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Foto nordische Landschaft

14. Mai 2014

Liebemachen mit Socken an: Spot Festival 2014

Wollen wir das Rad noch einmal neu erfinden? Auf dem Spot Festival startet am Samstag ein neuer Versuch, sich via Musikplattform ins Gespräch und ins Geschäft zu bringen. Musik.dk heißt das neue Angbebot von Universal Records, Copenhagen Records und A:larm Music, das an diesem Nachmittag präsentiert wird. Mangels Kenntnis der Landessprache mag sich der Sinn des Projekts noch nicht so recht erschließen. Auf meine Online-Registrierung hin wird mir versprochen, ich könne Karten für ein Robbie-Williams-Konzert in Kopenhagen gewinnen! Nein danke, da bleibe ich doch lieber in Århus und lausche den Bands, die sich auf dem Musikplattform-Event kurz vorstellen: Mont Oliver etwa, die sich überraschend souverän zwischen Pop, Hip Hop und huch! souligen Einlagen bewegen, mit schickem Falsettgesang. Diese finster blickenden Buben tun aber nur so, als seien sie kleine Gängster, sie kommen mit viel zu viel Gefühl daher. Und da ist noch der in seiner Landessprache singende dänische Liedermacher Bo Evers, der kauzige kleine Songs zum Besten gibt und dabei maunzt wie eine beleidigte Katze. Sehr gern würde man genauer verstehen, welche kleine Garstigkeiten er in Tracks wie »Fred« von sich gibt. Dem Paarbeziehungs-Hasser-Video ist zumindest zu entnehmen, dass der männliche Däne beim Liebemachen die Socken anbehält. Lebenspraktische Information, das!

Schnell gewechselt ins Foyer des Musikhuset, um der U-20er Boygroup mit den schicksten Seitenscheiteln des Tages zu lauschen: Quick Quick Obey heißen die adretten Jungspunde, die gerne dick auftragen und sich offenkundig genau dann am wohlsten fühlen, wenn die Gefühle so groß werden wie katarische Fußball-WM-Arenen. Die sehr sympathischen Vier haben keinerlei Scheu vor pathetischen Synthie-Sounds und schwülen Schwärmereien, ohne dabei ins Kitschige abzudriften. Vielleicht deshalb, weil ihnen hohle Gefühle fremd sind? Diese Jungs meinen es ernst, aber mit einem ironischen Glitzern in den Augen. Gut so!

Eine kleine Entdeckung sind auch die dänischen Folkpopsters NovemberDecember, die sich in herzerwärmend melancholischen Americana-Sounds emotional entblößen und dabei immer durchblicken lassen, dass sie die Hoffnung noch lange nicht haben fahren lassen. Die Fünf zelebrieren fein zurückgenommene Harmoniegesänge, die, hurra! in Tracks wie »Save Yourself« nach einer kleinen Anlaufphase sogar in leichte Euphorie verfallen. Man muss nur geduldig darauf warten! Frohnaturen werden auch Southern Gothic Tales in diesem Leben nicht mehr werden. Um Sänger Anders H. Riis live zu erleben, muss man sich abseits des offiziellen Festivals bewegen, denn auch das Spot hat sein Off-Venue-Programm. Die Fairbar ist ein urgemütliches Café mit politisch korrekten Getränken. Das kleine Bier aus der lokalen Mikro-Brauerei ist fast so gut wie mein lokales naturtrübes Getränk aus dem hessischen Ried. Platz ist für gerade mal zwanzig Leute, man rückt zusammen, lauscht aufmerksam und knabbert Erdnüsschen. Da kommen Tracks wie das fast schon feierlich verlangsamte »Beat« gerade recht, auch wenn es draußen noch hell ist. Seelenschmerz kann so schön sein! Sein lebendiges Herz schlägt immer noch, daran lässt Herr Riis keinen Zweifel.

Aber, Hand aufs Herz, eigentlich bin ich hier, um Goodbye Lisichka endlich live zu erleben. Die verträumten dänischen Dreampopsters mit dem Faible für Maurice-Sendak-Bilderbücher, eigentlich nur zu dritt, haben sich für das Spot-Gig einen Schlagzeuger und zwei Chor-Mädels mitgebracht, die kaum alle auf die improvisierte Bühne passen. Sind so aufgeregt, dass sie fast schon rosige Wangen haben. Sie glühen. Haben in Ermangelung eines Debütalbums selbst gebrannte Promo-CDs mitgebracht, die in ebenso selbst gefalteten Umschlägen stecken. Sind mit Hingabe und großer Zärtlichkeit bei der Sache. Erschaffen eine Atmosphäre naiver Feierlichkeit, in der das Wünschen immer noch geholfen hat. Sie sind verspielt. Schauen mit Kinderaugen auf die Welt und sind damit ganz sie selbst. Die Trompete von Daniel Bonde lächelt dazu. Das muss man auch erstmal fertigbringen! Liebevolle, handgemachte Töne, die so gar nichts mit schnödem Eskapismus zu tun haben! Bitte noch ganz viele feine Geschichten erzählen!

Aber zurück zum offiziellen Festival! Wo die wunderbarsten Treefight For Sunlight zum ersten Mal seit zwei Jahren live auftreten und sich und das Publikum an den eigenen Schöngesängen berauschen. Die vier Aficoanados von Beach-Boys-Zuckerbäckertönen verlien sich hörbar in ihre eigenen Töne. Die dreireireihige Strasskette des ebenfalls singenden Schlagzeugers funkelt wie die Klunker eines Broadway-Dancegirls. Die neuen Tracks vom lange überfälligen zweiten Longplayer kommen elekronischer daher als der Vorgänger, aber hey! an diesem Abend zelebrieren die Treefights auch die alten Tracks wie »Facing The Sun« mit Verve und es bleibt gar nichts anderes übrig, als lauthals mitzusingen! Sicherlich nicht so schön wie die Dänen!

Treefight For Sunlight- Facing The Sun from Bella Union on Vimeo.

Ach, zum späteren Abend hin flattert man fast wie ein Nachtfalter zum nächsten Gig. Ist nicht sicher, ob der zunehmende Erfolg und die damit einhergehende Professionalisierung dem dänischen Wunderkind Jonathan Schultz alias Schultz And Forever wirklich gutgetan hat. Der junge 19jährige Herr mit dem wirren Haarschopf ist ungemein talentiert, und die akustischen Tracks seiner Debüt-EP gehen sehr ans Herz. Hier tritt er mit Begleitband auf, der Sound ist voller – aber schon fast überdimensioniert. Der Funke will nicht so recht überspringen. Bitte nicht zu schnell erwachsen werden! Schnell zum Abschluss noch gewechselt zur nächsten Nachwuchshoffnung, zu Karl William, der R´n´B gekonnt mit Elekronica verbindet und dabei fein vor sich hinräsoniert. Mit den dunklen Nachtschwärmereien von Lowly geht es gen Schlaf: Versponnen Träumereien, denen es nicht an Heftigkeit mangelt.

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