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Foto nordische Landschaft

30. Oktober 2014

Lost in Lilyhammer: Ingrid Olava

Wem am Donnerstagabend normalerweise langweilig ist, wer nicht mehr vor der Türe will angesichts des Überhandnehmens dummdoofer neuer Halloween-Riten oder wer der Überzahl musikalischer Talente bei The Voice Of Germany überdrüssig ist, dem bietet sich in den kommenden Wochen endlich eine echte Alternative: Arte zeigt nämlich die erste Staffel von Lilyhammer, einer norwegisch-amerikanischen Produktion, in der es einen gestandenden New Yorker Mafiosi per Zeugenschutzprogramm in den sehr hohen Norden verschlägt. Skurill, schwarzhumorig, situationskomikaffin, mitunter brutal, aber immer intelligent geht es bei diesem Crash der Kulturen zu, mit einem erzcoolen Steven Van Zandt in der Hauptrolle, der schon bei den Sopranos mitmischte und ansonsten im mittelständischen Unternehmen des Herrn Bruce Springsteen an der Gitarre tätig ist. Dass die Unterschiede zwischen New Yorker Mobstern und norwegischen Hinterwäldlern letztendlich geringer ausfallen als erwartet, macht übrigens keinen geringen Reiz dieser Serie aus!

Klar, dass Musik in dieser Serie auch eine Rolle spielt. Aber so weit ich das via oberflächlicher Recherchen überschauen kann, fehlte in der ersten Staffel ein großes Budget für den Soundtrack, so dass man die verschneite Stille zunächst meist für sich sprechen ließ. Erst in den nächsten Episoden spielt die Musik eine größere Rolle. Und hier gilt es, die norwegische Sängerin Ingrid Olava (wieder)zuentdecken, die Freunden dunklerer Töne vielleicht noch als Sängerin von Madrugada in Erinnerung ist. Auch hier sind übrigens die einsamen amerikanischen Prärien und die melancholischen und harschen norwegischen Schneelandschaften eigentlich Wahlverwandte. Dass Ingrid Olava in der ehemaligen Olympiastadt Lillehammer aufgewachsen ist und dort auch ihrer ersten Auftritte absolviert hat, ist ein kleiner, aber feiner Mosaikstein, der ein stimmiges Ganzes für Lilyhammer ergibt. Klar, dass Ingrid Olava kein harmloses Hascherl mit piepsiger Klein-Stimme ist, sondern eine gestandene Frau, die ihre ersten emotionalen Blessuren bereits eingesteckt hat, ohne daran zu zerbrechen. Ihre Stimme ist erwachsen, ganz leicht angebrochen, reichlich desillusioniert, aber immer noch trotzig und latent rebellisch. Ihr kriegt mich nicht, sagt sie zwischen den Zeilen. Es kann schon sein, dass die Abwärtsbewegung im Leben der Sängerin bereits so mächtig geworden ist, dass Widerstand fast schon zwecklos ist, aber Ingrid Olava wird immer leidenschaftlich dagegenhalten, wie sie im sehr feinen Track »The Guest« deutlich macht. Nach Euren Konventionen spiele ich nicht, scheint sie der vernünftigen Erwachsenwelt zuzurufen, für die nächtliche Exzesse eine ernste Bedrohung darstellen. Ingrid Olava aber wird immer wieder das Risiko wählen. Was nicht einfach ist, aber aufregender!

24. Oktober 2014

Is This Really Me lassen die blasse Sonne aufgehen

Ach, diese maulfaulen Finnen! Schreibfaul sind sie auch noch! Da lassen die Is This Really Me aus Helsinki in ihren sanften und zurückhaltend euphorischen Tracks eine blasse Sonne aufgehen, aber verraten nicht sehr viel über sich. Wenn sich die Sechs selbst beschreiben, dann hört sich das via ihrer Facebook-Seite nämlich so aus: »Is This Really me are a band. A question. A mirror. A dialogue«. Aha, noch Fragen? Aber Panu Artemjeff, der Sänger, ist in der finnischen Indiepopszene wahrlich kein Unbekannter. Bei den legendären Rollstons aus Jyväskylä, deren bahnbrechendes Album »OUR GRAIN COULD FILL YOUR STADIUM« immer noch weit aus dem Durchschnitt herausragt, stand Artemjeff hinter den Keyboards. Und so muss es uns hier nicht ganz verwundern, dass sich Is This Really Me souverän auf der grünen Grenze zwischen Pop und Folk bewegen und mitunter auch gehörig Fahrt aufnehmen und mit blitzenden Augen und glitzernden Bläsern Richtung Sonnenuntergang schweben. Gänseblümchenpflückende Gutmenschen sind sie gewisslich nicht! Bei Is This Really Me blitzt doch ein gewisser Schalk in den Augenwinkeln auf. Und was hier den Unterschied ausmacht, ist eine leise Melancholie, die an den Rändern lauert, aber niemals zu sehr in den Mittelpunkt rücken darf. Bittersüß nennt man das wohl. Das Aktuellste, das von den Sechsen vorliegt, ist der fein temperierte Track »Sun«, in der die Sonne eindeutig septemberlich wärmt.

