Home
Foto nordische Landschaft

22. April 2015

Die Poesie von Maulwurfshügeln: Firewoodisland

Auf die Idee, einen poetischen Song über Maulwurfshügel zu schreiben, auf die muss man auch erstmal kommen. Das wäre doch mal eine Rechercheaufgabe für trödelige Samstage: Eine Playlist über Maulwürfe zusammenstellen! Nun aber zurück zum Thema! Denn die norwegisch-walisischen Folkpopopsters Firewoodisland um Mastermind Stian Vedøy und seine Mitstreiter Abi Newbould, Stephen Allen und Rowan Blake stecken hinter dem feinen Track »Molehills«. Und haben somit dem scheuen braunen Tier, das man nur selten zu Gesicht bekommt, einen kleines musikalisches Denkmal gesetzt. Putzmunter, grenzwert-melancholisch, sehr sanft und schwärmerisch hebt man hier zu kleinen Höhenflügen ab. Dass man den nördlichen Nachbarn Of Monsters And Men sehr aufmerksam gelauscht hat, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber auch die ruhmreiche Tradition des britischen Folkpop hat hier ihre Spuren hinterlassen (jawohl, wir erinnern uns an die fabelhaften Fairport Convention!). Eine gewísse poppige Unbeschwertheit hängt trotz aller Akustikklampferei und aller Flötentöne über diesen Klängen. Man klingt erfreulicherweise ein bisschen naiver als die Zeitgenossen von Mumford & Sons: Das muss die gute Seeluft von Cardiff sein! Die Debüt-EP »ILD«, der man zur Gänze via Bandcamp lauschen kann, ist noch ein bisschen traditioneller ausgefallen, überzeugt aber mit frischer Unbekümmertheit. Und wenn man länger darüber nachsinnt, ist eine sanfte Revolution durch massenhaftes Auftauchen von Maulwurfshügeln durchaus möglich. Wir errichten nämlich irgendwann mal Berge aus den kleinen Erdhügeln!

17. April 2015

Unberechenbare Psychedelik-Provokateure: Superfjord

Die müssen ein wenig verrückt sein, denkt man, wenn man zum ersten Mal »IT´S DARK BUT I HAVE THIS JEWEL« lauscht, dem unberechenbaren Debütalbum von Superfjord aus dem finnischen Tampere. Das Septett bewegt sich geschmeidig wie die streunenden Katzen zwischen Psychedelik, eigenwilligen Electronica, experimenteller Filmmusik, Shoegaze, Jazz , Alternativ-Folk und Weirdpop. Uff! Superjord exisieren in loser Besetzung bereits seit mehreren Jahren, haben sich aber erst jetzt ernsthaft zusammengesetzt und am Erstling gewerkelt. Inspirieren lässt man sich von den Launen der Natur und dem Kosmos im Allgemeinen. Sagen die Sieben, zu deren Mitgliedern etliche erprobte Szeneveteranen wie Ville Särmä von Kevin und Musiker von Sister Flo gehören. Das ist eine Ansage: Mit Klein-Klein will man sich offenkundig nicht begnügen. Und dann geht die Abenteuerfahrt zu unbekannten musikalischen Gestaden los. Respekt vor irgendwelchen Genregrenzen haben die Finnen jedenfalls keinen! Und vor großen Namen sowieso nicht: Nur wenige Debütanten dürften sich trauen, auf ihrem Erstlingswerk ein sehr entfremdetes Cover des John-Coltrane-Klassikers »A Love Supreme« hinzulegen! Die Finnen scheuen nicht einmal vor schamaschinen Gesängen zurück, wie sie im sehr spacigen »La Locura/Tonttumauste« beweisen. Wo einem die Ohrem mächtig mit ungewöhnlichen Klängen durchspült werden. Nur gut, dass der bestens aufgelegte Arturri Taira von Rubik sich hier am Gesang beteiligt, der sieht sowieso schon aus wie ein Waldschrat!

