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Foto nordische Landschaft

26. September 2014

Reeperbahn Festival 2014, die neue Seltsamkeit

Es gibt einen Song aus der mittleren Schaffensphase von Tocotronic, in dem die schönen Zeilen vorkommen: »Und alles, was bis jetzt noch war, sei dann auf einmal nicht mehr da«. Genauso fühlt sich die Polarbloggerin, als sie nach einjähriger Abwesenheit den Spielbudenplatz auf St. Pauli betritt, das Herz des Reeperbahn Festivals. Die westliche Hälfte des Platzes ist zur Hälfte weg. Nicht, dass die so genannten Esso-Häuser ein Ausbund an architektonischer Schönheit gewesen wären, aber sie beherbergten immerhin das Molotow, einen der bekanntesten Musik-Clubs der Hansestadt. Der ist zwar Mitte September an anderer Stelle wieder auferstanden, aber trotzdem. Die Gentrifizierung der »sündigen Meile« ist also in vollem Gang. Am Wochenende sieht man so viele Stadtführer mit ihren Schäflein im Schlepptau auf dem Kiez, dass die Einheimischen fast in der Minderzahl sind. Am Spielbudenplatz soll zwar ein Clubhaus mit fünf Musikschuppen entstehen, aber im sterilen Neubau? Kaum vorzustellen. Schnell also die Flucht ind die Hasenschaukel, den liebevoll gestalteten kleinen Veranstaltungsraum für die leiseren Töne. Wo an diesem Abend die Folkpop-Hobos NovemberDecember aus Århus spielen und sich nach Erlösung sehnen. Diesem Zustand wollen sie durch gefühligen Schöngesang nahekommen, was durchaus honorig ist. Die traurige US-Prärie und die sanften Hügel rund um die dänische Hafenstadt müssen einiges gemeinsam haben! Freuen tut man sich aber vor allem darüber, dass mit der Hasenschaukel der charmanteste kleine Musikclub im Kiez wieder eröffnet hat und viele nette Menschen per Crowdfunding gespendet haben, um das möglich zu machen. Und Kayan, der supernette Türsteher, ist ohnehin schon ein Grund, dort vorbeizugucken und einen Schwatz zu halten.

Der Donnerstag ist offenkundig der Singer-Songwriter-Abend der Polarbloggerin, denn weiter geht es zu Olöf Arnalds, die barfuß und bloßbeinig auftritt und die Kunst der verschnörkelten Kargheit pflegt, nur von der Gitarre begleitet. Die Schnörkel kommen hier von der hellen, eigenwilligen, katzenhaft maunzenden Stimme. Gerne lässt man sich von Ólafur Arnalds Kusine in schrullige Gegenwelten entführen, in denen die Dinge wie bei Lewis Carroll anmutig aus dem Ruder laufen. Dass in ihren musikalischen Welten Elfen existieren, wollen wir gar nicht erst bezweifeln. Verwunschen geht es hier zu. Die isländische Musikerin kann aber auch anders: Dieser Tage stellt sie ihr viertes Album »PALME« vor, auf dessen Cover sie als Wiedergängerin von Twin-Peaks-Heroine Laura Palmer posiert. Und die neuen Töne klingen sehr elektronisch, auch nicht verkehrt!

Da geht es bei ihrer Landsfrau Lay Low erdiger und handfester zu, die sich als selbstbewusste Alternative-Country-Musikerin gerne auf Dolly Parton als Vorbild beruft. Aber ihre eigene, sehr sinnliche Stimme im weiten Feld von Alternative Country, Blues und Texicana bewegt. Gerne lotet die Chanteuse die Schattenseiten des amerikanischen Traums aus. Erzählt reduzierte Geschichten von Verlierern und Strauchlern. Vom Abkommen vom rechten Wege sowieso. Bei Schlaflied-affinen Tracks wie »Why Do I Worry« will aber keine süße Ruhe aufkommen, sondern eher eine nagende kleine Beunruhigung. Holla, von solchen kunstvoll düsteren Balladen brauchen wir mehr! Die ansonsten so laute Fangemeinde beim Reeperbahn Festival hört hier so mucksmäuschenstill zu, dass kaum ein Atmen zu hören ist.

Ach Hamburg, immer wieder anregend dort, auch wenn sich das Stadtbild sichtbar wandelt. Und auch die belgischen Pop-Jungspunde Douglas Firs und US-Chanteuse Angel Olsen spielen an späten Abend noch famos auf.

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