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Foto nordische Landschaft

17. November 2014

Lieber in der Großgruppe! Iceland Airwaves 2014, der Donnerstag

Fast könnte man glauben, dass es den rund 320.000 Isländern auf ihrer großen Heimatinsel vor dem Alleinsein bange ist. Denn wie sonst ist es zu erklären, dass sich isländische Bands am liebsten in Großgruppenstärke auf der Bühne tummeln? Der Donnerstag beginnt entspannt bei Fischsuppe in einer Hotelbar am Hafen und angenehm dezentem Lounge-Jazz plus souligen Einsprengseln mit Geislar. Die im Dutzend kaum auf die kleine Bühne passen. Und erfreulicherweise altersgemischt sind. Denn warum junge und erfahrene Musiker sich nicht bestens ergänzen sollen, will sowieso partout nicht einleuchten!

Schnell hinübergewechselt ins Nordic House, wo zunächst nur vier kunterbunt gekleidete Jungmänner auf der Bühne stehen, deren Modestil sich noch am ehesten an den frühen Dexy´s Midnight Runners orientiert. Und ganz unvermittelt geht an diesem grauen Tag die Sonne auf! Denn die Musiker von Munstur, die zum Teil noch zur Schule gehen und samt musikalischer Utensilien von der Mutter zum Gig kutschiert werden, erweisen sich beim Songwriting wie an den Instrumenten bereits als Profis. Spätestens dann, wenn die drei Bläser dazukommen, hat man sich rettungslos in diese putzmuntere Band verliebt, die mit einer höcht animierten Mischung aus glockenwachem britisch gefärbten Indierock, dezenten-Reggae-Einflussen und unbestreitbarber Fröhlichkeit überzeugt. Irgendwie muss man hier mitunter an Madness und die Fine Young Cannibals denken! Tanzen möchte man zu diesen Tracks, mitpfeifen natürlich und zu den flotten Tempowechseln außer Atem kommen sowieso. Einen Prise hemdsärmelige Heimeligkeit gibt der Sache hier die Würze, die übrigens bestens mit der ins Falsett tendierenden Stimme des Sängers harmoniert. Neben mir sitzt die Mutter des rothaarigen Bassisten, sichtlich stolz auf den begabten Nachwuchs. Das hat Mama gut hingekriegt! Und als Cocktailkirsche auf dem Sahneeis kann man nach dem Gig die Debüt-EP von Munstur zum Schnäppchenpreis von 1.500 isländischen Kronen erwerben, die in einem Cover steckt, das liebevoll in Origami-Technik gefaltet ist. Noch ein Grund mehr, begeistert zu sein! Diese jungen Band gilt es, im Auge zu behalten!

Die isländische Sängerin Hafdís Huld, die am spätern Nachmittag im Informationszentrum Europa auf der Bühne steht (man will wohl gut Wetter für einen EU-Beitritt der Insulaner machen! Dazu gibt es Schokolade und Schnittchen für umme!), bleibt übrigens auch nicht lange alleine: Denn ihre zweijährige Tochter findet es verständlicherweise hoch langweilig, bloß im Publikum zu sitzen. Das bunten Bilderbuch mitgeschleppt und Onstage gewackelt, das ist fein! Die Mama erzählt dazu skurille kleine Geschichten von der Liebe, dem Landleben und peinlichen Songansagen. Von der poppigen Vergangenheit sind im Werk der Musikerin, die einst bei Gus Gus sang, nur noch Spuren übriggeblieben. Glücklich und vergnügt hört sie sich allemal an!

Und weil das Polarblog bei der diesjähigen Airwaves-Berichtserstattung die jungen Musiker in den Vordergrund stellen möchte, dürfen hier die allerliebsten Milkhouse nicht fehlen, die mit ihrer Panzerknacker-Kriegsbemalung bestens in den Versammlungssaal der Heilsarmee passen! Jawohl, die Heilsarmee öffnet zum Airwaves ihre Tore und heißt jeden willkommen, der dem warmen Kerzenschein folgt. Es gibt Tee und Kekse und einen Flohmarkt mit schrecklichen 80er-Jahres-Klamotten, wo sich Milk House wohl vor dem Auftritt ausgiebig eingedeckt haben. Die Sängerin steckt in einem grauseligen pinken Jump Suit, autsch! Dass die junge Band in Halbdutzendstärke auftritt, muss wohl nicht noch weiter erwähnt werden. Aber die Youngsters aus Reykjavik überzeugen mit einer Sängerin, deren Stimme mehr Variationsmöglichkeiten aufweist als die der Gewinnerin beliebiger bundesdeutscher Superstar-Shows. Es sind krause, unangepasste Songs voller schräger Romantik, mit denen Milkhouse überzeugen. Sich dabei an den zahlreich auf der Bühne verteilten Instrumenten abwechseln. Zartheit und große Geste, Milkhouse können beides!

Einen ebenso lautstarken wie empfindsamen Eindruck hinterlassen übrigens VAR, das Nebenprojekt von Singer-Songwriterin Myrra Rós und ihres frisch angetrauten Gatten Júlíus Óttar Björgvinsson. Keine Überraschung, man tritt als Quintett an. VAR sind elektronisch verspielt, aber einem leidenschaftlichen Lärmausbruch nicht abgeneigt. Dafür sorgt schon Andri Freyr Þorgeirsson an den Drums, der bei seinem Hauptprojekt, den isländischen Postrockern For A Minor Reflection, den leidenschaftlichen Wüterich am Schlagwerk gibt. Die Songs von VAR, die bislang eine EP vorgelegt haben, wuchern übrigens schon fast in postrockig-epische Längen aus. Kein Track unter fünf Minuten! Zeit zum Nachsinnen also, zum Treibenlassen und zum Träumen. Nur dass diese Träume mitunter schwarzen Flor tragen und live mit roher Heftigkeit vorgetragen werden. Zahm und lieb sind VAR dezidiert nicht!

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