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Foto nordische Landschaft

12. November 2014

Klaxons gegen Carnival Youth: Lettland gewinnt!

Eigentllich sollte an dieser Stelle der erste von mehreren Posts über das Iceland Airwaves Festival 2014 stehen. Das natürlich wieder aufregend und wundervoll war und mit einem gewissen Schlafentzug einherging. Und die Berichterstattung kommt, vesprochen! Aber wenn gleich am Folgetag ein Konzert der britischen Klaxons ansteht und man dort auch noch auf der Gästeliste vermerkt ist, dann wird die Müdigkeit souverän ignoriert und sich in den Wiesbadener Schlachthof aufgemacht. Es wird ein Abend voller unerwarteter Überraschungen. Und einer, an dem man über Mechanismen im Musikgeschäft nachdenkt, die scheinbar nicht mehr funktionieren.

Denn er beginnt damit, dass ich mich wundere, dass vor der großen Halle des Schlachthofs keine rauchenden Menschengrüppchen stehen. Die Klaxons, das ist doch durchaus ein Name, die spielen doch sicherlich im großen Haus, denke ich. Dem ist mitnichten so. In der kleineren Räucherkammer haben sich kurz nach neun Uhr abends geschätzte 70 bis hundert zahlende Besucher eingefunden. Die ganz in Weiß gewandeten Briten, in ihrer Heimat sicherlich größeren Publikumszuspruch gewohnt, akzeptieren die Tatsache erfreulicherweise ohne kindische Beleidigkeiten. Bieten ein temperamentvolles, animiertes Gig. Sind voller Spielfreude. Zelebrieren einen fein vertrackten Indierock. Kommen überzüchtet wie feinnervige Windhunde daher. Haben ihren Spaß am Konfettiwurf der Zitate durch die letzten 30 Jahre britische Rockgeschichte. Sind sympathisch, diese Jungs, und ein ganz klein wenig überkandidelt.

Kurz fragt man sich, wer der Vier denn nun der frisch angetraute Gatte von Miss Keira Knightley ist. Und schließt aus dem dicken, goldenen Ehering an der Hand des Keyboarders, dass es sich bei diesem unauffälligen Menschen mit den welligen, braunen Haaren um den Glücklichen handeln muss. Und dann ist es viertel nach zehn und die Klaxons haben Feierabend. Und um den weiteren Verlauf des Abends verständlich zu machen, muss man auf die Weltliteratur verweisen. Nämlich auf die Szene von Nataschas erstem Moskauer Ball aus »Krieg und Frieden«. Natascha wird hier auf Intervention ihres späteren Gatten Pierre auf dem Ball aus ihrem Mauerblümchendasein erlöst und betritt mit ihrem Partner und späteren Verlobten, dem Grafen B., als zweites Paar die Tanzfläche. Der weibliche Part des ersten Paares ist eine gefeierte Schönheit. Im Vergleich zu der die magere Natascha zunächst abfällt. Aber die arrivierte Schönheit ist von bewundernden Blicken so überzogen wie von einer dicken Lackschicht. Irgendwie langweilig. Während die junge Natascha vor Glück glüht und somit unwiderstehlich ist. Machen wir uns nun also auf, um die Natascha dieses Abends zu treffen.

Viertel nach zehn ist doch viel zu früh, um nach Hause zu gehen. Und über dem Rhein, in Mainz, spielt die lettische Band Carnival Youth, die ich auf dem Reeperbahn Festival leider verpasst habe. Wobei wir Lettland als finnischen Nachbarstaat im Baltikum großzügig als Grenzland-Skandinavier gelten lassen. Also kurz über den Fluss und ins Schon Schön. Die nächste Überraschung: Zum Gig der hierzulande völlig unbekannten Band aus Riga haben sich mehr Menschen versammelt als bei den Klaxons. Was sicherlich auch daran liegen mag, dass die Gigs in diesem sympathischen Club keinen Eintritt kosten. Was die Hemmschwelle zum Kennenlernen neuer Bands in der Studentenstadt offenkundig entscheidend senkt. Und die Bereitschaft zum Getränkekauf gleichzeitig erheblich steigert. Wie dieses Modell funktioniert? Es ist zu vermuten und zu hoffen, dass die Bands einen Obulus erhalten und ungehindert ihren »Merch« verkaufen können. Und dass sich das Ganze via gesteigerten Bier- und Weinkonsum rechnet. Und diess Kalkül geht auf. Denn es sind keineswegs nur Exil-Letten, die den Weg in die Domstadt auf sich genommen haben.

Und Carnival Youth entpuppen sich tatsächlich als Nataschas des Abends. Die Band ist blutjung. Bereit, begeistert zu werden und zu begeistern. Spielt so hingebungsvoll, zärtlich und leidenschaftlich auf, als gelte es, den Pokal der unschuldigen Schönheit zu gewinnen. Und ein singender Schlagzeuger, das gibt bei mir sowieso Pluspunkte. Natürlich erfinden die Vier aus Riga mit ihrem gitarrenlastigen, verträumten Indiepop das Rad nicht neu. Aber sie glühen wie die Sternschnuppen. Schlagzeuger und Gitarrist sehen sich so ähnlich, dass sie einfach Brüder sein müssen, was sich bei späterer Recherche auch als richtig erweist. Emils und Edgars heißen die beiden! Ein bisschen Traurigkeit, ein bisschen Überschwang und ein großes Lächeln: Das reicht an diesem Abend zu Recht völlig aus, um hinzureißen. Das Publikum liegt sich in den Armen und wischt sich einen kleine Träne der Rührung aus dem Augenwinkel. Im Frühjahr 2015 kommen sie hierzulande wieder auf Tour. Hingehn! Und das Fazit dieses Abends ist: Lettland sind die Könige der Herzen! Sunlight In Your Eyes: der Refrain im sehr feinen »Never Have Enough« bringt die Dinge sehr gut auf den Punkt.

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