Breit ist das Werk der Finnen wahrlich noch nicht. Eigentlich liegt an fertigem Output nur die »BOXER 7« vor, bei der auch das Artwork angenehm auffällt. Und wenn Is This Really Me die alltäglichen Dinge feiern, dann dürfen auch die Trompeten ausnahmsweise triumphierend schallen. Die Harmoniegesänge sind schon fast housemartinesk, was immer eine gute Referenz ist. Mit diesem Track kann man abheben und nach den Sternen greifen. Ist ja auch ab und an mal nötig! Aber mit Bescheidenheit, bitte! Angeben sollen die Anderen! Die Finnen polieren lieber ihre Zwischentöne so lange, bis sie funkeln!

18. Oktober 2014

Intimität und Tiefe mit Karoliina Kuutio

Einverstanden: 98 Prozent der Inormationen, über die man via soziale Netzwerke täglich stolpert, sind völlig pillepalle. Aber es gibt eben doch immer wieder Entdeckungen zu machen: Wie die junge finnische Sängerin und Pianistin Karoliina Kuutio, über die ich via Instagram-Account des befreundeten Fotografen Lauri Hannus stolperte. Weil er nämlich die aktuellen Promo-Shots für die Nachwuchs-Chanteuse aufgenommen hat! Im Wald, auf der Insel Ruissalo vor den Toren Turkus, von deren Stränden aus man so wunderbar die Schwedenfähren gucken kann! Die ihre eigene Musik übrigens mit den sinnigen Worten »songs from the forest, songs from the woods« beschreibt und somit für Assoziationsvielfalt sorgt. Viel Material liegt noch nicht vor, aber die beiden Tracks auf der Soundcloud-Seite lassen aufhorchen: Reduziert und doch verträumt. Von sanfter Nachdenklichkeit. Und doch schimmert in Songs wie dem vielschichtigen »Saviours« eine wache Intelligenz durch. Und eine Lust am Spiel mit vielschichtigen Emotionen. Fast möchte man Karoliina Kuutio in Island verorten, in trauter Eintracht mit der Kollegin Sóley. Aber wo die Sóleys musikalische Poesie durchaus hexenhafte Züge annehmen kann, ist Kuutio viel lieber auf vertrackte Weise anmutig. Intim und tief kommen diese Songs daher, aber keine Angst: Von melancholischer Erdenschwere keine Spur!

Wer weitere Informationen zu Karoliina Kuutio sucht, muss sich die Sherlock-Holmes-Kappe aufsetzen und auf die Hilfe von Google Übersetzer hoffen. Aber so weit ich das übersehe, heißt die Sängerin mit bürgerlichem Namen Sanni Pesonen, ist Psychologiestudentin in Turku und war zuvor im Elektrop-Projekt Loft Apartment aktiv. Als Karoliina Kuutio will sie sich aufs Geschichtenerzählen konzentrieren, gut so! Und auf jeden Fall gilt es, die junge Frau im Auge zu behalten!

13. Oktober 2014

Zuckerherzen mit Young Karin, Zauseliges mit Júníus Meyvant

Ach, Vorfreude ist doch eine wunderbare Sache! In drei Wochen um diese Zeit will ich im Kex Hostel in Reykjavík sitzen, mit einen hoffnungslos überteuerten Oktoberfest-Bierglas in der Hand, und den wunderbaren Blick über die Bucht der isländischen Hauptstadt genießen. Und werde natürlich an der unmöglichen Aufgabe scheitern, einen persönlichen Zeitplan für das Iceland Airwaves Festival auszutüfteln. Kommt sowieso immer irgendwas dazwischen! Oder man lässt sich von interessanten Klängen unverhofft in irgendeine Nebengassen locken. Mit den Off-Venue-Konzerten, die improvisiert in Buchhandlungen, Kneipen oder Schwimmbädern stattfinden, wird das Angebot schier unüberschaubar. Schön, dieser Luxus!

