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Foto nordische Landschaft

13. Juli 2015

Erlend, Rasmus und der Zaubertrank

Wie kriegen die beiden das hin, dass sie so frisch und jugendlich aussehen? Erlend Øye feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag, wirkt aber immer noch wie ein schlaksiger Anfangszwanziger, wenn er auf unnachahmlich ungelenke Art seine langen Gliedmaßen wie Flummis schwenkt, bis eine ganz eigene Eleganz entsteht. Oder Rasmus Kellermann alias Tiger Lou, inzwischen gestandener Familienvater von Mitte 30, der sich ein jugendliches Strahlen bewahrt hat, barfuß über die Bühne tollt und dabei so biegsam wirkt wie ein Nachwuchstänzer. Trinken die beiden Herren einen geheimen Zaubertrank, der sie nicht altern lässt? Ist die kreative Arbeit ein bislang unterschätzter Jungbrunnen? Betreiben sie Entspannungsyoga oder trinken nur grünen Tee? Wir rätseln an diesem Juliwochende, denn beim zehnten und leider letzten Phono Pop Festival in Rüsselsheim leuchten die beiden skandinavischen Musiker und ihre Bands mit den satten Sonnenstrahlen um die Wette.

Erlend Øye ist sowieso jedermanns Darling an diesem Abend. Nicht nur, dass er in dringlichen Worten an die Stadtmütter- und väter der hässliche-Entlein-Stadt Rüsselsheim appelliert, das beliebte Festival in den alten Opel-Werkhallen doch bitte nicht sterben zu lassen, sondern aus der klammen Stadtkasse zu unterstützen. In Norwegen würden wir das so machen, sagt er beschwörend. Aber die Herzen der Einheimischen gewinnt der Mann aus Bergen mit seinem Loblied auf das Waldschwimmbad der Stadt. Wo man im Natursee bestens plantschen und am Strand relaxen kann. Jawohl, Rüsselsheim, die verkannte Perle des Rhein-Main-Gebietes! Das Gig ist dann eine wunderbar blubbernde Mischung aus deutschen, englischen, italienischen und isländischen Sprachfetzen. Die Musik eine ansteckend fröhliche Mélange aus Pop, Reggae, Folk, Clubmucke, 60er-Filmmusik, Tiefenentspannung und augenzwinkernder Naivität. Und viel, viel Zärtlichkeit! Natürlich spielt Øye die Songs seines jüngsten Albums »LEGAO«, wo er in schüchternen Eifersuchts-Songs wie »Fence Me In« dann doch an die Innerlichkeit seiner Kings-Of-Convenience-Zeiten erinnert. Da rutscht dem Weltenbummler mit derzeitigem Wohnsitz in Sizilien vor emotionaler Aufwallung fast die überdimensionierte Brille von der Nase! Nein, erwachsen werden wollen wir noch lange nicht! Erlend Øye wird übrigens unterstützt von seiner bestens aufgelegten Band The Rainbows, die er auf seiner Bildungsreise in Ländern von Italien bis Island am Wegesrand getroffen und einfach mitgenommen hat. Allein für Klarinette und Klavier gibt es Szenenapplaus! Und mit Tracks wie dem fabelhaften »Rainman» lässt es sich wunderbar leichtfüßig in den Sonnenuntergang tanzen.

Tiger Lou, der sich nach mehreren Jahren Bühnenabstinenz zurückmeldet, spielt am Samstag auf dem Phono Pop mit einer Intensität auf, die nur einer an den Tag legen kann, der endlich wieder tut, was er am besten kann: Dringliche Indierocksongs von hoher Emotionalität schreiben! Wir nehmen an einem beglückenden Akt des Wiederfindens teil: Tiger Lou und seine Band, die in den Nuller-Jahren unermüdlich durch die deutschen Clubs tourten, so manches Abenteuer erlebten und gerade die Freude am wortlosen, selbstverständlichen Zusammenspiel wiederentdecken. Rasmus Kellerman leuchtet trotz der Berufskleidung schwarz wie mindestens drei Weizenfelder in der Hochsommerhitze. Die vertrauten Songs nach mehreren Jahren Abstand wiederentdecken und neu interpretieren und sich dabei von sich selbst überraschen lassen. Die neuen Tracks, die sich wie selbstverständlich in die Setlist einfügen. Nein, nicht stehenbleiben: Weitergehen, neue Wege auftun! Und noch ein Wiedersehen: Mit den deutschen Fans, die bei den Klassikern wie »Oh Horatio» oder »Nixon» nach all den Jahren noch textgenau mitsingen. Es ist wie ein Nachhausekommen. Für die Band, für das Publikum. Und besonders für Rasmus Kellermann. Neue EP kommt in einigen Monaten. Und hoffentlich noch ein längeres Wiedersehen mit Tiger Lou.