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Foto nordische Landschaft

30. Dezember 2015

Ary und Carl Louis erkunden das Universum

Zum Jahresende mag man gerne hoch zu den Planeten schauen. Auch wenn man sein Jahreshoroskop in der Buntpresse noch nicht gelesen hat! Wie schön, dass sich zwei der begabtesten Newcomer der norwegischen Elektropopszene jüngst zusammengetan haben, um die endlosen romantischen Rätsel des Universums zu erkunden. Die himmlisch helle Stimme stammt von Ary, einer jungen Multiinstrumentalistin aus Oslo, die jüngst vom renommierten Antwerpener Label Eskimo Recordings unter Vertrag genommen wurde. Dort ist man hin und weg von diesen fragilen, schwärmerischen Vocals! Dass Ary aussieht wie die schüchterne kleine Schwester von Prinzessin Leia muss auch kein Nachteil sein! Die geschmeidigen Beats hat Carl Louis beigetragen, der sich als Produzent und DJ schon einige Meriten erworben hat und nun auf Solopfaden wandert. Offenkundig auf der Suche nach wärmeren, organischeren Tönen, die sich himmelwärts schwingen und unbestimmte Sehnsüchte wecken. Carl Louis ist, klar, ein Sternengucker und hat kürzlich sein Mini-Album »TELESCOPE« herausgebracht, wo Sternschnuppen über blaue Abendhimmel flitzen. Gemeinsam irrlichtern die beiden im Titelstück durch ferne Galaxien und finden auf ihrer Sinnsuche doch nur vertraute Dinge wie Angst vor Verlust und Furcht vor Vergänglichkeit. Aber sie tun das mit einer solch naiven und herzzereißenden Intensität, dass man kurz vorm Taschentuchzücken ist. Ary ist übrigens einer der Acts, die in zwei Wochen beim Eurosonic Festival in Groningen auf meiner Liste der »unbedingt zu sehenden« Acts steht!

24. Dezember 2015

Besinnliche Weihnachten mit Åse Ava Fredheim

An Heiligabend durch Vogelgezwitscher aufwachen. Im Innenhof fangen die Bäume schüchtern an zu blühen. Und so was nennt sich Weihnachten! Aber wenigstens scheint die Sonne. Die Straßen leeren sich. Und bevor ich mich selbst auf den Weg südwärts gen alte Heimat mache, gibt es besinnliche Töne von Åse Ava Fredheim, einer Singer-Songwriterin aus Norwegen. Ich verstehe zwar kein Wort von dem, was sie auf “Julefred” singt, aber gehe stark davon aus, dass es sich dabei um den Weihnachtsfrieden handelt. Und er klingt sehr zart und ruhig, dieser kleine Song, der von kullernden Klaviertönen begleitet wird. Wunderbar naiv kommt dieser fein zurückgenommene Track daher. Der ein wenig an die Weihnachten erinnert, als man noch Kind war und die Stunden zählte, bis endlich das Glöckchen am Baum klingelte und man ins geschmückte Wohnzimmer durfte. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!

20. Dezember 2015

Stillvergnügtes Singen mit Onoila

Wie gelangt eigentlich die Musik ins Polarblog? Wenn man mich fragt: Am liebsten per Zufall! Ich mag es, wenn die Dinge zu mir kommen. Wenn sich per Zufall die Wege kreuzen. Ich halte es mit Pippi Langstrumpf: Ich bin ein begeisterter Sachensucher. Und Sachenfinder! Der schwarze Schal, den ich gerade um den Hals geschlungen trage? Der hing tagelang traurig draußen am Geländer der hiesigen Sparkassenfiliale herum, bis ich mich endlich erbarmte, ihn mit nach Hause nahm & wusch & hoppsa! Ein wunderbares Teil! Das Buch, das ich gerade lese, hat jemand im Zug liegen lassen. Ich hätte es ja gerne dem rechtmäßigen Besitzer gegeben, aber das Abteil war leer & der Zug an der Endstation angelangt. “The Consolations Of Philosophy” heißt es, geschrieben von Alain De Botton. Mir war der Mann bis dahin unbekannt. Lauter kluge Essays! Das kleine Penguin-Büchlein enthält auch ein geistvolles Kapitel über das gebrochene Herz & wie man es tröstet. Und dort sind halbe Seiten mit Bleistift unterstrichen. Ergo, der Verlierer oder die Verliererin hat heftigen Liebeskummer. Welche kleine Dramen des Alltags man als Sachensucher so entdeckt!

