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Foto nordische Landschaft

03. Februar 2018

The Winter Of My Discontent: Eurosonic 2018

Jetzt sind schon fast zwei Wochen ins Land gegangen, und ich habe immer noch kaum etwas über dass Eurosonic Festival in Groningen geschrieben, mit dem das Konzertjahr traditionell eingeläutet wird. In der nordniederländischen Stadt ist es Mitte Januar allein aus jahreszeitlichen Gründen recht ungemütlich, aber Gräue, Glätte, Kälte, Schneetreiben und schiefergraue Himmel gehören zum Eurosonic quasi dazu. Wie jedes Jahr präsentierten sich hier Anfang des Jahres die viel versprechendsten europäischen Newcomermusiker und hoffen darauf, bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Was schwierig ist angesichts der Fülle der auftretenden Bands, von denen man selbst bei bestem Willen nur einen Bruchteil live sehen kann. Denn die Venues liegen zum Teil weit auseinander und bei ekligen Graupelschauern überlegt man es sich drei Mal, bevor man einen gemütlichen Club verlässt und eine Viertelstunde ans andere Ende der Innenstadt radelt. Realistisch gesehen wird nur ein sehr, sehr geringer Teil der hier auftretenden Bands den Durchbruch schaffen. Einige wenige werden gehypt. Der Rest verschwindet wieder in der Versenkung und begnügt sich mit kleinen Erfolgen auf den heimischen Musikmärkten. Der Grund, warum ich bislang nichts schrieb, hat nichts mit diesen Überlegungen zu tun. Sondern mit der Tatsache, dass nur sehr, sehr wenige der Bands, die ich auf dem Eurosonic hörte, Eindruck hinterlassen haben. Zu viel Durchschnittskost dabei. Und manche Band, die ich im Polarblog in der Vergangenheit lobend erwähnte, erwies sich live als unglaublich fade und beim Beherrschen der Instrumente auf Schülerkapellen-Niveau.

Fangen wir doch gleich mal an: Die schwedischen Psychedelik-Popster Holy zeigen uns den neuesten Modetrend aus Stockholm: Mut zur Topf-Frisur und grauenvollen Anfangs-70er-Klamotten. Die Musiker rund um Mastermind Hannes Ferm lassen es schön scheppern und träumen offenkundig von einem Hippie-San-Fancisco, das es heute nicht mehr gibt, da die Mitarbeiter von Google und Facebook die Stadt unter ihre Kontrolle gebracht haben. Da Psychedelik schon seit einer gefühlten Ewigkeit im Trend ist, heben sich die Schweden trotz ihres sympathischen Lo-Fi-Ansatzes nicht von mindestens drei Dutzend vergleichbarer Bands ab.

Die sympathischen Broen aus Norwegen sind anarchische Spielkinder zwischen Pop, Rock und Zirkusmusik und haben sich für den Auftritt in Groningen schick mit Indianerschmuck ausstaffiert. Taugt wenig, wenn das Zusammenspiel nicht klappt und die Band den Eindruck hinterlässt, als ob sie im Leben vielleicht drei Mal geprobt hat. Da nützt auch die schöne Tuba im Getümmel auf der Bühne nichts! Nach zwei Stücken bin ich nicht die Einzige, die schleunigst die Flucht ergreift. Die Schwedin Skott wird schwer gehypt und versucht offenkundig, die neue Lorde zu werden. Und bietet formatradiotaugliche Töne, die niemandem wehtun und sich schön in die Durchschnittskost beim Dudelfunk einreihen. Schon temperamentvoller sind die ebenfalls gehypten Dänen Off Bloom, deren Sängerin echte Bühnenpräsenz hat und Spaß an der Sache dazu! Ist nicht selbstverständlich in diesen Tagen, wo jeder öde Klampfer sich zum neuen Paul Simon berufen fühlt. Off Bloom spielen sehr tanzbare, US-affinen Pop mit viele elektronischem und tribalem Spielkram dabei und sind superlebendig. Was man in Groningen übrigens nicht von jeder Band behaupten kann!

Für Elllis May aus Dänemark muss man im Schneetreiben vor dem Grand Theater eine halbe Stunde anstehen und wird dafür mit intimen, dunkel romantischen Tönen zwischen Chanson, Jazz und Pop belohnt. Fast störend wirkt allerdings die Keyboarderin, die viel zu viel an ihren elektronischen Gerätschaften herumfummelt und aufmerksamkeisheischend mit den Armen herumwedelt, als gelte es die Walpurgisnacht herbeizuzaubern. Weniger ist vielleicht mehr bei der Wahl der Begleiter, Miss May! Nach diesen ätherischen Tönen freut man sich um so mehr über Temperament, Leidenschaft und jawohl, einfach Schmackes! Great News heißen die rockigen Popster aus Norwegen, die mit ebenso viel Verschmitzheit wie Tempo und Spielfreude überzeugen. Hier tobt das pralle Leben nach viel Künstlichkeit und erinnert man sich daran, dass man unter anderem auch deshalb zu Konzerten geht, weil man auch mal schwitzen will!

Und da ich so viel gemeckert habe, will ich nun auch noch loben. Natürlich lassen sich auf dem Eurosonic nach wie vor Entdeckungen machen. Und meine Entdeckung des Jahres 2018 waren die sehr, sehr eigenwilligen Širom aus Slowenien, die traditionelle Instrumente ebenso beherrschen wie solche der Marke Eigenbau. Scheinbar mühelos von Instrument zu Instrument wechseln und ungewöhnliche Klänge voller magischer Schönheit erschaffen!

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