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Foto nordische Landschaft

03. April 2017

Die Gewinnerin trägt Zahnspange: Between Mountains

Die Gewinnerin trägt Zahnspange: Beim jährlichen isländischen Nachwuchswettbewerb Músíktilraunir haben unerwartet die beiden Mädels von Between Mountains gewonnnen. 14 und 16 Jahre sind die Nachwuchskräfte alt. Gemeinsam mit anderen aufstrebenden jungen Bands durften die Grazien im Konzerthaus Harpa in Reykjavík auftreten, das muss aufregend gewesen sein! Der Músíktilraunir wäre nur ein weiterer Nachwuchswettbewerb unter vielen, aber in den vergangenen Jahren haben einige der Gewinner auch international für Furore gesorgt: 2010 waren es Of Monsters And Men, 2011 hatten Samaris die Nase vorne und im Jahr 2013 schafften es Vök aufs oberste Treppchen. Nicht schlecht, liebe Juroren!

In Between Mountains überzeugen mit einem federleichten, leicht melancholischen, pianoumflorten Indiepop, der nicht dick auftragen muss und durch mädchenhaften Charme überzeugt. Und den allerliebst eben nicht perfekten Harmoniegesang, in dem aber mehr Herzblut steckt als in vielen professionellen Liebesleid-Hits. »Into The Dark« ist bei aller angedeuteten Düsternis aber durchaus tanzbar. Und der Refrain bleibt hängen! Das altmodische Wörtchen »anmutig« kommt hier durchaus in den Sinn. Diese jungen Musikerinnen wissen in jungen Jahren bereits, was sie wollen! Als Gewinnerinnen dürfen sie in diesem Jahr nicht nur im Sommer auf einem europäischen Nachwuchsfestival auftreten, sondern sich im November auf dem Iceland Airwaves Festival einer internationalen Öffentlichkeit präsentieren. Und wer dort ziemlich weit vorne stehen dürfte, ist jetzt schon klar: Hrafnkell und Valgeir, die beiden großen Brüder von Keyboarderin Katla, die den Wettbwewerb vor zwei Jahren mit ihrer Band Rythmatik gewonnen haben. Talentierte Familie, das!

13. März 2017

Wenn Engel singen: Helene Blum und Harald Haugaard verzaubern

Eine Stimme zum Niederknien, das wird schon nach wenigen Momenten klar: Nur mit Gesang und Violine beginnen Helene Blum und Harald Haugaard das Konzert in der Ravensburger Zehntscheuer, die Band steigt in der Mitte des ersten Songs ein. »En Lille Dråbe Blod«, ein kleiner Tropfen Blut, und schon bekommt man die erste Gänsehaut: Hier steht eine Sängerin auf der Bühne mit einer Stimme, wie es nur ganz wenige gibt. Die passenden Songs hat sie sich selbst geschrieben, das gleich folgende »Friheden Station« ist ein Liebeslied mit geradezu unfassbar schöner Melodie, ergreifend und völlig kitschfrei – das schaffen nur die wirklich Großen.

Helene Blum präsentiert Songs aus ihrer grandiosen aktuellen CD »DRÅBER AF TID«, von der sie aber gar keine mehr dabei hat, so viele hat sie auf dieser Tour schon verkauft. Ihre Sopranstimme fliegt wie ein Vogel über bewegende Songs, klar und rein wie ihr weißes Minikleid. Als »dänischer Folk-Engel« wurde sie schon bezeichnet, das ist auch keineswegs falsch. Zwar lassen ihre Songs das Folk-Erbe erkennen, bewegen sich aber doch eher irgendwo zwischen Pop und Singer-Songwriter-Musik.

