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Foto nordische Landschaft

02. Dezember 2017

Es muss nicht immer Island sein: Leeuwarden ist auch fein!

In diesem Jahr habe ich zum ersten Mal seit 2009 das bislang sehr geliebte Iceland Airwaves Festival in Reykavík ausgelassen. Denn die isländische Hauptstadt ist inzwischen für normale Menschen unerschwinglich geworden. Wie sagte es ein Freund so schön, der dann doch dort war: »Alles ist nochmal teurer geworden«. Wohlgemerkt waren die Preise schon beim Airwaves 2016 an der Schmerzgrenze. Der Tourismusboom zeigt hier seine dunkle Seite. Wie hinterher zu hören ist, waren die Besucherzahlen auf dem Airwaves rückläufig. Vor allem die Briten, traditionell im nördlichen Nachbarland beim Festival mit einer starken Fraktion vertreten, fehlten auffällig: Ein Resultat des schwachen Pfundes und somit auch des Brexit. So, genug gejammert, denn es ist nun nicht so, dass die Isländer die einzigen auf der Welt sind, die im November ein Festival veranstalten. Per Zufall stieß ich auf das Explore The North Festival in Leeuwarden, dessen Programm mir ausgesprochen gut gefiel. Sehr viele skandinavische Musiker! Der Laie fragt sich nun: Wo liegt bloß Leeuwarden? Ehrlich gesagt musste ich auch nachgucken. Also! Leeuwarden liegt im friesischen Teil der Niederlande, nicht weit von Groningen entfernt. Und vor allem, so stellt sich heraus, sind Leeuwarden und die Region Friesland europäische Kulturhauptstadt 2018! Überall hängen Plakate und Poster der legendären Spionin und Tänzerin Mata Hari. Kein Wunder, sie ist die berühmteste Tochter der Stadt und wurde vor genau 100 Jahren in Frankreich hingerichtet. Die unbekannte Provinzhaupstadt entpuppt sich als echte Entdeckung und das kleine Festival ebenso!

Das fängt schon mal mit den Veranstaltungsorten an: In Kirchen, der ehemaligen Synagoge und einem angenehm übersichtlichen Kulturzentrum. Alles fußläufig zu erreichen, Grachten und Kirchen dienen als Wegweiser, die Leeuwardener sind ein ausgesprochen freundliches Völkchen (von wegen maulfaule Friesen) und das Bier ist lecker und bezahlbar. Des Abends schaukeln bunte Kerzenlicher wie die Seerosen auf den dunklen Wassern der Gracht. Die Stimmung ist entspannt. Das Festival ist gut besucht, aber nicht überfüllt, man kommt ohne Probleme in die einzelnen Konzerte, ohne Schlange stehen zu müssen. Und noch was: Was am Explore The North Festival ausgesprochen gut gefallen hat, ist das gemischte Publikum: Jung und Älter, Studenten und Kulturbeflissene, Männlein und Weiblein und sogar ein paar Kinder.

Ich will jetzt keinen »mein schönstes Ferienerlebnis in Leeuwarden«-Aufsatz schreiben, sondern einige Impressionen hinwerfen. Endlich, zum ersten Mal die dänischen Pop-Schwärmer Mew live gesehen: Großes Gefühlskino, die himmlischen Falsett-Vocals von Jonas Bjerre und ein beeindruckendes Licht- und Video-Spektakel. Schön reduzierte Singer-Songwriterklänge mit der ernsten norwegischen Sängerin Siv Jakobsen, die bestens in die betont nüchterne Lutherse Kerk passt. Angenehm überkandidelter Schrillpop mit viel Elektronik-Klingklang mit der eigenwilligen norwegischen Chanteuse Hanne Hukkelberg. Kosmische Klänge auf Spuren von Ólafur Arnalds mit den Rotterdamer Newcomern Winterdagen. Supertanzbarer türkischer Psychedelikpop mit Derya Yildirim & Grup Simsek und der mit weiten Abstand coolsten Schlagzeugerin des Festivals. Anspruchsvolle experimentelle Klänge irgendwo zwischen Jazz, Folk, indischer Musik und Klassik von den britischen Querköpfen Mammal Hands. Der junge belgische Troubadour Tamino riss das Publikum in der Westerkerk zu Standing Ovations hin (ich habe darüber bereits in meinem Zweitblog zur belgischen Popmusik geschrieben). Von Thüringer Klavierträumer Martin Kohlstedt ganz zu schweigen, der hier sein einziges Holland-Konzert gab. Aber meine persönliche Favoritin war vielleicht die schwedische Sängerin Sumie mit ihrem tiefgründigen, puristischen, klassischen Singer-Songwriter-Sounds. Allein ihretwegen hat sich die Reise nach Leeuwarden schon gelohnt.

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2 Kommentare

1. SomeVapourTrails schrieb am 03. Dezember 2017 um 01:10

Großartiger Text. Du solltest Reiseschriftstellerin werden. Ernsthaft! Dein lapidarer und liebevoller Stil vermittelt viel, ist unheimlich angenehm zu lesen. Und ja, Sumie ist toll. Werde mir das neue Album spätestens nach den Feiertagen ganz andächtig zu Gemüte führen!

2. Eva-Maria Vochazer schrieb am 03. Dezember 2017 um 13:58

Lieber Christoph, vielen Dank für die netten Worte! Wenn man mit Reiseschriftstellerei Geld verdienen könnte, würde ich meinem festen Job wohl ade sagen! :) Das Explore The North Festival ist inzwischen für mich eine ernsthafte Alternative zum Airwaves: Es muss nicht immer der große Island-Hype sein! Und Leeuwarden ist mit und ohne Festival eine Reise wert, als europäische Kulturhauptstadt 2018 sowieso!

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