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Foto nordische Landschaft

09. März 2017

Wir machen Ärger: Strange Hellos

Auf den Wunschzettel fürs nächste Jahr schreibe ich schon mal auf: 2018 geht es endlich zum ersten Mal aufs by:Larm Festival in Oslo! Denn dort präsentieren sich Anfang März die interessantesten Newcomer der skandinavischen Musikszene. Es gibt jede Menge Entdeckungen zu machen. Vor allem, was die umfangreiche norwegische Delegation angeht, die in Oslo den Heimvorteil nutzt. Natürlich habe ich hier und da in die musikalische Wundertüte by:Larm hineingehört, und hängengeblieben ist ein Quartett. Das charmant in eigener Sache für sich wirbt, in dem es Ärger macht. Strange Hellos heißen die Vier aus Bergen, die allesamt keine ganz jungen Hasen mehr sind und schon in Bands wie The Megaphonic Thrift und bei Aurora gespielt haben. Die putzmuntere Truppe spielt einen schön verwaschen hallenden, shoegazig verpeilten Über-Power-Pop. Verträumte Passagen inklusive, wenn man der warmen und sehnsüchtigen Stimme von Sängerin Birgitta Alida Hole lauscht. Strange Hellos sind übermütig und auf Schmuddelkinderart euphorisch. Und klingen unangestrengt kraftvoll. Mit dieser Truppe möchte man durch Osloer Großstadtnächte ziehen, diesen und jenen Unsinn anstellen und dabei einen Riesenspaß haben! Und das Schöne ist: Ironie können die Vier auch! Die Pubertät haben sie schon ein Weilchen hinter sich gelassen. Es fällt ihnen aber überhaupt nicht schwer, sich in unverklärter Nostalgie an die Schmerzen eines zum ersten Mal gebrochenen Herzens zurückerinnern. Der Track »Broken Teenage Heart« glänzt mit lärmenden Gitarren und einem schlunzig postromantischem Refrain mit hohem Wiedererkennungswert. Ganz neu ist der ansteckend lebendige Song »We Are Trouble«, der atemlos das Lebendigsein und die Unvernunft feiert. In knapp drei Minuten die Stärke von drei Espressos gepackt und noch fröhlich und erfrischend unperfekt dabei: Das soll demn Strange Hellos erstmal einer nachmachen! Debütalbum ist in Arbeit, ich freu mich drauf!

Foto: Øystein Grutle Haara

25. November 2016

Bei ihr sind alle Küsse grau: Okay Kaya

An der verdammten Schwerkraft muss es liegen. Dass die geliebte Person immer schneller von ihr wegtreibt. Andere Erklärungen kommen für Okay Kaya überhaupt nicht in Frage. Die junge norwegische Sängerin Kaya Wilkins (Vater Amerikaner, Mutter Norwegerin) ist aus einem beschaulichen Osloer Vorort ins wilde New York gezogen, hat sich aber die Ruhe ihrer Heimat bewahrt. Reduziert, verlangsamt, fast schon kammerjazzig kommen ihre Songs daher, die kleine Geschichten erzählen und feine Lebensweisheiten verbreiten. Ein tastendes Piano, eine bescheidene Gitarre, dezent eingesetzte Electronics. Und darüber liegt die sphärische, helle, melancholisch angehauchte Stimme von Kaya. Küsse sind in ihrer Welt erstaunlicherweise grau. Wer eine dunkelblaue halbe Stunde verbringen will, dem sei Kayas Soundcloud-Site ans Herz gelegt.

