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Foto nordische Landschaft

27. Mai 2015

Nostalgisch im Niemandsland: Vasas Flora Och Fauna

Pop aus den scheinbar vergessenen Provinzen. Pop in der Sprache der Minderheit. Pop zwischen den Stühlen. Wer sich bisweilen gefragt hat, was aus Mattias Björkas geworden ist, dem Mastermind hinter den besten finnischen Smiths-Epigonen aller Zeiten, nämlich Cats On Fire, der wird bei der neuen Band Vasas Flora Och Fauna fündig. Björkas hat sich hier mit der Sängerin und Pianistin Iiris Viljanen zusammengetan. Beide stammen aus der Region Österbotten an der finnischen Westküste mit ihrer kleinen Metropole, der Küstenstadt Vaasa. Hier ist die schwedischsprachige Minderheit Finnlands zuhause, zu der auch Mattias Björkas du Iiris Viljanen gehören. Auf dem Debütalbum »SLÄKT MED LOTTA SVERD« erschafft das Duo sehr fein handgemachte, eigenwillige, irgendwie sanft nostalgische Töne, die den schwedischen Sänger Jens Lekman bereits zu dem Kompliment hingerissen hat, es handele sich hier um den bewegendsten Pop seit Jahren. Hoppla, da muss man ja als alter Fan des Lekman-Klassikers »Black Cab« unbedingt hereinhören!

Diese Töne klingen ungewöhnlich: Nicht schwedisch, nicht finnisch, irgendwie unbekannt. Schwer einzuordnen. Um Alltagsgeschichten geht es hier offenkundig, unspektakulär und gleichwohl von schrulliger Wärme. Melancholisch klingt das, aber nicht im Übermaß. Und ohne jegliche Kenntnisse des Finnlandschwedischen wird hier klar, dass Björkas kleine Ironien und Garstigkeiten in die Songs einwebt, was auch schon zu Cats-On-Fire-Zeiten zu seinen Markenzeichen gehörte. Lotta Svärd ist übrigens ein Gedicht im Epos vom »Fähnrich Stahl« des finnlandschwedischen Dichters Johan Ludvig Runeberg. Lotta, die im Epos mit ihrem Mann in den Krieg zieht, ist Namenspatin der 1924 gegründeten schwedischen Lottabewegung und der 1918 geschaffenen und im finnischen Winter- und Fortsetzungskrieg tätigen Lotta-Svärd-Organisation. Beide dienten als Zivilschutzorganisationen von Frauen im Kriegsfall, sagt Wikipedia. Ganz so kriegerisch geht es bei Vasas Flora Och Fauna nicht zu. Lieber pflegt man augenzwinkernde Anspielungen an die glorreiche Rocker-Tradition der Region Österbotten, aus der legendäre Haudegen wie Leevi And The Leavings oder Dennis Lyxzén stammen, der Sänger der Hardcore-Punkband Refused. Der Track Leevi And The Leavings pflegt aber keineswegs heftige Töne, sondern schwelgt in zurückhaltend-euphorischen Harmoniegesängen. Und irgendwann schmiegt sich die Farfisa-Orgel an Gitarre und Piano an, als wollte sie da Schnurren lernen.

16. Mai 2015

Verschwör Dich gegen Dich: Salaliitto

Schmelzendes Eis, wilde Hoffnung und diese überwältigenden jugendlichen Gefühlsschwankungen: Wer »Virhe« sieht, das erste Video von Salaliitto aus Turku, muss unbedingt an einen der besten skandinavischen Musikfilme überhaupt denken, nämlich an »POPULÄRMUSIK AUS VITTULA«, dem man zur Steigerung der Laune mindestens ein Mal pro Jahr sehen sollte. Salaliitto heißt übersetzt übrigens Verschwörung und Virhe ist der Fehler, aber sinistre Szenarien wird man in der Welt der Südfinnen nicht finden. Obwohl die vier Bandmitglieder die Klippen der postpubertären Angst bereits seit einiger Zeit umschifft haben dürften, schwingt durch diesen feinen, finnisch gesungenen Track eine Anfangszwanziger-Empfindsamkeit. Mit einer großen Hoffnung, dass die Dinge sich doch unerwartet so entwickeln könnten, wie man es sich gewünscht hat. Zurückhaltende Gitarren, sehnsüchtige Stimme und ein leichte Anmutung psychedelischer Klangwelten blitzen hier auf. Was in dieser lauten Welt besonders für das Quartett einnimmt, ist die Bescheidenheit: Hier muss keiner mit großer Klappe und monumentalen Mätzchen punkten. Weniger ist mehr, aber dafür entsteht hier eine strubbelige Zärtlichkeit. Salaliitto arbeiten aktuell an ihrem Debütallbum, suchen ein Plattenlabel und lassen sich von den Zwängen des Erwachsenenlebens hoffentlich nicht von ihrem Tun abhalten. Dank für den musikalischem Tipp geht einmal mehr an den geschätzten und unermüdlichen Bloggerkollegen Vesa Lautamäki von One Chord To Another.

10. Mai 2015

Hexe, Fee, coole Barsängerin: Ingrid Lukas

Wechseln wir doch mal kurz mit der Fähre von Helsinki hinüber nach Tallinn. Denn aus der estnischen Hauptstadt kommen federleicht experimentelle Töne von der eigenwilligen Chanteuse Ingrid Lukas, die dieser Tage ihr drittes Album »DEMIMONDE« vorlegt. Die Pianistin, Sängerin und Songschreiberin ist eine Grenzgängerin zwischen den Stilen. Zwischen geisterhaften Electronica, urbanen Beats und der estnischen Regilaul-Musiktradition: Scheinbar einfachen Vokalrhythmen, die sich endlos wiederholen und mantrisch in den Bann ziehen. Ingrid Lukas ist ungefähr so schwer zu fassen wie Björk, ihre Schwester im Geiste. Nur das es in ihrem musikalischen Universum eher elegant denn gewalttätig zugeht. Auf Tracks wie dem geheimnisvollen »Võimas Aparaat« irrlichtert Lukas zwischen jazzigen Improvisationen und schamanischen Folk-Traditionen und bringt sie behutsam auf den Dancefloor für Unangepasste. Bis man endlich davon überzeugt ist, dass man bisher in seinem Leben viel zu wenige Songs auf Estnisch gehört hat.

Ingrid Lukas, die als Mädchen von einer Existenz als Meerjungfrau geträumt hat und sich bevorzugt im Wasser aufgehalten hat, bewegt sich geschmeidig wie ein Fisch durch grünblaue Klangwelten. Grenzgängerin ist die Musikerin nicht nur musikalisch, sondern auch im realen Leben: Mit zehn Jahren zog sie mit ihrer Mutter in die Schweiz, wo sie heute noch lebt. Am Konservatorium von Winterthur hat sie Jazz studiert – und dort vor allem das Improvisieren gelernt. Die Verbindung nach Estland ist jedoch nie abgerissen, erzählt sie. Und davon, dass sie von der reichen Märchentradition ihrer Heimat stark beeinflusst wurde. »DEMIMONDE« ist ein minimalistisches, intensives Album geworden, auf dem sich die Lukas vor allem auf ihre wandlungsfähige Stimme verlässt. Hexe, Fee, coole Barsängerin, naive Maid: Alles das ist sie und noch einiges mehr. Und gerne will sie uns mit Songs wie »Nurse Your Ribs« auch ein wenig das Gruseln lehren.