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Foto nordische Landschaft

19. Januar 2015

Isländische Eruptionen auf dem Eurosonic 2015: Dj. Flugvél

Steht uns der Sinn nach Eruptionen, wenn die Dinge auf der Welt sowieso in ziemlicher Unordnung sind? Nein, eigentlich eher nicht! Und auch wenn Island bei der 2015er-Ausgabe des Eurosonic Festivals im niederländischen Groningen das Fokusland ist und das Motto reißerisch Iceland Erupts heißt, so müssen doch auch die ruhigen Töne sein. Mancher Beobachter mochte vermuten, dass sich angesichts der massiven isländischen Präsenz auf dem Festival die Hälfte der Inselbevölkerung in die niederländische Studentenstadt aufgemacht hatte, aber das stimmte wohl nicht ganz. Welche Bedeutung die isländische Politik inzwischen dem kreativen Sektor und insbesondere dem Iceland Airwaves Festival im Spätherbst beimisst, bewies die Präsenz des Reykjavíker Bürgermeisters und der Tourismusministerin. Stolz konnte man auf dem Eurosonic vermelden, dass sich im vergangenen Jahr erstmals mehr als eine Million Besucher auf die Atlantikinsel aufgemacht haben. Touristen bringen Devisen und Touristen lieben die superlebendige Musikszene auf Island. Die inzwischen somit ein wichtiger Standortfaktor ist! Dass die Innenstadt Reykjavíks sehr überschaubar ist und sich inzwischen ein Hotel neben das andere reiht, fällt bei der Präsentation der offiziellen Delegation aus Reykjavík doch etwas unter den Tisch. Bleibt zu hoffen, dass die eigene Popularität den Isländern nicht mittelfristig doch mehr schadet als nutzt. Eine »Prenzlauer-Berg-Entwicklung« in Downtown Reykjavík? Lieber nicht! Aber der Stolz auf die heimische Musikszene ist selbst der Tourismusministerin anzumerken, die sich wie all die anderen offiziellen Vertreter ihres Landes freut, dass mit dem wunderbaren Jóhann Jóhannson in diesem Jahr zum allerersten Mal ein isländischer Komponist für den Oscar nominiert ist!

Und man denkt sich seinen Teil und hofft, dass die isländische Musikzene auch noch in Zukunft möglichst viele kreative Querköpfe hervorbringt. Viele geniale Dilettanten. Viele Erzähler merkwürdiger Geschichten. Wie die sehr minderjährig aussehende Nachwuchskünstlerin Dj. Flugvél og Geimskip, die bei ihrem improvisierten Auftritt in einem Groninger Café schräge Töne erprobt, die man guten Gewissens nur als Prinzessinnen-Geisterbahnpop beschreiben kann. Der sperrige Name (übersetzt heißt er übrigens Dj. Flugzeug und Raumschiff!) dürfte einer Weltkarriere im Weg stehen, aber das wird die quicklebendige und experimentierfreudige Chanteuse kaum stören. Die ihren eigene Musik unter der schönen Kategorie »electronic-horror-space-music« einordnet und mit großem Selbstbewusstein die krudesten urbanen Schauermärchen erzählt. Etwa die Mär von den bösartigen Katzen, die nachts ihr Unwesen treiben. Die Jung-Anarchistin hantiert wie ein weibliches Rumpelstilzchen an ihren elektronischen Gerätschaften herum, die sie mit Kindergeburtstags-Kinkerlitzchen geschmückt hat. Und singt dabei keineswegs düstere Songs über das Wehgeschrei von Sklaven, die ihr Leben lang unter üblen Umständen schuften müssen. Und macht dabei unmissverständlich klar, dass die Revolution nur mit Spaß gelingen wird. Man wundert sich sehr, man lächelt und man freut sich über diese naiv-aufmüpfigen Töne. Bitte weiter so!

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