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Foto nordische Landschaft

20. November 2016

Liebeskummer ist überbewertet: Iceland Airwaves 2016

Sitzengelassen werden und üblen Liebeskummer zu haben, das ist keine schöne Sache. Es sei denn, man beschließt, die elendige Leiderei dadurch zu bekämpfen, dass man sie zur Kunstform erhebt. Katrín Helga Andrésdóttir alias Kriki hat sich für diese Strategie entschieden. Kriki ist eine dieser wunderbaren Zufallsentdeckungen auf dem Iceland Airwaves Festival 2016, über die man unversehens stolpert, wenn man nur seinen Ohren nachgeht. Eigentlich wollte ich nachmittags einen minikleinen Mittagsschlaf einlegen, weil es am Vorabend so spät geworden war. Aber dann klangen diese sanften, liebevoll verspielten Töne aus der Ananasbar, und ich musste einfach hineingehen. Es sind naive, verträumte kleine Songs, mit denen die junge Frau gegen die Fröste des Erwachsenenlebens aufbegehrt. Und wenn sie öffentlich von ihren Liebesgeschichten erzählt, die alle im Desaster endeten, dann wird aus der Tragik unversehens eine zärtliche, federleichte, sich selbst liebende Attitüde. Lavalampen glühen, die Gitarre puckert, leise Synthies seufzen und Windharfen streicheln die verwundete Seele. Und irgendwie wird einem bei diesen ruhigen Lo-Fi-Songs wie »Apollo« plötzlich sehr warm ums Herz. Und vielleicht lächelt man mit Kriki auch ein ganz klein wenig über dieses ganze emotionale Chaos. Wenn daraus so wunderbare Songs entstehen, dann hatte es doch noch etwas Gutes!

Ein weiteres Café, später. Es ist Sonntagabend. Der Großteil der Festivalmeute ist in die Mehrzweckhalle Vallshöllin entschwunden, um PJ Harvey zu hören. Nur einige sind im legendären Kaffibarinn hängengeblieben, aber das sollte sich lohnen. Denn hier spielt die Cellistin und Sängerin Gyða Valtýsdottir, ehemaliges Gründungsmitglied von Múm. Mitte der Nullerjahre hat Gyða Múm verlassen und war seitdem in der Versenkung verschwunden. Wirklich? Gyða hat in Russland und der Schweiz klassisches Cello studiert und sich an verschiedensten musikalischen Projekten beteiligt. Hat unter anderem mit dem kanadischen Arcade-Fire-Mitstreiter Colin Stetson gearbeitet. Im Sommer hat sie, leider weitgehend unbeachtet, ihr Solodebüt »EPICYCLE« vorgelegt, eine wunderbar persönliche Auseinandersetzung mit klassischen Komponisten. Aber auf Gyða-Art! »Recloaked gems of classical repertoire through last 2.000 years«, wie sie ihre eigenwillige Auseinandersetzung mit Komponisten von Prokofiew bis Hildegard von Bingen beschreibt. Mit artiger Klassik hat das nichts zu tun, sondern mit einem elfenhaften Bürsten des gegen den Strich. Im vollen Café ist es so still, dass selbst die Barfrau flüstert. Wenn Gyða ein Lied von Robert Schumann (ausgerechnet »Im wunderbaren Monat Mai!«) für sich reklamiert, dann klingt das, als ob Nebelschwaden über karge Landschaften wallen. Und wie reduzierte Filmmusik. Und ein bisschen unheimlich, aber angenehm so. Deutsche Romantik, hier in Reykjavík? Es passt!

Und ausnahmsweise erwähne ich hier eine britische Band lobend. Das ist doch ein skandinavisches Blog! :) Aber diese Band spielt nachmittags vor 15 Zuhörern so beseelt auf, dass man sie einfach ins Herz schließen muss. Strange Boy müssten mit ihrer Mischung aus elektronischen und klassischen Tönen eigentlich zu Ehren-Isländern ernannt werden. Beim isländischen Musiker-Chor Kórus durften sie beim Festival jedenfalls schon mitsingen, das ist die halbe Einbürgerung! Kieran Brunt und Matt Huxley sind zwei sehr junge Musiker aus London, die ruhige, warm flackernde, balladige Töne zwischen Tag und Traum zelebrieren. Ein wenig feierlich klingen. Aber zu diesen empfindsamen Electronica passt das! Und wenn Kieran Brunt dann noch zur Geige greift, dann schleicht sich ein seliges Lächeln auf die Gesichter der Zuhörer. Auch hier geht es um enttäuschte Liebe, aber diese wird mit Schönheit sublimiert. Mit ruhiger Schönheit! Die einen schönem Kontrast mit den elektronischen Unruhestiftern bilden, die durch die feinen Spannungsbögen des feinen Tracks »This As A Friend« geistern. Sie hätten an diesem grauen Nachmittag noch ewig weiterspielen können, wenn es nach mir gegangen wäre. Eigentlich müssten Strange Boy in Kirchen spielen! In England tun sie das bereits!

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