Dass auf Island nicht alle Elfenklischees der Wahrheit entsprechen, beweist ein neues Duo mit dem simplen, aber einprägsamen Namen Young Karin. Das den Zuckerguss bewusst dick auf diese elektronischen Dancefloor-Tracks aufträgt, die aber trotzem nicht überladen wirken. Das blubbert schön künstlich, knistert viel versprechend und versprüht jede Menge Disco-Gefunkel. Die weiblichen Vocals sind mädchenhaft, was dieser Mixtur dann doch einen unschuldigen Charme verleiht. Ach, gegen ein bisschen Zuckerwatte ist doch nichts einzuwenden, die schmilzt doch so schön klebrig auf der Zunge! So weit ich das überblicke, sind Jungmann und- frau hinter Young Karin bereits alte Bekannte in der Reykjavíker Szene: Sie mischen auch bei den Spaßfolkpopstern Retro Stefson mit, aber wollen hier keinen arktischen Karneval feiern, sondern die coolen Disco-Träumer geben. Und so mag es kaum verwundern, dass es in einem der ersten Songs des Duos um Herzen geht, worum sonst!

Traditioneller geht es bei einem Newcomer in der islandischen Singer-Songwriterszene zu, bei Unnar Gísli Sigurmundsson alias Júniús Meyvant. Aber mit feiner Zurückhaltung hat auch dieser bärtige Zausel nichts am Hut. Der in seinem sehr wunderbaren Track »Color Decay« zu großer Geste ausholt und mit Streichern und Bläsern ins Symphonische abschweift, bis unsere Herzen ins mächtig Schwitzen kommen. Aber den freakfolkigen Unterton verlierert der rauhstimmige Sonderling trotzdem nicht, und das lässt diese euphorischen Zustände niemals in Zuckerige kippen. Gut so! Hier könnte glatt Konkurrenz für Ásgeir heranwachsen, der auf dem Airwaves vor zwei Jahren den Durchbruch schaffte. Der Herr Júniús steht unbedingt auf meiner Liste der nicht zu verpassenden Acts!

08. Oktober 2014

Óbó oder: Das Feingefühl im Sprechgesang

Einfach machen tut er es uns nicht, der Herr Óbo. Es sind vertrackte Miniaturen, die Ólafur Björn Ólafsson, der Tour-Keyboarder von Sigur Rós, auf seinem Solo-Debütalbum »INNHVERFI« vorlegt. Was übersetzt übrigens ein Wortspiel zwischen den isländischen Vokabeln für »Vorstadt« und »introvertiert« ist. Der Musiker aus Reykjavík erschafft mit minimalen, aber raffinierten Mitteln ein latent beunruhigendes und bewusst zurückgenommenes musikalisches Universum, in dem die Zwischentöne die Weltherrschaft ergreifen. Dass es hier um komplizierte Sachverhalte geht, denen man mit Worten kaum gerecht werden dürfte, erschließt sich auch ohne jegliche Kenntnis der isländischen Sprache. Es sind nur sieben Tracks, die der Musiker hier vorlegt. Aber diese kann man immer wieder hören und wird wunderbarerweise nicht schlauer dadurch. Und irgendwann einmal beginnt man zu begreifen, dass Óbo der verschollene isländische Cousin von blassen französischen Chansonniers wie Benjamin Biolay ist. Weil die Kurzform des Chansons komplizierte Gefühlszustände mit leichter Feder zu zeichnen weiß. Und dabei keinesfalls harmlos ist: Biolay pflegt wie Óbó das Feingefühl im Sprechgesang und kann kleine Garstigkeiten mit mitleidloser Präzision scheinbar flüchtig hinwerfen. Der Franzose hat zuletzt ein ganzes Album zum Thema Rache vorgelegt. Der Isländer singt über die ganz eigene Ödnis der wuchernden Reykjavíker Vorstädte.

Óbó nimmt die kleine Form und lässt sie dennoch zum großen Gemälde erblühen. Ein stolperndes Piano, Streicher und Vibraphon, darüber der nebelig sanfte Sprechgesang des Musikers: Das reicht, um Soundtracks für suburbane Schauermärchen zu erschaffen. Die sich erst auf den dritten Blick als solche entpuppen. Dass Óbó bereits Soundtracks zu Filmen beigesteuert hat, verwundert nicht wirklich. Am poppigsten ist auf diesem Album, das natürlich nirgendwo anders als beim Qualitätslabel Morr Music erscheinen kann, och der Track »Rett Eda Rangt« ausgefallen, der fast jazzig beginnt, um dann Fahrt aufzunimmt und einen Zustand verschatteter Zärtlichkeit erreicht. Es geht in diesem Song um nichts Geringeres als den Unterschied zwischen richtig und falsch. Und konkret um den Tag, an dem der Musiker getauft wurde. Ein ganz glückliches Datum kann das nicht gewesen sein. Fragen bleiben auf spielerische Weise offen. Ich kann diesen Track zehn Mal hören und entdecke immer neue, feine Stimmungen.

 
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