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Foto nordische Landschaft

28. Dezember 2014

Maggie Björklund: Die dunkle Seite des Herzens

Kurz vor Jahresende verlangsamen sich die Dinge auf erfreuliche Weise: Im Wald stapft man durch zentimetehohen Neuschnee, auf vereisten Nebenstraßen fahren die Autos Schritttempo und bei einbrechender Dunkelheit und klirrender Kälte bleibt man dann gerne zuhause. Trinkt Unmengen alkoholfreien Glühpunsch und wärmt sich an den wüstentrockenen, americana-affinen Tönen der dänischen Pedal-Steel-Gitarristin Maggie Björklund. Die Musikerin, die einige Jahre in Jack Whites Live-Band aktiv war, hat im Herbst ihr wunderbar vielschichtiges zweites Album »SHAKEN« vorgelegt, das so gar keine heimelige Lagerfeuerromantik versprüht. Sondern leise beunruhigend ist. Maggie Björklund begibt sich auf diesem in warme, dunkle Töne gehüllten Album auf eine ganz persönliche Reise zur dunklen Seite des Herzens (gleichzeitig auch der Titel eines der intensivsten Tracks!).

Es sind vielschichtige Songs von sanfter Trauer, die überhaupt nicht larmoyant daherkommen. Ein Großteil des Albums entstand in einer Zeit, in der die Künstlerin ihre todkranke Mutter täglich im Krankenhaus besuchte. Es geht hier um große Themen, so viel ist klar. Aber die Musikerin schafft es, die seelische Erschütterung in Töne voller poetischer Sehnucht zu hüllen und entschieden »nein« zum Melodrama zu sagen. »SHAKEN« ist ein Album, das den Soundtrack einer inneren Entwicklung liefert, voller Zwischentöne und unerwarteter Überraschungen. So verblüfft der instrumental eingespielte Song »The Road To Samarkand« mit seinem überraschend aufblühenden Cello als gelungene Mischung zwischen staubigem Roadmovie und elaboriertem Kammerpop. In der feinen Ballade »Fro Fro Heart« erschaffen die Stimmen von Björklund und Gastsänger Kurt Wagner von Lambchop ein Duett, durch das mehr als nur eine Ahnung von Chanson Noir steckt und das Auftauchen von Charlotte Gainsbourg als zweiter Gastsängerin keinesfalls überraschen würde. Sehr amerikanisch, aber auf vertrackte Weise unbedingt europäisch kommt diese Sinfonietta der komplexen Gefühlsabstufungen daher. Und ist dabei von überaus zärtlicher Nachdenklichkeit.

Es gibt keinen Track, den man auf diesem Album nicht empfehlen könnte: Deshalb ist unbedingt ratsam, dem Werk zur Gänze zu lauschen, was man auf der Soundcloud-Seite von Björklund tun kann. Zu den fabelhaften Mitmusikern, die die Dänin hier um sich versammelt hat, zählen außer Kurt Wagner noch Jim Parr von Portishead am Bass und John Parish, Songschmied für PJ Harvey und Sparklehorse an der Gitarre und Barb Hunter am Cello. Im März 2015 tourt Björklund auch kurz durch Deutschland. Beim Konzert in der Frankfurter Brotfabrik dürfte man mich in einer der ersten Reihen finden.

(Foto: Jan Stuhr)

20. Dezember 2014

School ‘94: Der bessere Britpop kommt aus Göteborg

Den guten alten Zeiten muss man nicht notgedrungen nachweinen, aber die 90er Jahre waren ein sehr feines Jahrzehnt für den Britpop. Was Herr Morrissey heute so von sich gibt, das muss man nicht alles mögen. Aber man darf solchen nahezu vergessenen Heroen wie den Sundays und ihrem zeitlosen Album »READING, WRITING AND ARITHMETIC« nachtrauern. Und deren wunderbaren Sängerin Harriet Wheeler. Um so aufmerksamer stellen sich nun die Ohren beim Hören der jungen schwedischen Band School ´94 hoch. Beim Quartett aus Göteborg um Sängerin Alice Botéus stehen nervöse, hochpräzise und melodische Indie-Gitarren im Mittelpunkt. Die so klingen, als seien die Nachwuchskräfte Ender der 70er irgendwo bei Johnny Marr um die Ecke aufgewachsen. Und da ist natürlich die helle, empfindsame Stimme von Botéus, die nicht wenig an die von Wheeler erinnert. Die Schweden changieren auf ihrer ziemlichen Eindruck hinterlassenden Debüt-EP »LIKE YOU« gekonnt zwischen Gefühl und Härte. Zwischen Schnoddrigkeit und Verträumtheit. Zwischen Verspieltheit und Trotz. Und so fühlt sich Jungsein doch irgendwie an: Denn was School ´94 kaum kaschieren, ist ihre ungeheure Euphorie über das eigene Spiel. Alles ist möglich, man muss es nur ausprobieren. Und einfach loslegen!

