Home
Foto nordische Landschaft

06. Oktober 2015

Alles wird anders: Reeperbahn Festival 2015

Man traut sich ja kaum mehr auf den Spielbudenplatz, noch vor zwei Jahren das angeschmuddelte Zentrum St. Paulis. Die zugegebenermaßen hässlichen Esso-Häuser sind abgerissen. Dafür ist mit dem Klubhaus St. Pauli ein schnieke blinkendes neues Multi-Veranstaltungshaus entstanden, zu dessen Eröffnung Udo Lindenberg und Ray Cokes hereinschneien. Das ist alles schön und gut, hat aber null Patina und ist als Veranstaltungsstätte ungefähr so steril wie ein hochpoliertes Kulturzentrum in Stuttgart-Sindelfingen. Stimmung will so recht keine aufkommen. Wenn das die Zukunft der Musikkultur auf dem Kiez sein soll? Alles wird hier anders, so scheint´s. Da wechselt man lieber um die Ecke zum ebenso sympathischen wie stilecht-alten Mini-Club Hasenschaukel, wo an diesem ersten Festival-Abend die schwarzgewandeten dänischen Indie-Folkster Heimatt düstere Lagerfeuer-Romantik verbreiten. Heimatt ist übrigens nicht aus dem Deutschen entlehnt, sondern aus dem Norwegischen, und bedeutet so viel wie heimkehren. Wieder was gelernt! Um Sünder und Gottesfürchtige geht es hier. Bänkelgesang im Indie-Gewand! Seemansgarn auf neumodisch! Gegen flotte Töne aus dem oft zu betulichen Singer-Songwriter-Folklanden habe ich nichts einzuwenden. Nicht immer nur bedröppelt den Mond anheulen!

Nochmal Dänemark, nochmal Hasenschaukel: Naja, so gut wie eingebürgerter Däne, den Of The Valley alias Brian Della Valle ist eigentlich Kanadier. Der bärtige Singer-Songwriter ist ein rechter Waldschrat, den es schon seit einigen Jahren aus der Prärie nach Kopenhagen verschlagen hat. Dort sitzt er nun, der einsame Reiter, und leckt die Wunden, die das Leben und die Liebe ihm geschlagen haben. Und da es auf dem Kiez langsam kühl wird, drängen sich die Zuhörer Nase an Nase und Herz an Herz in den heimeligen Club und genießen den gehobenen Folk-Weltschmerz. Da muss das Lagerfeuer schon sehr wärmen, um diese existenzielle Einsamkeit zu bekämpfen. Die in schlichter Schönheit daherkommt. Travel safely on, rider!

Ich rede noch lange mit Kayan, dem Türsteher der Hasenschaukel, der sich nicht mehr vorstellen kann, auf dem Kiez zu leben. Wo sich mittlerweile die geführten Reisegruppen auf der Suche nach dem »authentischen Laster« gegenseitig auf die Füße treten. Wo ein Hotel sehr gehobenen Komforts auf das Treiben in der Herbertstraße blickt. Wo man in einige Clubs an der Großen Freiheit nicht mehr hereinkommt, ohne hochnotpeinlich auf Messer untersucht zu werden. Die Gewalt hat zugenommen. Heute wird nicht mehr zugeschlagen, sondern zugestochen. Und trotzdem sind da immer noch einige wenige sympathische Schmuddelecken, die erstaunlicherweise überleben. Den Soundtrack des Nachhausewegs liefert übrigens ein Franzose, Marke Bubi, Mathe-Leistungskurs und Spät-Popper. Vianney ist der Nom De Plume des 23jährigen Parisers, der kürzlich sein Debütalbum »IDÉES BLANCHES« vorgelegt hat. Wo er Paperbötchen zu Wasser lässt und überzeugend zeigt, dass sich Chanson und folkige Melancholie bestens vertragen!