Und nun komme ich endlich zum Punkt und zu Onoila. Die Band aus dem finnischen Turku pflegt einen feinen, gitarrenlastigen Singer-Songwriterpop, der stillvergnügt und schelmisch daherkommt, um zwei altmodische deutsche Wörter zu verwenden. Ein Mitglied der Band saß letztens bei meiner Freundin Oona im Wohnzimmer & wurde von ihr via Instagram markiert. Klar, da werde ich neugierig und schaue nach! Onoila hatten bis vor zehn Minuten 39 “Freunde” auf Facebook. Ich stöbere auf der Seite herum & stoße auf ein schönes Do-It-Yourself-Video, wo ein pelzbemützter Jüngling im Wald herumstrolcht und mit Pfeil und Bogen unerhörterweise auf weiße Tauben schießt. Brave Liedermacher tun so was nicht, die flehen nach ein bisschen Frieden! Eine garstige kleine Ballade also, so viel lässt sich mit beschränkten Finnischkenntnissen erahnen. Und sehr leichtfüßig und selbstironisch dabei! Die Fünf von Onoila nehmen sich erfreulicherweise nicht zu ernst, sondern goutieren mit todernster Miene und lachenden Augen die Absurditäten des Alltags. Das selbst betitelte Debütalbum ist im August herausgekommen. Man kann es als Kassette (!) erwerben und zuvor ausführlich via Bandcamp hereinhören. Und diese Töne müpfen alle Mußestunden auf – mit den unerwarteten Schlenkern, die sie schlagen! Mir gefällt “Palava Kivi” ausgesprochen gut, wo die Band urplötzlich zu fetten Orgelklängen in den Powerpop-Modus wechselt. Himmel, was für ein unwiderstehliches Durchs-Wohnzimmer-Step-Stückchen im Waldschrat-Gewand. Mehr von dieser Huckleberry-Finn-Attitüde!

Metsästäjän balladi from Onoila on Vimeo.

15. Dezember 2015

Fragile Schönheit mit Nordic Affect

Fünf Musikerinnen aus Reykjavík, die sich für die Tanzmusik des 17. Jahrhunderts begeistern – aber gleichzeitig für moderne elektronische Töne offen sind: Die könnten interessant klingen, diese neoklassischen Töne! Nordic Affect nennen sich die fünf Künstlerinnen, die Händel mit isländischem Experimentalklängen verbinden. Nur ganz zu Anfang klingen diese Streicherinnen so, als wollten sie uns auf die sanfteste Art in den Winterschlaf lullen wollen. Kleine beunruhigende Unterströmungen schwingen hier mit, wenn sie auf ihrem neuen Album »CLOCKWORKING« Stücke zeitgenössischer isländischer Komponistinnen interpretieren. Wer jetzt an verkopfte Hochkultur denkt, liegt völlig falsch: Den zu diesen Komponistinnen zählt auch María Huld Markan Sigfúsdóttir, die als Mitglied der Folkpopster Amiina bekannt ist und für die Streicher-Arrangements von Sigur Rós verantwortlich zeichnet. Das Titelstück nimmt uns mit auf eine Reise nach Innen – voller fragiler Schönheit und bewusst minimalistischer Ästhetik. Das könnte fast schon Filmmusik sein: Für ein Roadmovie, in dem man unter Bäumen auf die zärtlichste Weise verlorengeht. Eignet sich wunderbar als Soundtrack für dunkle, stille Dezembertage! Und Zeit zum Träumen sollte man sich dabei lassen, viel Zeit!

09. Dezember 2015

Der schwärmerische Grübler: Shadow Age

Wir nähern uns der längsten Nacht des Jahres. Die Dunkelheit treibt uns ins Haus. Wir zünden die eine oder andere Kerze an und können durchaus dem gehobenen Grübeln verfallen. Den Soundtrack dazu könnte der dänische Jungspund Benjamin Fischermann alias Shadow Age liefern, der sich auf den weiten Weiden des (meist) instrumentalen Elektronikpops tummelt und einen Hang zu großen Geste und zu schwärmerischen Gefühlsausbrüchen hat. Es klingt mitunter überkandidelt, was diese Nachwuchskraft auf seinem Laptop an Tönen erschafft. Aber immer elegant und melancholisch! Meist angenehm verlangsamt kommen diese Tracks daher, die mit einer Vielzahl hehrer Gefühle spielen und vor dem Einsatz eigenwilliger, grenzwertkitschiger Vocal-Samples nicht zurückschrecken. Aber es lässt sich bestens seinen Gedanken nachhängen zu diesen schwarzromantischem Tracks, in denen gefühlige elektronische Violinen eine nicht unwichtige Rolle spielen. Schlau ist dieser junge Mann, dass muss man im lassen: So wie er hier verschiedene Schattierungen der Farbe dunkelgrau aufmalt und dennoch nicht als Trübsalsuse daherkommt. Sondern mit einem Bein im leichtfüßigen Dandy-Pop steht und mit dem anderen auf dem spätnächtlichen Dancefloor. Dass der gerade 20jährige seine musikalischen Laufbahn als Schlagzeuger in einer Rockband startete, mag man kaum glauben. Die selbst betitelte Debüt-EP ist beim Kopenhagener Label Native Of The North erschienen. Man kann ihr zur Gänze via Soundcloud lauschen. Mir gefallen die Prärie-Assoziationen im Track “End” besonders gut! Und dass Herr Shadow Age zum Ende nochmal richtig aufdreht!