In Tracks wie »Clouds Aside« strebt man nach dem ganz großen Gefühl, ohne dabei zu dick aufzutragen. Wagt sich an herrliche Harmoniegesängen und lässt die die Gitarren dazu lärmen. »Nothing ist safe«, singt Botéus hier, und bringt damit die Dinge auf den Punkt. Aber natürlich wollen wir auch tanzen, und das lassen uns die Schweden mit dem schwer wave-inspirierten »So Long« und einem Bass, der Bäume zerlegen könnte. Aber mit am besten gefallen tut hier der Track »Head Over Here«, das superlebendig, hoch animiert und irgendwie sehr glücklich daherkommt. Ach, diese schwerelosen Spannungsbögen soll den Vieren mal einer nachmachen! Der Debüt-EP (ist bei Cascine erschienen) kann man zur Gänze via Soundcloud lauschen. Kann schon sein, dass wir 2015 noch von School ´94 hören werden!

14. Dezember 2014

Willkommen zurück, Tiger Lou!

Willkommen zuhause, Tiger Lou! Lange genug hat es gedauert. Die letzten Lebenszeichen eines der prägendsten schwedischen Indiepop-Musikers der Nuller-Jahre stammen aus dem Jahr 2008, als das sperrige Album »A PARTIAL PRINT« erschien. Auf dem sich Rasmuss Kellerman dunklen und experimentelleren Tönen widmete, während das Publikum bei den Live-Auftritten unbedingt das melancholisch-leichtfüßige Sahnestückchen »Oh Horatio« hören wollte. Seitdem: Funkstille. Umso freudiger überrasch ist die Polarbloggerin jetzt, dass Tiger Lou endlich zurück ist. Einen ersten Vorgeschmack gibt es mit dem filgranen, grenzwerttraurigen und auf erwachsene Weise verträumten Track »Homecoming #2«. Unbedingt hören, dann weiß man erst, wie sehr man diesen Musiker in den vergangenen sechs Jahren vermisst hat! Ein Konzeptalbum ist in Arbeit, verrät er. Über das Thema des Nachhausekommens. Teils fiktional, teils hochpersönlich. Irgedwie glücklich und dann doch wieder traurig. Tiger Lou klingt nach all den Jahren sehr wie er selbst, und das ist eine gute Nachricht!

Im kommenden März gibt es erste Gigs in Hamburg, Leipzig und Berlin. Was hat Rasmus Kellerman in der Zwischenzeit erlebt? In einem Interview mit Nothing But And Passion gibt es eine ausführliche Antwort. Herr Kellerman verdient sein Brötchen mit einem Bürojob. Verschiedene musikalische Projekte haben sich zerschlagen. Er ist mittlerweile Vater von zwei Kindern. Aber beim improvisierten Zusammenspiel mit den ehemaligen Bandkollegen bei der Geburtstagsparty von Freunden vor eihem Jahr hat der Funke wieder gezündet. Und es hat sich alles richtig angefühlt. Sagt Rasmus Kellerman. Und nun wird es Zeit, wieder an das Vergangene anzuknüpfen. Mit leidenschaftlichen Songs voller sanfter Härte. Die vom Sehnen und vom Vielleicht-Irgendwo-Ankommen handeln. Große Freude!

10. Dezember 2014

Großes Kino mit The Fjords!

Warum noch keine norwegische Band auf die naheliegende Idee gekommen ist, sich The Fjords zu nennen, muss ein Mysterium bleiben. Nun endlich fasst eine Band den Mut, diese Säule der norwegischen Identität im Bandnamen zu führen. Die vier Nachwuchskräfte aus Trondheim geben sich nicht nur bei der Namenswahl selbstbewusst, sondern streben mit ihrem theatralischen, mitunter fast schon überkandidelten Indiepop hörbar nach Höherem. Bescheidene kleine Songs sollen die anderen schreiben! Das Quartett schwelgt auf seiner Debüt-EP »ALL IN« in überlebensgroßen Gefühlen, die den Soundtrack zu jedem gehobenen Hollywood-Melodrama abgeben können. Fast schon schwül wird es uns hier ums Herz, wenn Sänger Petter Vågan (der übrigens aussieht wie Bambi als erwachsener Mann!) sein Herz scheunentorweit für die große, melodramatische Gefühlswelt öffnet. Den Synthies kommt hier schon fast die Rolle des Symphonieorchesters im langsamen Satz zu, wenn die Vier im Titelstück den Zuckerguss so dick auftragen, dass er in wunderbar weißen Schlieren üppig über den Schokoladenkuchen läuft. Aber bevor die Dinge gar zu übersüß werden, kriegen die Norweger noch elegant die Kurve und steuern gen gehobenen Weltschmerz. Dass bei dieser Form der ebenso elaborierten wie durchaus eingängigen Pop-Ballade die Verlgeiche mit den Landsleuten A-ha aufkommen werden, soll uns hier nicht weiter stören. The Fjords machen keine Musik für verrauchte Kellerschuppen, sondern für edle kleine Bars, wo man wunderbar seinen melancholischen Gedanken nachhängen kann. Bevorzugt mit einem Glas besseren Weisweines in der Hand. Sich wegtragen lassen in lichtgraue Gefühlswelten: Muss auch manchmal sein! Besonders gut gefallen tut hier der schön überkandidelte Track »Capgras Illusion«: Großes Kino!