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Foto nordische Landschaft

08. Oktober 2014

Óbó oder: Das Feingefühl im Sprechgesang

Einfach machen tut er es uns nicht, der Herr Óbo. Es sind vertrackte Miniaturen, die Ólafur Björn Ólafsson, der Tour-Keyboarder von Sigur Rós, auf seinem Solo-Debütalbum »INNHVERFI« vorlegt. Was übersetzt übrigens ein Wortspiel zwischen den isländischen Vokabeln für »Vorstadt« und »introvertiert« ist. Der Musiker aus Reykjavík erschafft mit minimalen, aber raffinierten Mitteln ein latent beunruhigendes und bewusst zurückgenommenes musikalisches Universum, in dem die Zwischentöne die Weltherrschaft ergreifen. Dass es hier um komplizierte Sachverhalte geht, denen man mit Worten kaum gerecht werden dürfte, erschließt sich auch ohne jegliche Kenntnis der isländischen Sprache. Es sind nur sieben Tracks, die der Musiker hier vorlegt. Aber diese kann man immer wieder hören und wird wunderbarerweise nicht schlauer dadurch. Und irgendwann einmal beginnt man zu begreifen, dass Óbo der verschollene isländische Cousin von blassen französischen Chansonniers wie Benjamin Biolay ist. Weil die Kurzform des Chansons komplizierte Gefühlszustände mit leichter Feder zu zeichnen weiß. Und dabei keinesfalls harmlos ist: Biolay pflegt wie Óbó das Feingefühl im Sprechgesang und kann kleine Garstigkeiten mit mitleidloser Präzision scheinbar flüchtig hinwerfen. Der Franzose hat zuletzt ein ganzes Album zum Thema Rache vorgelegt. Der Isländer singt über die ganz eigene Ödnis der wuchernden Reykjavíker Vorstädte.

Óbó nimmt die kleine Form und lässt sie dennoch zum großen Gemälde erblühen. Ein stolperndes Piano, Streicher und Vibraphon, darüber der nebelig sanfte Sprechgesang des Musikers: Das reicht, um Soundtracks für suburbane Schauermärchen zu erschaffen. Die sich erst auf den dritten Blick als solche entpuppen. Dass Óbó bereits Soundtracks zu Filmen beigesteuert hat, verwundert nicht wirklich. Am poppigsten ist auf diesem Album, das natürlich nirgendwo anders als beim Qualitätslabel Morr Music erscheinen kann, och der Track »Rett Eda Rangt« ausgefallen, der fast jazzig beginnt, um dann Fahrt aufzunimmt und einen Zustand verschatteter Zärtlichkeit erreicht. Es geht in diesem Song um nichts Geringeres als den Unterschied zwischen richtig und falsch. Und konkret um den Tag, an dem der Musiker getauft wurde. Ein ganz glückliches Datum kann das nicht gewesen sein. Fragen bleiben auf spielerische Weise offen. Ich kann diesen Track zehn Mal hören und entdecke immer neue, feine Stimmungen.

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