Die Norwegerin ist übrigens eine Frau mit vielen Talenten. Mit dem Ausdruckstanz hat sie sich ausgiebig beschäftigt, schreiben tut sie ständig und Modeln noch dazu. Irgendwo müssen diese ausgiebigen Mußestunden zum ungestörten Nachdenken über das Leben und seine Eigenheiten ja finanziert werden! Kaya pflegt zudem einen feinen Freundeskreis zwischen London und New York, hat schon mit Jamie XX und Tobias Jesso Jr. gearbeitet. Was nicht heißt, dass sich ihr Leben auf die Hip-Szene beschränkt: Im ruhigen, auf Norwegisch gesungenen Track »Durer« hat sie ins tiefste Brooklynn in ein heruntergekommenes Gemeindezentrum begeben und dort eine Selbsthilfegruppe zum Tanzen gebracht. Und sie tut das behutsam und zärtlich, so wie sie in ihren Songs mit Melodien und Wörtern umgeht!

(Foto: Rumi Baum)

11. September 2016

Schöner übertreiben mit Slaughter Beach

Ziemlich dick auftragen und dabei alle Register ziehen? Falsett-Vocals zelebieren? In überlebensgroßen Gefühlen schwelgen? Der Peinlichkeitsfaktor ist sehr hoch bei einer solchen Unternehmung. Aber wenn eine Band es sich traut, heldenhaft die Klippen des Kitsches zu umsegeln und schließlich triumphal die Gewässer des gehobenen Barockpop erreicht: Dann gehen meine Ohren ganz weit auf! Vorhang also auf für das dänische Trio Slaughter Beach, das die hehren Werte des überkandidelten Synthie-Pop hochhält und uns die buntesten Sterne vom Himmel holt. Verträumt sind diese kirmesbunten Töne, aber im Hollywoodmusical-Stil. Die drei Jungspunde aus Odense machen sich offenbar auf, das Erbe der unvergessenen Landsleute Treefight For Sunlight anzutreten, um die es bedauerlicherweise etwas ruhig geworden ist. Wer das gehobene Melodrama in satten Pastellfarben liebt, wird sich von Slaughter Beach willig ins Land hinter den Discospiegeln entführen lassen. Zu ihrem Bandnamen sind Dänen übrigens ebenso wie die Kollegen der Bay City Rollers gekommen: Beim Studieren von Landkarten! Einen alten Bekannten finden wir bei Slaughter Beach übrigens: Hasse Mydtskov hat bei den von mir ebenfalls sehr geschätzten Indierocksters The Kissaway Trail mitgemischt. Die Drei werkeln aktuell an ihrer zweiten EP. Die sehr feine Synthiehymne »Sher Khan« entführt gekonnt in exotisch-plüschige Lande. Fast wünschte man sich, sie würden noch einen Kinderchor zu diesen luxuriösen und dekadenten Tönen hinzufügen!

09. August 2016

Hel(l) aktuell XXIII: Tuska 2016, Sonntag: War was?!

Der Regen lässt kaum nach. Fast die ganze Nacht gewittert es. Als wir uns in Richtung Tuskagelände aufmachen, regnet es noch immer. Dort angekommen werden wir von Hatebreed aus den USA begrüßt. Wir ignorieren sie wohlwollend, denn das wollen wir unseren Ohren nicht antun.

Dann doch lieber Nervosa. Für den Old School-Thrash der drei Brasilianerinnen lohnt sich der Weg in die kleine Halle.

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25. April 2016

Tape To Zero, Tag 2

Am zweiten Tag wird offenkundig, dass alle Künstler mit Live-Sampling arbeiten. So könnte man »Tape to Zero« als das Festival dieser Instrumentenklasse betrachten, denn im direkten Vergleich ist PUNKT in Kristiansand eben stilistisch breiter aufgestellt, wenngleich mit ziemlicher Sicherheit davon auszugehen ist, dass sich Kjetil Husebø bei der Gründung von TtZ von Jan Bangs und Erik Honorés einflussreichem Remix-Festival inspirieren ließ. Vor drei Jahren lud er die beiden Meister des Live-Sampling denn auch ein, um gemeinsam mit Stefan Westerhus ein schließlich großartiges Konzert zu improvisieren. Bedauerlich, dass der Auftritt nicht zu einem gemeinsamen Album geführt hat.

