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Foto nordische Landschaft

17. August 2015

Ein lächerlich positiver Mann: Il Tempo Gigante

»Der macht Mädchenmusik!«, lautete das knappe Verdikt des schreibenden Kollegen, der den Auftritt des dänischen Singer-Songwriters Il Tempo Gigante am Tresen verbringt und zahlreiche Seiten vollkritzelt. Was er wohl notiert hat? Die Sache mit der Mädchenmusik nehme ich mal als Kompliment für Rolf Hansen, der sich an diesem verregneten Sonntagnachmittag im Offenbacher Hafen2 auf ganz unaufdringliche Weise in die Herzen der weiblichen (nur der?) Konzertgänger schleicht. Hansen, alias Il Tempo Gigante, ist ein ein gut organisiertes Ein-Mann-Orchester: Stimme, Gitarre, Loopgerätschaften, Trompete, vielerlei Glöckchen und Blaswerk aus Ton. Letzteres gefällt dem Hahn vom Hafen 2 so gut, dass das gefiederte Tier mehrfach laut seine Zustimmung bekundet. Ja, wenn der Gockel bloß noch in den Fundus passen würde, dann hätte der schüchterne Däne das Federvieh vielleicht auf Tour mitgenommen und ihm ab und an sanft übers Gefieder gestrichen. Und mit dem Hahn zusammen in der Bahn aus dem Fenster geguckt. Der Barde ist nämlich auf der Schienen durch die Republik unterwegs.

Ureigentlich ist Il Tempo Gigante ein bescheidener Philosoph, der seine hart erkämpften Lebenserfahrungen mit dem Publikum teilt. Die gewonnenen Einsichten sind ebenso überraschend wie einfach. Da sucht man verzweifelt nach einer Lösung, fühlt sich fürchterlich: als wenn sich auf regennasser Straße ein Laster in mit Vollkaracho von hinten nähert. Und wenn die Erkenntnis ganz einfach lautet, dass es keine Lösung gibt? Ach, wie befreiend! Rolf Hansen, der spindeldürre Mann mit den freundlichen Augen, strahlt wie ein ganzer Kerzenkandelaber, wenn er davon erzählt. Seine Songs scheinen simpel und fragil zugleich, aber das täuscht. Er türmt Schicht auf Schicht, bis komplexe musikalische Strukturen entstehen. Ein brav klampfender Liedermacher ist der Däne jedenfalls nicht. Die Zuhörer belehren, nein, das will er nicht, sagt er. Denn wenn er seine Lebensweisheiten erfolgreich umsetzte, dann müsste er doch seit Jahren glücklich verheiratet sein. Im Gegenteil, er hat gerade eine unschöne Trennung hinter sich. Berichtet er stockend, wärend der Regen fein fällt. Spätestens jetzt seufzen alle weiblichen Wesen im Raum leise auf. Ist Il Tempo Gigante nun Mädchenmusikant, weil er von solchen Dingen spricht? Ach, wollen wir es lieber dabei belassen, dass er er wunderbar nachdenkliche Songs schreibt. Momentaufnahmen aufflackern lässt, die stehenbleiben wie Standbilder, weil sie die Essenz einer langen, komplizierten Geschichte beinhalten. Der »Track Watch It Watch« vom gleichnamigen Album ist jedenfalls von schwebender Traurigkeit. Und dann blickt Rolf Hansen auf, lächelt und sagt, dass er trotzdem ein auf lächerliche Weise positiver Mensch ist.

Möge es diesem fragil wirkenden Musiker gut gehn auf den weiteren Stationen seiner Tour! Ich bitte Hafen2-Cheffin Andrea dringlich darum, den Herrn Hansen aus Kopenhagen an diesem Nachmittag noch mit viel leckerem Kuchen zu versorgen. Ob er das Süßgebäck wirklich so dringend notwendig hat, wie ich glaube?

Il Tempo spielt noch am 19. August in Köln auf dem c/o Pop Festival.

(Foto: Martin Dam Christensen)