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Foto nordische Landschaft

27. August 2015

Unbekannte Wesen

Dass deutsche Bandnamen inzwischen außerhalb unseres Sprachraums als unbedingt cool gelten, ist als Phänomen nicht ganz neu. Aber ausgerechnet auf den sperrigen Begriff Wesen zu verfallen, da muss man erstmal drauf kommen. Júlía Hermannsdóttir and Loji Höskuldsson, das sind die beiden Musiker aus Reykjavík, die sich hinter dem neuen neuen Bandprojekt mit dem Namen Wesen verbergen. Das Duo pflegt eine angenehm verschwurbelte Art des psychedelisch angehauchten Dreampop, schön mit süßlichen Synthies unterlegt. Und sind dabei entspannt im Do-It-Yoursellf-Modus. Bisschen Lo-Fi, bisschen geheimnisvoll. Dass diese beiden in der Trainingshose am heimischen Küchentisch sitzen und absonderliche Songs ersinnen, nimmt man ihnen unbenommen ab! Mitunter taucht man zu zweit in fast schon schamanische Gesänge tief in Weirdpop-Welten ab, aber hey! Ein wenig Merkwürdigkeit hat noch nie geschadet! Auf isländisch klingt der Bandname übrigens lautmalerisch so, als wären hier Ärger und Beunruhigung im Anmarsch. Womit es schon ein wenig seine Richtigkeit hat, aber auf positive Weise so! Naturgemäß fällt die Werkschau von Wesen bislang noch bescheiden aus, aber der traumverlorene Track »The Low Road« gefällt doch sehr!

23. August 2015

Summer Breeze 2015, Samstag: Summer Piss

Heute werden wir nicht um sechs Uhr von unseren überaus nervigen Nachbarn geweckt, sondern gnädigerweise erst kurz nach sieben. Anscheinend zeigen drei Tage feiern Wirkung.

Nach Kaffee und Frühstück (Brezel) gibt’s Serum 114 auf der Main Stage zu bestaunen. Na ja, zu staunen gibt es eigentlich nicht viel. Beim dritten Song surft der Sänger samt Gitarre auf den Händen des Publikums. Die Musik ist unspannend und nicht unsere. Zurück ans Zelt. Majesty können wir von unserem Platz aus hören. Es ist, als stünde man direkt vor der Bühne. Unfassbar, dass wir sie aus so weiter Entfernung immer noch perfekt mitanhören müssen.

Danach erleben drei Viertel von uns Old School Thrash vom Feinsten: Suicidal Angels aus Griechenland spielen. Nicht gerade innovativ aber immerhin ein volles Brett.

Suicidal Angels (GR)

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22. August 2015

Donnerstag: Summer Heat statt Summer Breeze – Freitag: Gewitter vs. Summer Breeze 1:0

Es blitzt und donnert,
die Welt geht unter,
doch das Bier bleibt warm,
der Metaller munter.

Donnerstagmorgen holen uns unsere Freunde ab. Schon jetzt hat es 30°C. Zumindest dauert die Fahrt zum Summer Breeze in Dinkelsbühl nicht lange. Nur knapp zwei Stunden später suchen wir uns auf dem V.I.P.-Camping einen Zeltplatz. Schließlich stehen die Zelte, das Auto scheint sicher geparkt zu sein – und das erste Bier ist zum Glück noch kalt. (AdR: Das zweite, dritte, … übrigens auch)

Aus der Ferne lauschen wir Corvus Corax und Tankard. Wir begeben uns auf den Weg zu den Bühnen als Die Apokalyptischen Reiter gerade beginnen. Freunde, die schon Mittwoch anreisten, warten bereits auf uns. Doch zunächst finden wir sie in der Menge nicht, schon jetzt ist wahnsinnig viel los. Auch am Bierstand kein Glück: langsamer und unproduktiver als diese Typen arbeiten nur Beamte. Nach 15 oder 20 Minuten gebe ich genervt auf. Also kein Bier – fürs Erste. Unsere Freunde finden uns im Getümmel. Herzliche Begrüßung, da wir manch einen schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben. Destruction legen los, aber wirklich interessant sind sie für uns nicht. Auf dem Weg zum Pavillon unserer Freunde hören wir auf der Camel Stage noch bei Nachtgeschrei rein.

Nach einigen Bieren auf dem Campinggelände gehe ich mit meinem Bruder zu Dornenreich vor die T-Stage. Mir gefallen die Österreicher, auch das Zelt ist gut besucht, während sich der Rest Sodom anschaut. Beim Versuch zwei Biere zu kaufen, ertappe ich mich dabei nicht mehr rechnen zu können: Ich will neun Euro bezahlen, aber der Verkäufer beharrt darauf elf Euro zu bekommen. Leider hat er Recht und nicht ich.