Tim Exile (Foto: Ruben Olsen Lærk)

Tim Exile (Fotos: Ruben Olsen Lærk)

Vor dem Konzertabend im »Victoria« findet in Zusammenarbeit mit NOTAM, dem Norwegischen Zentrum für Technologie in Musik und Kunst, für alle Interessierten ein kleiner Workshop mit dem englischen Elektronik-Musiker Tim Shaw alias Tim Exile statt. Shaw begann als Fünfjähriger, Geige zu lernen, mit zwölf experimentierte er bereits mit elektronischer Musik und machte später seinen Abschluss in elektroakustischer Komposition. Von der entfernte er sich zwischenzeitlich, weil er, wie er sagt, das Improvisieren für das Maß aller Dinge hielt, und derzeit ist es ihm ein Anliegen, die freie Improvisation von zu viel Beschränkung durch Technik zu befreien. Zunehmend entwickelte er seine eigenen Programme, weil zum Beispiel Ableton nicht alles konnte, was er tun wollte. Er habe eine Zeitlang versucht, Improvisation zu »begreifen« und zu meistern, bevor ihm irgendwann klar wurde, dass das nicht möglich sei, Improvisation in gewisser Weise ein stetes »Stolpern«, eine Folge von stetig auszubügelnden Fehlern sei; und vor allem könnte es nur darum gehen, einen individuellen, persönlichen Ausdruck auszuformen. Auch musste er irgendwann einsehen, dass es nichts Schlechtes ist, diese Kunst in erster Linie zum eigenen Vergnügen zu machen: Es gehe ihm schließlich nicht in erster Instanz um einen künstlerischen Ausdruck, sondern darum, in der Improvisation eine Erfahrung zu machen — und diese den Leuten nahezubringen. Er könne (und wolle) sich beim Improvisieren gehen lassen.

Shaw ist der geborene Unterhalter, wie sich schon bei seinem Workshop zeigt, wo er sich und seine Arbeit laufend in Frage stellt und damit zugleich das anwesende Publikum für sich und seine Sache einnimmt. Die interessierten Zuhörer sind zu einem großen Teil vermutlich selbst Musiker, unter anderem Musikstudenten. Allein, schade (oder auch bezeichnend), dass sich unter den gut vierzig Anwesenden gerade mal fünf oder sechs Frauen befinden. Hier bei Tape to Zero zeigte sich in diesem Jahr schon bei den Auftritten von Maja Ratkje, Siv Øyunn Kjenstad und Hilde Marie Holsen, dass es sehr spannend und bereichernd ist, wenn weibliche und männliche Musiker/innen sich mehr durchmischen.

Der zweite Konzertabend bietet dann allerdings drei männliche Soloauftritte. Die allerdings sind in ihrer Unterschiedlichkeit so gelungen und in ihrer Fantasie so überzeugend, dass am Ende des Tages vermutlich keiner unzufrieden nach Hause ging. Zuerst präsentiert Kjetil Husebø am Flügel den derzeitigen Stand seines andauernden Projekts »Piano Transformed«, wobei er schon seit mehreren Jahren und Alben mehr und mehr die Grenzen von Piano und Live-Elektronik verwischt. Aktuell hat er hierbei, wie voraussichtlich auch sein vor drei Wochen aufgenommenes neues Album zeigen wird, eine neue Stufe der Raffinesse erreicht, vor allem im ersten Teil seines Auftritts.Kjetil Husebø (Foto: Ruben Olsen Lærk) Bruchstück- und geisterhafte Melodien verschmelzen mit Samples und Effekten. Starke Kontraste ebenso von digitalen Sounds wie vom Klavier prägen seine größtenteils mitreißende, knapp einstündige Improvisation. Besonders toll sind die radikalen Momente, wenn er etwa aus perkussiven Elementen eine noisige Piano-Dekonstruktion betreibt, bei der er geschickt verwischt, aus welcher Quelle welche Klänge stammen. Zum Ende des Konzerts findet er sich in einer neoromantischen, von konventionellen Ambient-Sounds unterlegten Melodienseligkeit wieder, die mit Sicherheit ihre Liebhaber hat, aber in diesem Rahmen gar nicht nötig gewesen wäre. Warum nicht das Mutige stehen lassen?

