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Foto nordische Landschaft

27. September 2016

Der Anti-Held: Albin Lee Meldau. Reeperbahn Festival 2016

Albin Lee Meldau strolcht als letztes Mitglied seiner Band auf die Bühne des plüschigen Hamburger Imperial Theaters. Ein ungelenker Mensch mit schlenkernden Gliedmaßen und einem unordentlichen dunklen Haarschopf. Blass und leicht übernächtigt wirkt er am zweiten Tag des Reeperbahn Festivals. »Harry Potter ist erwachsen geworden, hat sich eine Gitarre gekauft und irgendeine blöde Schlampe hat ihm das Herz gebrochen«: Das sind die ersten Assoziationen, die einem durch den Kopf fahren, wenn man den jungen Schweden sieht. Vor allem dann, wenn er sich mit fahrigen Gesten die Brille aufsetzt. Deren runde Gläser unter Garantie verschmiert sind. Aber alles ändert sich, wenn dieser Anti-Held anfängt zu singen: Der Mann aus Göteborg hat eine warme, brüchige, soulige Schmerzensmann-Stimme von ungewöhnlicher Klangfarbe. Ist keinesfalls der junge Mick Hucknall. Schlösse man die Augen, dann würde man sich einen mindestens 40jährigen vorstellen, der im Leben schon so manches Mal Schiffbruch erlitten hat. Viel braucht Meldau nicht, um an diesem Abend zu beeindrucken. Süßliche Gefühle hat dieses schwedische Nachtschattengewächs nicht im Repertoire. Diese Außenseiter-Töne haben Tiefe. Kommen aus dem Herzen, um die Vokabel »Authentizität« hier nicht strapazieren. Die Songs seiner Debüt-EP »LOVERS« sind zurückgenommen arrangiert. Weniger ist hier definitiv mehr. Und besonders mürbe ums Herz wird uns dann, wenn dieser junge Mann zur Trompete greift.

Albin Lee Meldau kommt aus einer musikalischen Familie. War jahrelang Sänger einer Soulband. Hat in Kirchen, auf Hochzeiten und Beerdigungen gespielt und auf der Straße sowieso. Seit rund einem Jahr erfindet sich dieser uneitle junge Mann als Solokünstler. Weil er sich mehr Erfolgschancen ausrechnet. Und weil er zu ungeduldig ist, um sich mit sechs anderen zu arrangieren. Albin Lee Meldau strebt in Richtung nachtschwarzen Pop. Das sehr feine »Lou Lou« ist veritabler skandinavischer Pop Noir. Klar, dass die Dinge hier schlecht ausgehen. Dass der junge Schwede hier mit Björn Yttling von Peter Bjorn And John gearbeitet hat, mag man kaum glauben.

Dieser uneitle junge Mann hat eine unbestreitbare Bühnenpräsenz. Vielleicht gerade deswegen, weil er es nicht nötig hat, dick aufzutragen. Kein Geringerer als Quentin Tarantino zeigte sich von dem Schweden beeindruckt und bestellte bei ihm ein Mixtape. Das Reeperbahn Festival hat in diesem Jahr übrigens zum ersten Mal einen Preis für den besten Nachwuchskünstler ausgelobt, der von einer hochkarätig besetzten internationalen Jury ausgewählt wurde. Wer hat den ersten Anchor Award gewonnen? Albin Lee Meldau natürlich!

(Foto: Fredrik Skogkvist)

11. September 2016

Schöner übertreiben mit Slaughter Beach

Ziemlich dick auftragen und dabei alle Register ziehen? Falsett-Vocals zelebieren? In überlebensgroßen Gefühlen schwelgen? Der Peinlichkeitsfaktor ist sehr hoch bei einer solchen Unternehmung. Aber wenn eine Band es sich traut, heldenhaft die Klippen des Kitsches zu umsegeln und schließlich triumphal die Gewässer des gehobenen Barockpop erreicht: Dann gehen meine Ohren ganz weit auf! Vorhang also auf für das dänische Trio Slaughter Beach, das die hehren Werte des überkandidelten Synthie-Pop hochhält und uns die buntesten Sterne vom Himmel holt. Verträumt sind diese kirmesbunten Töne, aber im Hollywoodmusical-Stil. Die drei Jungspunde aus Odense machen sich offenbar auf, das Erbe der unvergessenen Landsleute Treefight For Sunlight anzutreten, um die es bedauerlicherweise etwas ruhig geworden ist. Wer das gehobene Melodrama in satten Pastellfarben liebt, wird sich von Slaughter Beach willig ins Land hinter den Discospiegeln entführen lassen. Zu ihrem Bandnamen sind Dänen übrigens ebenso wie die Kollegen der Bay City Rollers gekommen: Beim Studieren von Landkarten! Einen alten Bekannten finden wir bei Slaughter Beach übrigens: Hasse Mydtskov hat bei den von mir ebenfalls sehr geschätzten Indierocksters The Kissaway Trail mitgemischt. Die Drei werkeln aktuell an ihrer zweiten EP. Die sehr feine Synthiehymne »Sher Khan« entführt gekonnt in exotisch-plüschige Lande. Fast wünschte man sich, sie würden noch einen Kinderchor zu diesen luxuriösen und dekadenten Tönen hinzufügen!

06. September 2016

Ab in die Sonne mit den Merries! Bevor der Sommer endet

Finnische Bands müssen den weltweiten Rekord bei Songs halten, die sich mit Sonne und Sommer beschäftigen. Und bei skurrilen Do-It-Yourself-Videos sowieso. Allerhöchste Zeit, kurz vor dem offiziellen kalendarischen Herbstbeginn die Bekanntschaft der Merries zu machen! Das Sextett um den Gitarristen und Sänger Juuso Härmä hält die Werte des guten alten College-Indierock hoch und lässt die elektrischen Klampfen lustvoll jammen. Das sind unbekümmerte Töne für Menschen, die ihr Studium nicht in Rekordzeit abgeschlossen, sondern dem lieben Gott die Zeit gestohlen haben. Ach, ernsthaftes Erwachsenwerden, es ist uns damit nicht eilig! Diese entspannte Tagträumer-Attitüde lebt in den Song der Merries. Denken wir an die guten alten Replacements, denken wir an die Lemonheads, dann kommen wir der Sache schon ziemlich nahe. Wobei die Merries sich durchaus kleine Ausflüge in ein Land gestatten, in dem man unerwartet glücklich, gar schon euphorisch ist! Das ist sehr charmant, das. Man muss diese Schluffis einfach ein bisschen liebhaben. Dass der Herzschmerz vom Liebesglück nur eine Turnschuhlänge entfernt ist, versteht sich von selbst. Die Merries haben jüngst ihr selbst betiteltes Debütalbum vorgelegt. Wo sie schwelgerisch lärmen und mitunter unerwartete Dinge tun und einer Hammondorgel eine tragende Gastrolle einräumen. Via Bandcamp kann man ausführlich in den Erstling hereinhören. Aber bevor der Sommer endet, genießen wir schnell noch das schrullige Video zum feinen Song “Travel To The Sun”.