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Foto nordische Landschaft

18. November 2015

Weiße Sonne mit Jófriður: Iceland Airwaves 2015

Mein siebtes Iceland Airwaves Festival 2015, und einen Ritterschlag der absonderlichen Art erhalten: Im Szene-Treff Kaffibarinn fällt mir vorm Auftritt der ungemein talentierten britischen Singer-Songwriterin Rozi Plain ein Keyboard auf den Fuß, und als Schmerzmittel gibt es ein schäumendes Freibier von der Barfrau! Und beim Hinausgehen in die dunkle Reykjavíker Nacht flimmern plötzlich giftgrüne Nordlichter über den Himmel, so dass man nur offenen Mundes dasteht und staunt. Solche Dinge passieren eben nur auf dem Airwaves!

Spät in die Nachberichterstattung starten. Die Dinge sich setzen lassen. Bloß keine Fleißarbeit abliefern über die 56 Bands, die man an fünf Tagen gesehen hat! Ich halte es da eher mit dem sehr geschätzten britischen Bloggerkollegen Iceblah, der seinen ersten Airwaves-Post mit einer Aufzählung all der coolen Bands startet, die er eben nicht gesehen hat. So sieht wahre Souveränität aus!

Also: Weniger ist mehr! Statt endloser Aufzählungen angesagter Acts gibt es hier in in Vignetten-Form die Bands und Musiker zu entdecken, die nachhaltig Eindruck hinterlassen haben. Plus: Impressionen zu den nicht immer erfreulichen Dingen, die in Reykjavík aktuell vor sich gehen. Denn alle diejenigen, die bereits seit vielen Jahren im Spätherbst zum Airwaves fahren, waren im November 2015 einigermaßen entsetzt darüber, was sich in den vergangen zwölf Monaten in der isländischen Hauptstadt getan hat: Noch mehr Hotels. Noch mehr Souvenirshops. Noch mehr Kleinbusse, die sich durch die engen Innenstadtstraßen quälen und Touristenhorden zu “authentischen Abenteuern” in die Wildnis karren. So mancher sympathische kleine Laden, so manches gemütliche Café und sogar die legendäre Noodle Station sind ganz verschwunden oder haben in sehr viel kommerziellerer Form an anderer Stelle eine neue Heimat gefunden. Reykjavík droht an seinem eigenen Erfolg zu ersticken. Immer mehr Billigfluglinien offerieren Schnäppchenangebote auf die angesagte Atlantikinsel. Um sich dann reichlich künstlichen Attraktionen anzusehen wie ein Nordlichter- oder neuerdings sogar ein Walmuseum. Alles zu sehr deftigen Eintrittspreisen, versteht sich! Die Aurea Borealis sieht man doch lieber in Natura am Abendhimmel! Reykjavík ist eine überschaubare Hauptstadt. Die Innenstadt erläuft man sich bequem in 20 Minuten. Und immer mehr ausländische Besucher erkunden diesen begrenzten Raum. Es graust einem leicht. Oder hängt man bloß nostalgisch den guten alten Zeiten nach? Denn die Isländer selbst sehen die Sache pragmatisch und mit einem gewissen Nationalstolz. “Jahrhundertelang hat sich keiner für uns interessiert, und plötzlich kommt die ganze Welt zu uns”, sagte der Chef vom besten Plattenladen der Welt, dem 12 Tónar. Das ist der andere Blick!

Um endlich zur Musik zu kommen, und zu einem der kleinen, improvisierten Gigs im Kaffibarinn, die in lebhafter Erinnerung geblieben sind: Jófríður Ákadóttir, kurz: Jófríður. Die junge Musikerin, die sich als Mitglied von Samaris und gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Ásthildur als Pascal Pinon schon einen Namen gemacht hat, wandelt neuerdings auf Solopfaden. Und sie tut das ebenso schüchtern wie selbstbewusst! Schafft es, in der wuseligen Atmosphäre der knallvollen Bar eine Atmosphäre von intensiven Fragilität und verhuschter Schönheit zu schaffen. So enstehen hauchzarte Songgebilde mit sanft verstörenden Untertönen. Jófríður findet ihre Rolle als eigenwillige Nachwuchs-Elfe jenseits allen Kitsches. Flüstert und haucht und kreiert Songs, in denen die Electronics auf Geisterfahrt gehen und die Nebel über dunkelgrünen Landschaften wabern. Das ist Lo-Fi-Popfolk vom Feinsten. Das klingt mitunter wie ein heidnisches Ritual, das ist reduzierter Sirenengesang, das ist Flüsterpop nicht nur für Nachwuchshexen. Komm, lass uns in diesen dunkel lockenden Gegenwelten verlorengehen! Das Debütalbum von Jófríður wird im kommenden Jahr bei Morr Music herauskommen, sagen die Morrs. Und wo auch sonst könnte diese weiße Sonne so intensiv scheinen!

Foto: Timothee Lambrecq

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