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Foto nordische Landschaft

29. September 2014

Kunstmärchen für Erwachsene: Reeperbahn Festival 2014

Da hat man naiverweise geglaubt, der Beruf des Music Supervisors sei ein Traumjob: Den ganzen Tag Musik hören und dann den Soundtrack für die coolsten Filme und TV-Serien auswählen. Leider sieht der Alltag ganz anders aus, wie drei Vertreter dieser Profession auf dem Konferenz-Teil des Reeperbahn Festivals berichten: Zum Alltag gehören 600 unaufgeforderte Mails pro Tag, alle von hoffnungsvollen Bands, die den Durchbruch schaffen wollen. Wie weiland die unbekannte Band Snow Patrol, die durch die Ärzte-Soap Grey´s Anatomy zu Ruhm gelangte. Zum Alltag gehört vor allem das Hausaufgabenmachen: Zu 100 Prozent abklopfen, dass mit der Verwendung eines Songs als Soundtracks rechtlich alles in Ordnung ist. Zum Alltag gehört, regelmäßig zwischen allen Fronten zu vermitteln: Produktionsgesellschaften, Regisseur, Band, Manager, Rechteverwerter, you name it. Zum Alltag gehört, regelmäßig gestalkt zu werden. Uff! Dass der Job trotzdem Spaß macht, versicherten die drei Music Supervisor auf dem Hamburger Podium gleichwohl glaubhaft. Ihr Rat an aufstrebende Musiker. Wenn ihr uns schon unaufgefordert eure Tracks zumailt, dann macht vorher zumindest eure Hausaufgaben, mit wem ihr es zu tun habt! Und erzählt eine Geschichte dazu, die überzeugend klingt. Und vor allem, übertreibt es nicht, müllt uns nicht voll!

Wie schnell sich Hoffnungen zerschlagen können, dass der eigene Song auf einem Serien-Soundtrack landet, beschreibt der junge, bebrillte Manager der norwegischen Elektronik-Dreampopsters Sea Change in der anschließenden Fragerunde: Song vom Music Supervisor tatsächlich ausgewählt, Rechte gewährt, und dann wird doch nichts draus! Nicht entmutigen lassen, heißt die Parole. Denn beim Auftritt von Sea Change am späteren Abend wollen so viele Menschen den elegant verdüsterten, angenehm komplizierten Tracks von Ellen A. W. Sunde lauschen, dass sich vor dem Eingang eine veritable Schlange bildet. Die Musikerin hat sich übrigens nach einem Beck-Album benannt und lässt sich bei ihren live-Auftritten von zwei Mitmusikern verstärken. Die Kunst der eleganten Verlangsamung – Frau Sunde beherrscht sie perfekt. Ihre Songs gedeihen am besten bei zu eingedunkelten Spätdämmerzuständen, in denen die Orientierung langsam verloren geht. Loopspielereien bilden den flüchtigen Grund, auf dem Sea Change mit heller Stimme die geheimnisvolle Sirene gibt, die sich in Andeutungen verliert. Das sind elektronische Kunstmärchen für Erwachsene, zu denen sich in Zeitlupe tanzen ließe. Wenn man nicht in den Plüschsesseln des Imperial Theaters säße.

In Nachtwelten gedeiht auch die schwedische Chanteuse Jennie Abrahmason bestens. Wobei es bei ihr deutlich lebhafter zugeht als bei der Norwegerin. Und ihre Bubblegum-Stimme hat so gar nichts von rätselhaftem Nachtschattengewächs, sondern passt viel eher in eine 80er-Disco, wo die bunten Lichter glitzern und wo man die Freitaggnacht bevorzugt verbringt, wenn man unter 25 und spaßaffin ist. Das klappt auf dem Spielbudenplatz sogar noch vor Einbruch der Dunkelheit! Dass sie ihrer Landsfrau Lykke Li genau gelauscht hat, ist bei Tracks wie »Give It Up« nicht zu überhören. Aber hey, sei´s drum: Die Schweden haben eben ein Händchen für gehobene Popmusik. Und so blubbert und schmachtet sie abseits ihrer nachdenklichen Momente hier im besten Material-Girl-Modus, bis sich die letzte Fußzehe in Bewegung setzt.

Wenn schon Frauentag auf dem Reeperbahn Festival, dann aber richtig! Deshalb schnuppere ich noch kurz bei der schwedischen Musikerin Jenny Wilson herein, die sich – Überraschung! ebenfalls in tanzverliebten Popuniversen der schickeren Art tummelt. Allerdings gibt es hier statt Minnie Mouse eher Lady Morticia zu goutieren. Wilson ist eine Stockholmer Szene-Veteranin, ein Steh-Auf-Frauchen, Mutter zweier Söhne und selbstbewusste Kritikerin des Lebens im Kapitalismus. Das klingt so künstlich wie Waldmeisterbrause, so hibbelig wie Teenager ohne iPhone in der Hand und so grenzwerthysterisch, wie man es Frauen im Zustand der Prämenstruation gerne nachsagt. Und fürs Tageslicht taugen diese Töne nur bedingt. Aber einer gewissen dunklen Faszination kann sich die Polarbloggerin nicht entziehen, ehe sie in dunkle Nebenstraßen abtaucht.

JENNY WILSON – THE FUTURE from DAEMON FILM on Vimeo.