Superfjord schreiben den Soundtrack für Tage, an denen alles passieren mag. Wir müssen nur bereit sein, uns überraschen zu lassen. Und keine Angst, schwerblütig geht es hier nicht zu, sondern mitunter durchaus licht, luftig und leichtfüßig. Gerade das beschwingte Instrumentalstück »The Great Vehicle« nimmt fast unmerklich Fahrt auf und strebt dann um so entschiedener in Richtung sonnenumflirrter Gefilde von fast schon lyrischer Schönheit. Die spinnen, die Finnen: Wenn das zu solch ungewöhnlichen Ergebnissen führt, dann bitte mehr davon! Dem Erstling kann man übrigens zur Gänze via Soundcloud lauschen.

12. April 2015

Lichtblau schwebende Welten mit We Float

Ein Bandfoto, das stutzen macht: Drei Frauen, ein Mann. Üblicherweise ist die Sache umgekehrt: Die hübsche Sängerin, eingerahmt von ihren männlichen Bandkollegen. Bei We Float, dem Projekt um die norwegische Bassistin Anne Marte Eggen, sind die Dinge etwas anders: Filip Bensefelt ist für die Sektion Rhythmik zuständig, Dazu gesellen sich die sensible Pianistin Fanny Gunnarsson, der zurückgenommene Bass von Eggen und die schlafwandlerisch entrückte Stimme von Linda Bergström. Und jetzt denken wir mal eine halbe Sekunde darüber nach, warum das denn so ist: Dass die Band-Kombination »drei Männer, eine Frau« die Norm ist und die Kombination »drei Frauen, ein Mann« die absolute Ausnahme. Und darüber, was uns an Kreativität und Möglichkeiten verlorengeht, nur weil die Dinge eben so sind, wie sie sind. We Float jedenfalls sind nicht nur in Sachen Geschlechter-Stereotypen Grenzgänger: Das Quartett erkundet hier ohne jegliche Scheu vor puristischer Genretreue die Grauzonen zwischen sanften Electronica, coolem Jazz und poppiger Empfindsamkeit. Benannt haben sich die Vier übrigens nach einem PJ Harvey-Song. Und um die etwaige Verwirrung komplett zu machen: Anne Marte Eggen, die Jazz am Konservatorium in Malmö studiert hat, ist noch in verschiedenen Nebenprojekten aktiv, darunter im experimentellen Jazz-Quartett Kvalia and in der Folkjazztruppe Ljom. Bunter denken und bloß nicht nur in eine musikalische Richtung schauen, so könnte die Devise lauten!

We Float haben vor wenigen Tagen ihr Debütalbum »SILENCE« vorgelegt, auf dessen blauen Cover sich die großen Walfische tummeln. Die Band hat sich vom Wasser und dessen tiefen Geheimnissen inspirieren und kreiert im sehr feinen Track »Mysticeti« eine lichtblau schwebende Welt voller Geheimnisse. Klingt dabei puristisch und schwelgerisch zugleich. Ist ausufernd nachdenklich, aber mit weit ausgebreiteten Flügeln so. Verleitet zum schlauen Träumen. Schwelgt in präzisen Tagträumen und entzieht sich mühelos allen vorschnellen Vereinnahmungen. Dieser Band exakt passende Etiketten überzustülpen, das sollte man tunlichst unterlassen. Sondern lieber mit ihr abtauchen in sanfte, unbekannte Tiefen.

07. April 2015

Hoch lebe die kleine Schwester: Burning God Little

Kleine Schwestern können mitunter nerven, keine Frage. Aber es kann genausogut geschehen, dass man plötzlich ganz neue Seiten an ihnen entdeckt: Etwa eine Stimme, die ein gewisses Etwas hat. So ähnlich mag es Martin Hartgen gegangen sein, dem Mastermind hinter dem norwegischen Weird-Electronikpop-Projekt Burning God Little. Für sein Debütalbum »ET E I MORKE VI LYSE« suchte er nach einer schwebenden, geheimnisvollen und ätherischen Stimme. Und wurde bei seiner kleinen Schwester Kristine fündig. Im sehr feinen Track »Hver Natt« (jede Nacht) zieht einem diese Stimme wie eine Wassernymphe in lichtblaue Tiefen. Mädchenhaft klingt diese Stimme, aber keinesfalls naiv. Da steckt eine zarte Kraft dahinter! Der nixenhafte Charme dieser Stimme kontrastiert wunderbar mit den unberechenbaren elektronischen Störgeräuschen des Songs. Der sich wunderbarerweise nicht zwischen Eleganz und Lo-Fi-Attitüde entscheiden kann. Die Grundrichtung ist klar: Eigenwilliger Shoeganze-Dreampop. Aber mit vielen Widerhaken! Und Hartgen will sich sowieso nicht mit Klein-Klein zufriedengeben und bezeichnet den eigenen Stil selbstbewusst als »Future Pop«. Auch eine Ansage!