Für den Folk-Anteil ist hauptsächlich ihr Ehemann Harald Haugaard zuständig, der profilierteste Violinist seines Landes – er hebt die dänische Folk-Musik auf ein neues Level, seine letzte CD »Lys Og Forfald« (dt.: »Licht und Zerfall«) bekam reihenweise Bestnoten. So ist denn auch die Band ohne Sängerin brillant: Die Mitmusiker sind seit einigen Jahren sowohl bei Blum wie auch bei Haugaard auf CDs und Bühne zu hören, die Band ist bestens eingespielt und klingt sehr homogen. Gitarrist Mikkel Grue und Schlagzeuger Sune Rahbek begleiten gekonnt und geschmackvoll. Grue hat auch kurze Soli, Rahbek brilliert in einer Duo-Sequenz mit Haugaard. Der Kontrabassist Tapani Varis gehört zu den gefragtesten Instrumentalisten der finnischen Folk-Szene und verblüfft das Publikum mit einem langen, virtuosen Maultrommel-Solo.

Zwischendrin erzählen beide Geschichten zu den Songs: Über Frühling und Liebe und Abschied, über den kleinen Sven und den Riesen im Wald, über den Krieg zwischen Dänemark und Preußen – sehr charmant in einer Melange aus Deutsch und Englisch mit unwiderstehlich singendem dänischen Akzent.

Dann greift auch die Sängerin zur Violine, sie spielen Polska und Walzer, traditionelle Tanzmusik mit viel Feuer und treibendem Schlagzeug, schlagen damit wieder die Brücke zu den moderneren Songs. Helene Blum und Harald Haugaard bescheren dem Publikum ein abwechslungsreiches, herrliches Konzert – das allerdings ein volles Haus verdient gehabt hätte. Nicht nur wegen dieser Stimme.

Text und Fotos: Tim Jonathan Kleinecke

09. März 2017

Wir machen Ärger: Strange Hellos

Auf den Wunschzettel fürs nächste Jahr schreibe ich schon mal auf: 2018 geht es endlich zum ersten Mal aufs by:Larm Festival in Oslo! Denn dort präsentieren sich Anfang März die interessantesten Newcomer der skandinavischen Musikszene. Es gibt jede Menge Entdeckungen zu machen. Vor allem, was die umfangreiche norwegische Delegation angeht, die in Oslo den Heimvorteil nutzt. Natürlich habe ich hier und da in die musikalische Wundertüte by:Larm hineingehört, und hängengeblieben ist ein Quartett. Das charmant in eigener Sache für sich wirbt, in dem es Ärger macht. Strange Hellos heißen die Vier aus Bergen, die allesamt keine ganz jungen Hasen mehr sind und schon in Bands wie The Megaphonic Thrift und bei Aurora gespielt haben. Die putzmuntere Truppe spielt einen schön verwaschen hallenden, shoegazig verpeilten Über-Power-Pop. Verträumte Passagen inklusive, wenn man der warmen und sehnsüchtigen Stimme von Sängerin Birgitta Alida Hole lauscht. Strange Hellos sind übermütig und auf Schmuddelkinderart euphorisch. Und klingen unangestrengt kraftvoll. Mit dieser Truppe möchte man durch Osloer Großstadtnächte ziehen, diesen und jenen Unsinn anstellen und dabei einen Riesenspaß haben! Und das Schöne ist: Ironie können die Vier auch! Die Pubertät haben sie schon ein Weilchen hinter sich gelassen. Es fällt ihnen aber überhaupt nicht schwer, sich in unverklärter Nostalgie an die Schmerzen eines zum ersten Mal gebrochenen Herzens zurückerinnern. Der Track »Broken Teenage Heart« glänzt mit lärmenden Gitarren und einem schlunzig postromantischem Refrain mit hohem Wiedererkennungswert. Ganz neu ist der ansteckend lebendige Song »We Are Trouble«, der atemlos das Lebendigsein und die Unvernunft feiert. In knapp drei Minuten die Stärke von drei Espressos gepackt und noch fröhlich und erfrischend unperfekt dabei: Das soll demn Strange Hellos erstmal einer nachmachen! Debütalbum ist in Arbeit, ich freu mich drauf!

