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Foto nordische Landschaft

02. Oktober 2014

Süße Mädchen, verknotete Jünglinge: Reeperbahn Festival 2014

Sind süße Mädchen, die über Liebe singen und dabei bescheiden die Augen niederschlagen, eigentlich hoffungslos altmodisch? Im Fall der finnischen Chanteuse Suvi muss das entschieden verneint werden. Denn Suvi kommt bei ihrem Gig in der plüschigen Prinzenbar so angenehm uneitel daher, dass man sie schon dafür einige Pluspunkte sammelt. Vielleicht liegt es auch daran, dass die junge Frau bei ihrem ersten Hamburger Auftritt eine sehr reduzierte Instrumentierung wählt: Nur ihre Stimme und der einfühlsame Mann an den Keyboards. Denn das Debütalbum »BLEEDING FOR YOUR LOVE« tendiert auf zurückgenommene Art doch zum orchestralen Elektropop britischer Prägung. Zu dem sich bestens verlangsamt tanzen lässt. Die Konzentration auf das Wesentliche tut diesen Tracks durchaus gut, obwohl auch die opulentere Version gefallen mag. Mädchenhafte Stimme, verletzliche Attitüde. Aber trotzdem auf unauffällige Weise selbstbewusst: Suvi kann das. Im stylishen Video zum Erstling spielt sie übrigens gekonnt mit 60ies-Anleihen und Schwarz-Weiß-Ästhetik. Besser gefallen aber tut fast die unaufgebügelte Variante.

Schüchtern ist Olivia Merilahti wahrlich nicht. Die weibliche Hälfte des finnisch-französischen Duos The Dø , die als musikalische Überraschungsgäste beim Electronic-Beats-Frühstück in der Hasenschaukel auftauchen, improvisieren nach längerer Bühnenabstinenz auf der Mini-Bühne voller Elan eine für ihre Verhältnisse fast schon akustische Version ihrer neuen Songs. Und man merkt: Hey, diese schlauen, vertrackten und trotzdem eleganten elektroppigen Sounds haben gefehlt! Vor allem die glasklar zarte Stimme von Olivia Merilahti. Dass die beiden Musiker einst als Filmkomponisten starteten, ist diesen verträumten, aber bei aller Flüchtigkeit hochpräzisen kleinen Geschichten anzuhören. Eine gewisse Eigenwilligkeit ist The Dø nicht abzusprechen: Mit katzengleicher Geschmeidigkeit manövrieren sie sich durch Nebenräume von Pop, Elektronik, Clubszene und urbane Schauermärchen. Vernachlässigen die tribalen Trommlereien dabei nicht! Klar, wer Tom Waits und die Young Marble Giants als Einflüsse zitiert, der ist keine simple Frohnatur. Mademoiselle Merilahti bringt es hier fertig, selbst im braven weißen Blüschen geheimnisvoll zu wirken. Chapeau! Und der Track »Keep Your Lips Sealed« vom neuen Album »SHAKE SHOOK SHAKEN« ist wirklich fein!

Von vielen flüchtigen Momenten des Reeperbahn Festivals will ich nicht erzählen. Eindruck hinterlassen hat ein linkischer, blutjunger Mensch aus Oxford namens Charlie Cunningham. Gitarre, Stimme und postpubertäre Abgründe, die sich auftun. Der diese Gemengelage in nüchterne Schönheit verwandelt, puuhh! Billy Bragg dürfte sich freuen. Oder die sehr coolen und angenehm dekadenten Rococode aus Kanada, die keine Angst vor zu viel Gefühl haben! Aber ironischeweise ist das allerletzte Konzert des Festivals das allerschönste: Endlich ein Wiedersehen mit Einar Stray und seinem Orchester, welche Freude! Einar Stray, dieser dürre, baumlange Schlacks, ist ein Meister darin, seine Gliedmaßen hinter den Keyboards zu verknoten. Allein dies ein Wunder an souveräner Ungelenkheit! Was Einar und sein Orchester in diesen frühen Morgenstunden im Knust bieten, ist pure Hingabe und bedingungslose Leidenschaft: Symphonischer sind sie geworden, die Norweger, üppiger und funkelnder. Und sie zelebrieren diese Klänge mit höchster Disziplin, wie mein Landsmann aus Schönau im Wiesental dies ausdrücken würde. Einar Stray ist im besten Sinne ein Besessener, ein Zauberer und ein Glücklichmacher sowieso. Und ein Bescheidener: Kurz nach dem Gig steht er am Merch-Stand und sagt Alltagsdinge wie »Hello, I am Einar. Which size of t-shirt do you need?« Was übrigens genau vor einem Jahr auch Antoine Wielemans, der Sänger von Girls In Hawaii, an gleicher Stelle tat. Das neue Einar-Stray-Album »POLITRICKS« ist übrigens absolut zu empfehlen!

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1 Kommentare

1. Release Gestöber 61 (The Dø, SPC ECO, Snøffeltøffs) | Lie In The Sound schrieb am 08. Oktober 2014 um 20:55

[...] bin ich durch die geschätzte bloggenden Kollegin Eva-Maria aufmerksam geworden, die The Dø derart beschreibt: “Mit katzengleicher Geschmeidigkeit manövrieren sie sich durch Nebenräume von Pop, [...]

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