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Foto nordische Landschaft

16. August 2014

Flannelmouth, oder: Die Kassette als emotionale Zeitmaschine

Zu »Forgotten Tapes«, der neuen Single von Flannelmouth aus Helsinki, gibt es eine schöne Geschichte von Sänger Tuomo Kuusi: Der ultimative Abschied von Kindheit und Jugend beginnt mit einem Anruf von Mama: Das seit dem Auszug kaum veränderte Zimmer im Elternhaus muss endllich, endlich besenrein ausgeräumt werden, es pressiert! Der Musiker gerät in Panik: denn dort lagern noch die alten Mixtapes, in deren Erstellung damals reichlich Herzblut geflossen ist. An deren Songauswahl sich seismographisch das emotionale Auf und Ab der ersten Liebe ablesen lässt. Das sind lebensprägende Erinnerungen, das! Kuusi nimmt die Rettung der angejahrten Kassetten zum Anlass, Bilanz zu ziehen. Und in bittersüßer Vernunft zum Schluss zu kommen, dass loslassen mindestens so wichtig wie festhalten ist. Und um mit wildem Weh festzustellen, dass er sich vielleicht von der Liebe abgewandt hat? So melodramatisch das klingt: Erwachsenwerden ist eben so. Aber traurig kann man schon ein wenig darüber sein, dass die Zeit voranschreitet und man sich ändert und in einen Anzug zwängt, obwohl man das nie wollte.

Flannelmouth – Forgotten Tapes from Finn Andersson on Vimeo.

Flannelmouth sind auf ihre Weise eine besondere Band: Sie geben nicht auf und machen weiter. Und immer wenn man denkt, sie seien dieses Mal wirklich in der Versenkung verschwunden, tauchen sie unerwartet wieder auf. Das Debütalbum »RAIN INSIDE« (was für ein wundervoller Titel, übrigens!), kam im Jahr 2004 heraus und riss mich bereits damals zu dem Kompliment hin, dass diese Finnen es unerwarteterweise fertigbringen, optimistischen Depri-Pop zu machen. Der Zweitling »THE HEART CANNOT HOLD« aus dem Jahr 2010 wurde anerkennend unter »inniger Bescheidenheits-Pop« verbucht. Das sind eigentlich alles Dinge, die spröde sind, die sich nicht wirklich anpassen und die alles andere suchen als den schnellen Erfolg. Die eigene kleine Nische suchen und finden und in Babyschritten weitergehen: Dafür schon mal Hut ab vor Flannelmouth! »Forgotten Tapes«, der Vorbote eines noch unbetitelten dritten Albums, lässt eine weitere Stärke dieser Band aufblitzen: Eine selbstbwusste Unbeholfenheit. Nur eine kleine Unbeholfenheit in einer Zeit, in der alles möglichst perfekt sein muss. In der jeder Pickel via Photoshop wegretuschiert wird und Facebok eigentlich Lügenbuch heißt. Ach, bitte mehr Unbeholfenheit in dieserr Welt!