Foto: Øystein Grutle Haara

25. November 2016

Bei ihr sind alle Küsse grau: Okay Kaya

An der verdammten Schwerkraft muss es liegen. Dass die geliebte Person immer schneller von ihr wegtreibt. Andere Erklärungen kommen für Okay Kaya überhaupt nicht in Frage. Die junge norwegische Sängerin Kaya Wilkins (Vater Amerikaner, Mutter Norwegerin) ist aus einem beschaulichen Osloer Vorort ins wilde New York gezogen, hat sich aber die Ruhe ihrer Heimat bewahrt. Reduziert, verlangsamt, fast schon kammerjazzig kommen ihre Songs daher, die kleine Geschichten erzählen und feine Lebensweisheiten verbreiten. Ein tastendes Piano, eine bescheidene Gitarre, dezent eingesetzte Electronics. Und darüber liegt die sphärische, helle, melancholisch angehauchte Stimme von Kaya. Küsse sind in ihrer Welt erstaunlicherweise grau. Wer eine dunkelblaue halbe Stunde verbringen will, dem sei Kayas Soundcloud-Site ans Herz gelegt.

Die Norwegerin ist übrigens eine Frau mit vielen Talenten. Mit dem Ausdruckstanz hat sie sich ausgiebig beschäftigt, schreiben tut sie ständig und Modeln noch dazu. Irgendwo müssen diese ausgiebigen Mußestunden zum ungestörten Nachdenken über das Leben und seine Eigenheiten ja finanziert werden! Kaya pflegt zudem einen feinen Freundeskreis zwischen London und New York, hat schon mit Jamie XX und Tobias Jesso Jr. gearbeitet. Was nicht heißt, dass sich ihr Leben auf die Hip-Szene beschränkt: Im ruhigen, auf Norwegisch gesungenen Track »Durer« hat sie ins tiefste Brooklynn in ein heruntergekommenes Gemeindezentrum begeben und dort eine Selbsthilfegruppe zum Tanzen gebracht. Und sie tut das behutsam und zärtlich, so wie sie in ihren Songs mit Melodien und Wörtern umgeht!

(Foto: Rumi Baum)

11. September 2016

Schöner übertreiben mit Slaughter Beach

Ziemlich dick auftragen und dabei alle Register ziehen? Falsett-Vocals zelebieren? In überlebensgroßen Gefühlen schwelgen? Der Peinlichkeitsfaktor ist sehr hoch bei einer solchen Unternehmung. Aber wenn eine Band es sich traut, heldenhaft die Klippen des Kitsches zu umsegeln und schließlich triumphal die Gewässer des gehobenen Barockpop erreicht: Dann gehen meine Ohren ganz weit auf! Vorhang also auf für das dänische Trio Slaughter Beach, das die hehren Werte des überkandidelten Synthie-Pop hochhält und uns die buntesten Sterne vom Himmel holt. Verträumt sind diese kirmesbunten Töne, aber im Hollywoodmusical-Stil. Die drei Jungspunde aus Odense machen sich offenbar auf, das Erbe der unvergessenen Landsleute Treefight For Sunlight anzutreten, um die es bedauerlicherweise etwas ruhig geworden ist. Wer das gehobene Melodrama in satten Pastellfarben liebt, wird sich von Slaughter Beach willig ins Land hinter den Discospiegeln entführen lassen. Zu ihrem Bandnamen sind Dänen übrigens ebenso wie die Kollegen der Bay City Rollers gekommen: Beim Studieren von Landkarten! Einen alten Bekannten finden wir bei Slaughter Beach übrigens: Hasse Mydtskov hat bei den von mir ebenfalls sehr geschätzten Indierocksters The Kissaway Trail mitgemischt. Die Drei werkeln aktuell an ihrer zweiten EP. Die sehr feine Synthiehymne »Sher Khan« entführt gekonnt in exotisch-plüschige Lande. Fast wünschte man sich, sie würden noch einen Kinderchor zu diesen luxuriösen und dekadenten Tönen hinzufügen!

 
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