Da Husebø ein großer Verehrer von Arve Henriksen und Tim Exile ist, kann er von den folgenden Auftritten einige Inspiration mitnehmen, so anders die beiden ihre Performances auch anlegen. Henriksens lyrisch-getragenes Trompetenspiel erkennt man als Freund nordischer Musik längst sofort. Mehrere exzellente und einflussreiche Soloalben bei Rune Grammofon und bislang leider nur eine meisterhafte CD bei ECM wurden bei »Nordische Musik« zuverlässig in den höchsten Tönen gelobt, und Henriksen enttäuscht auch an diesem Abend nicht etwa mit lahmen Aufgüssen früherer Innovationen, sondern denkt nach wie vor seine Musik weiter. Hinterlegt von einer kleinen Serie eigener (bearbeiteter, teils abstrakter) Fotografien nutzt er ebenso Naturgeräusche wie Vögel, Wasser und Gewitter als Ausgangspunkt für seine freien Improvisationen. Dabei greift er nur hin und wieder zu einer seiner beiden Trompeten, bastelt vielmehr Rhythmen und Sound-Collagen mit seinen elektronischen Gerätschaften, bis hin zu tranceartigen Tribal-Beats. Auch seine Stimme kommt ausdrucksstark zum Einsatz, weshalb sich ingesamt der Vergleich mit den recht ähnlich gelagerten Soloperformances von Maja Ratkje aufdrängt, nicht zu seinem Nachteil, versteht sich. Immer wieder toll, dem Mann auf seinen eigenen künstlerischen Wegen folgen zu dürfen.

Abschließend tritt dann also Tim Exile, der Entertainer mit Kunstanspruch, mit seinen bunten USB-vernetzten Elektronik-Anlagen auf. Letztlich kann man sagen, dass er improvisierte Clubmusik macht. Nun ja, immerhin beinhaltet »Jazzclub« als zweiten Wortteil den Club, das macht sich Mr Exile heute Abend absolut zunutze. Dabei erschafft er, anders (oder sagen wir: radikaler) als ein DJ, seine Auftritte komplett aus dem Moment heraus, als jeweils einzigartige Performance. Tanzbar ist das hin und wieder durchaus, auch wenn niemand den eigens frei geräumten Raum vor der Bühne dafür nutzt. Offenbar waren alle so von seiner Show begeistert, dass keiner auf die Idee kam, das Tanzbein zu schwingen. Die vertrackten Impros zeigen Tim Exiles meisterhaftes Rhythmusgefühl und -verständnis und macht deutlich, warum seine Platten bereits bei Warp Records und Planet Mu erschienen. Er denkt die Ideen von Richard James und Squarepusher aus den Neunzigerjahren weiter, doch auch Wall of Noise ist ihm nicht fremd. Arve Henriksen & Tim Exile (Foto: Ruben Olsen Lærk)Großer Beifall führte nicht nur zu zwei Zugaben, sondern auch dazu, dass sogar Arve Henriksen es sich nicht nehmen ließ, flink auf die Bühne zu springen und Tim Exile anzubieten, ein paar Beiträge auf seinen beiden Trompeten einzuspielen, erst in Form von geschichteten Melodien, dann als Material für radikale Dekonstruktion. Exile/Shaw zeigte sich davon so geehrt, dass er diese Samples, ausnahmsweise, sicherlich behalten wird.

So kam »Tape to Zero« am Ende zu einem sehr gelungenen Abschluss, der alle Mitwirkenden und Gäste glücklich entließ. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Musiklabor im nächsten Jahr eine ebenso starke Fortsetzung findet und auch weitere internationale Besuche anzieht.

 
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