Destruction (D)

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17. August 2015

Ein lächerlich positiver Mann: Il Tempo Gigante

»Der macht Mädchenmusik!«, lautete das knappe Verdikt des schreibenden Kollegen, der den Auftritt des dänischen Singer-Songwriters Il Tempo Gigante am Tresen verbringt und zahlreiche Seiten vollkritzelt. Was er wohl notiert hat? Die Sache mit der Mädchenmusik nehme ich mal als Kompliment für Rolf Hansen, der sich an diesem verregneten Sonntagnachmittag im Offenbacher Hafen2 auf ganz unaufdringliche Weise in die Herzen der weiblichen (nur der?) Konzertgänger schleicht. Hansen, alias Il Tempo Gigante, ist ein ein gut organisiertes Ein-Mann-Orchester: Stimme, Gitarre, Loopgerätschaften, Trompete, vielerlei Glöckchen und Blaswerk aus Ton. Letzteres gefällt dem Hahn vom Hafen 2 so gut, dass das gefiederte Tier mehrfach laut seine Zustimmung bekundet. Ja, wenn der Gockel bloß noch in den Fundus passen würde, dann hätte der schüchterne Däne das Federvieh vielleicht auf Tour mitgenommen und ihm ab und an sanft übers Gefieder gestrichen. Und mit dem Hahn zusammen in der Bahn aus dem Fenster geguckt. Der Barde ist nämlich auf der Schienen durch die Republik unterwegs.

Ureigentlich ist Il Tempo Gigante ein bescheidener Philosoph, der seine hart erkämpften Lebenserfahrungen mit dem Publikum teilt. Die gewonnenen Einsichten sind ebenso überraschend wie einfach. Da sucht man verzweifelt nach einer Lösung, fühlt sich fürchterlich: als wenn sich auf regennasser Straße ein Laster in mit Vollkaracho von hinten nähert. Und wenn die Erkenntnis ganz einfach lautet, dass es keine Lösung gibt? Ach, wie befreiend! Rolf Hansen, der spindeldürre Mann mit den freundlichen Augen, strahlt wie ein ganzer Kerzenkandelaber, wenn er davon erzählt. Seine Songs scheinen simpel und fragil zugleich, aber das täuscht. Er türmt Schicht auf Schicht, bis komplexe musikalische Strukturen entstehen. Ein brav klampfender Liedermacher ist der Däne jedenfalls nicht. Die Zuhörer belehren, nein, das will er nicht, sagt er. Denn wenn er seine Lebensweisheiten erfolgreich umsetzte, dann müsste er doch seit Jahren glücklich verheiratet sein. Im Gegenteil, er hat gerade eine unschöne Trennung hinter sich. Berichtet er stockend, wärend der Regen fein fällt. Spätestens jetzt seufzen alle weiblichen Wesen im Raum leise auf. Ist Il Tempo Gigante nun Mädchenmusikant, weil er von solchen Dingen spricht? Ach, wollen wir es lieber dabei belassen, dass er er wunderbar nachdenkliche Songs schreibt. Momentaufnahmen aufflackern lässt, die stehenbleiben wie Standbilder, weil sie die Essenz einer langen, komplizierten Geschichte beinhalten. Der »Track Watch It Watch« vom gleichnamigen Album ist jedenfalls von schwebender Traurigkeit. Und dann blickt Rolf Hansen auf, lächelt und sagt, dass er trotzdem ein auf lächerliche Weise positiver Mensch ist.

Möge es diesem fragil wirkenden Musiker gut gehn auf den weiteren Stationen seiner Tour! Ich bitte Hafen2-Cheffin Andrea dringlich darum, den Herrn Hansen aus Kopenhagen an diesem Nachmittag noch mit viel leckerem Kuchen zu versorgen. Ob er das Süßgebäck wirklich so dringend notwendig hat, wie ich glaube?

Il Tempo spielt noch am 19. August in Köln auf dem c/o Pop Festival.

(Foto: Martin Dam Christensen)

09. August 2015

Vor Euch weglaufen? Niemals, Chinah!

Liebe Promoleute, die ihr die »armen« Musikblogger ständig mit in Superlativen schwelgenden Mails von »aufregenden jungen Bands« beglückt: Ich verrate Euch hier ein gut gehütetes Geheimnis! Nein, wir Bloggerinnen und Blogger wollen nicht wiederkäuen und nachplappern, was Ihr uns vorschlagt. Nein, nein, nein! Sehr viel lieber gehen wir selbst auf Entdeckungsreise. Heben unsere eigenen Schätze! Und auf die Empfehlungen von Musikern geben wir sehr viel mehr als auf um Aufmerksamkeit heischendes Werbegetrommel. Und an diesem heißen Sonntag, an dem sich auf dem Flohmarkt ein hübsches grünes Röckchen fand und das salzige Erdnuss-Eis besonders lecker schmeckte, da stolperte ich via dem famosen Sekuoia auf die dänischen Elektropopsters Chinah. Sängerin Fine Glindvad, Gitarrist Simon Kjær und der Pianist und E-Wizzard Simon Andersson balancieren mit wunderbarer Zurückhaltung zwischen Ambient, dezentem R´n`B, elektronischen Spielkram und, hüstel, folkiger Ballade. Letzteres zumindest im Geiste!

»Im thinking about your childhood gift«, flüstert Fine Glindvand mehr, als dass sie singt. Es geht hier um Geschenke aus der Kindheit und um die Dinge, die uns trotz aller Differenzen einen. Keine Angst, allzu betulich geht es bei den Dänen aus dem Kopenhagener Szene-Stadtteil Nørrebro nicht zu. Verspielte Synthie-Schlenker leisten sie sich im auf elegante Innerlichkeit setzenden Track »Away From Me« allemal. Der auf eine unterkühle Art emotional üppig wirkt! Viel Material haben die Drei noch nicht vorzulegen, aber allein dieser Track schleicht sich auf sanften Pfoten mitten ins Herz. Weil er so schön grenzwert-sehnsüchtig ist!

 
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