüren unter diesen taubengrauen Pariser Himmeln. Der Fama nach hat Alenius zehn Jahre lang in der französischen Hauptstadt gelebt – lange genug also, um die Widersprüche aufzusagen, die sich zwischen Touristen-Romantik und realer Tristesse auftun. So ist es nur folgerichtig, dass diese Töne immer ein ganz kein bisschen schräg klingen.

Während von Cours Lapin aktuell wenig zu hören ist, hat Bandmitglied und Produzent Peder eigenes Material vorgelegt, dass ebenfalls hörenswert ist: Melodramatisch, nostalgisch, gewalttätig und zärtlich.

Peder “Ghost Of A Smile” Official Video from pederfromdenmark on Vimeo.

17. März 2014

Das Paradox entscheidet! Hypertext aus Bergen

Wenn eine Band sich Hypertext nennt, kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass es sich bei den Bandmitgliedern nicht um tumbe Dummnasen handelt. Volltreffer! Die Sechs aus Bergen sind tatsächlich ziemliche Schlaumeier und machen sich viele kluge Gedanken, aber sind, hurra! nicht mit akademischem Dünkel gestraft. Die fünf Herren und die einzelne Dame kommen im Gegenteil sehr animiert und leichtfüßig daher. Und man kann realistisch davon ausgehen, dass sie herzlich über sich selbst lachen können! Die beschwingte Truppe aus Bergen und Oslo ist schon seit 2006 aktiv und beim renommierten Bergener Label Klangkollektivet untergekommen. Tummeln tun sich hier übrigens Mitglieder der anarchischen Elektronik-Spielkinder Casiokids, aus dem Umfeld der eigensinnigen Chanteuse Susanne Sundfør und von den gehobenen Krachmachern The Megaphonic Thrift. Dass hier Gegensätze zusammenkommen, tut dem blubbernden Sound von Hyptertext nur gut: Die Band schnippselt Happen aus Krautrock, Lärm, Pop und Rock in den großen Topf und kocht darin ihr eigenes Süppchen. Angeblich sind die Sechs ausgezogen, um ihr eigenes Genre erschaffen, das sie »Astronaut Kraut« nennen. Wird zumindest glaubhaft behauptet. Die eigenen Interessen fassen Hypertext mit »Miniature Golf, Miniature Food, Miniature Microfilms« zusammen. Hier sind selbstironische Exzentriker am Werk! Das letzte Werk von Hypertext ist im vergangenen Jahr unter dem schönen Albumtitel »PROGMATISM« erschienen und harrt unbedingt noch der Entdeckung! In das krause Universum der Band kann man ausführlich via Soundcloud hereinhören.

Das Video zum neuen Song »The Paradox Decides« ist jedenfalls eine eigenwilliges kleine, phantasievolle Raumfahrer-Abenteuerfahrt in unendlichen Weiten, das lächelnd zwischen den Stilen manövriert und dabei, huch! gar eine poppige Zärtlichkeit verströmt. Sanft euphorisch und trotzem schlau ist. Geht doch!

Hypertext – The Paradox Decides from Klangkollektivet on Vimeo.

12. März 2014

Reveries: Träumereien aus Linköping

Linköping? Wo liegt Linköping? In Östergotland, knapp 200 Kilometer südlich von Stockholm. Wenn ich´s recht überlege, bin ich sogar schon mal in Linkönping gewesen, aber es hat sich so gar keine bleibende Erinnerung an diese Stadt erhalten. Diese Töne aber könnten nun hängenbleiben: Die von Reveries, schön zurückhaltenden Nachwuchs-Indiepopstern aus der schwedischen Provinz. Mellow, so würde man das wohl auf englisch beschreiben. Auf deutsch bräuchte man natürlich mehr Wörter dazu: Gefühlig, von gelassener Heiterkeit, ohne größere Aufreger. Die Gitarren sind eher sparsam eingesetzt, dafür steht die sanfte Stimme von Sängerin Alice Axinder im Fokus. Was eine gute Entscheidung ist: Denn wenn diese Frau davon träumt, dass ihr Liebster sie endlich wieder in die Arme nimmt, hoffen wir doch gleich mit ihr, dass dies nicht mehr so lange dauern möge. »Tip Of Your Tongue« ist ein jedenfalls ein Song, der dem Bandnamen alle Ehre macht.

Ansonsten ist von Reveries nicht viel bekannt, die sich auf offiziellen Bandfotos hinter schwarzen Sonnenbrillen verbergen und im Fünferpack daherkommen. Postrock, Postpunk und Shoegaze sehen die Schweden selbst durch ihr musikalisches Universum wirbeln. Aber wenn man´s genau nimmmt, lässt man sich hier eher vom guten alten Indiepop (britischer Ausprägung) der 80er Jahre inspirieren, was nicht die schlechtesten Vorbilder sind. Ein großes Werk haben die jungen Linköpinger noch nicht vorzuweisen, man bastelt wohl am Debüt. Und einen Plattenvertrag hat man auch keinen, aber wer braucht den schon, wenn man die eigenen Songs via Bandcamp verbreiten kann. Was hier gefällt, ist die unangestrengte, entspannte Art, mit der Reveries ihren Alltagsbeobachtungen und Tagträumereien nachhängen. Wenn in Tracks wie dem feinen »Rows« eine leise Traurigkeit mitschwingt, dann eignet sich das bestens zum nächtlichen Nachsinnen. Darüber vielleicht, warum diese verhaltene Melancholie gerade so leicht ans Herz geht, dass es aufs Angehmste zu schmerzen beginnt.

 
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