Burning God Little werkelt seit Jahren an den Rändern der experimentierfreudigen norwegischen Elektronikszene herum und ist inzwischen von Tromsø nach Oslo gezogen. Der Masterplan könnte durchaus so aussehen, dass er die Massen mit einer Mischung aus elektronischer Verspultheit und großäuiger Popverliebtheit zum Tanzen bringen will. Und ganz nebenbei will Hartgen offenkundig noch beweisen, dass Euphorie und Eigentümlichkeit bestens zusammengehen! Weil diese Töne zwar durchaus komplex, aber überaus infektiös daherkommen. Offenkundig íst die anarchische Energie der respektlosen Fröhlichkeit im Elektronik-Dancepop bislang noch gänzlich unterbewertet!

02. April 2015

Sieger aus Suðureyri: Rythmatik

Suðureyri hat seit kurzem seinen Platz auf der musikalischem Landkarte Islands: Denn aus dem 271-Einwohner-Örtchen in den äußersten Westfjorden Islands (wer genau wissen will, wo das ist: Wikipedia hilft weiter!) kommen Rythmatik, die Sieger des 33. jährlichen Músíktilraunir-Bandconstests. Der Wettbewerb muss uns nicht unbedingt geläufig sein, die Sieger der vergangenen Jahre schon eher: 2010 waren es Of Monsters And Men, 2011 hatten Samaris die Nase vorne und im Jahr 2013 schafften es Vök aufs oberste Treppchen. Keine schlechte Ausbeute, liebe Juroren! Die vier Jungspunde von Rythmatik durften ihre Siegertrophäe übrigens aus den Händen von Of Monsters And Men entgegennehmen, die zurzeit emsig an ihrem zweiten Album werkeln. Und obwohl auf Island eigentlich jeder jeden kennt, war das Quartett aus dem abgelegenen Fischerörtchen für das Wettbewerbs-Publikum in Reykjavík eine große Überraschung: Diese Jungs, darunter ein Brüderpaar, die hatte keiner auf dem Schirm!

Rythmatik also! Die Nachwuchskräfte müssen eifrig in den Plattenschränken ihrer Eltern gekramt haben, denn sie zählen die schottischen 80er-Jahre-Heroen Big Country zu ihren Vorbildern. Big Country sind deswegen unsterblich geworden, weil sie ihre Gitarren aufheulen ließen wie Dudelsäcke! Rythmatik klingen 35 Jahre später ebenfalls wunderbar ungeschliffen, sehr gefühlig und ein bisschen so, als ob ein rauher Atlantik-Windstoß durch ihr naturgemäß noch schmales Werk fährt. Sie lassen die Gitarren kunstvoll perlen, als ob sie nie etwas anderes getan hätten. Sie klingen erstaunlich selbstbewusst und souverän grenzwert-rotzig. Eine gute Prise Folkrock ist Teil dieser gelungen Mischung, und eine kleine Portion Selbstironie, wie es die seelenverwandten Powerposters The Rollstons aus Finnland nicht besser hinkriegen würden. Und vor allem überzeugen uns Rythmatik mit viel Enthusiamus! Diese Jungs muss man schon deswegen mögen, weil sie auf ihren noch sehr spärlichen Promofotos einträchtig mit Strickzeug posieren. Stricken gehört wohl zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in Suðureyri! Und man wünscht ihnen viel Glück, weil sie die Popmusik mit Songs über kleine Fischerknoten bereichern!