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Foto nordische Landschaft

01. Oktober 2016

Ein wenig Nostalgie mit Tiger Lou: Reeperbahn Festival 2016

Letzens war ich im Angeber-Architektur-Areal am Offenbacher Hafen unterwegs. Das Grauen! Wo früher der verwilderte Charme einer vergessenen Industriebrache lebte, gibt es heute eine profitmaximierte städtebauliche Verdichtung plus einfallsloser Gestaltung zu bestaunen. Aber hier leben, nein danke! Leicht melancholisch wurde mir ums Herz, als ich den Ort zumindest grob wiedererkennen wollte, wo sich früher der alte Lokschuppen des Hafen2 befand. Damals wie heute einer der sympathischsten Veranstaltungsorte im ganzen Rhein-Main-Gebiet! Der alte Lokschuppen, mein zweites Wohnzimmer, ist längst abgerissen. Der Hafen2 ist rund 500 Meter weiter flußabwärts als Neubau wiedererstanden. Aber die unvergesslichen Konzerte damals im alten Hafen! Vielleicht sind die Gigs von Tiger Lou am meisten aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben: Mitreißender, intensiver, hingebungsvoller schwedischer Indierock. Die Songs der beiden ersten Tiger-Lou-Alben kann ich bis heute textsicher mitsingen. Und Schnitt. Verlassen wir Offenbach, düsen wir nach Hamburg zum Reeperbahn Festival. Auch an der Amüsiermeile hat sich die Gentrifizierung plus mittelmäßiger Architektur leider ausgebreitet wie Algen bei Hitze. Aber eine Konstante ist geblieben: Das deutsche Publikum hat Tiger Lou nicht vergessen. Nach jahrelangem Schweigen hat sich der Schwede wieder mit seiner alten Band zusammengetan und legt mit »THE WOUND DRESSER« ein neues Album vor. Das Uebel & Gefährlich ist bis auf das letzte Eckchen voll. Tiger Lou und seine Mitmusiker treten in Berufsschwarz auf, natürlich. Aber wie Rasmus Kellerman leuchtet! Wieder an dem Ort zu sein, an dem er hingehört: Auf die Bühne. Und er tut uns nicht den Gefallen, die alten Stücke zu spielen, oh nein. Die neuen Tracks stehen im Mittelpunkt, allen voran das wunderbar berührende »Homecoming«. Blödnasen werden nun kritteln, dass Tiger Lou genau dort weitermacht, wo er aufgehört hat: Beim gehobenen Indierock. Klappe halten, ihr krawalljournalistischen Intro-Idioten! Schreibt erstmal einen so stimmigen, hymnischen Track über die Selbstfindung! Sich selbst treu bleiben, ist das so uncool? Und eine Geste ans deutsche Publikum macht Rasmus Kellerman natürlich zum Schluss und spielt das wunderbare »Nixon«. »Is this is how it feels to be special? I wanted to kill you the next day«. Ja, so wird es wohl sein.

Tiger Lou Homecoming Music Video from Mike McMillin on Vimeo.