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Foto nordische Landschaft

06. Februar 2011

The Sonnets, oder: Die Rückkehr der weißen Jeans

Irgendwo sitzen Simon LeBon, Rick Astley und die Kemp-Brüder auf ihren Landgütern in Südengland und lachen leise vor sich hin. Dass der typische britische 80er-Synthiepop 30 Jahre später bei ihren Fast-Enkeln als ultimativ hip gilt, dürfte die mittelalten Herren von Duran Duran und Spandau Ballet erfreuen. Nun, das 80er-Revival ist seit geraumer Zeit in Gange. Aber dass die Schweden The Sonnets unlängst bei ihrem Konzert in Frankfurt zum Teil in weißen Jeans daherkommen, das macht die Polarbloggerin doch sprachlos vor Entsetzen. Weiße Jeans wurden hierzulande seit schätzungsweise 1988 nicht mehr gesichtet. Mit einigem Recht.

Zur weißen Jeans gehört zwingend das bis auf den obersten Knopf geschlossene Hemd. Und die elaborierte Popper-Frisur. Beide Klischees erfüllt Sänger Per Magnusson aufs Schönste. Paul Weller zu seinen besten Style-Council-Zeiten könnte fast neidisch werden. Magnusson muss kurz vor der Tour bei seinem Coiffeur gewesen sein, denn seine dunklen Strähnen fallen selbst nach dem wildesten Wirbeln akkurat in ihre Position zurück. Respekt, Meister!

Im Synthiepop wurde der Hedonismus lustvoll auf die Spitze getrieben. Man echauffiert sich vielleicht mal kurz über die schlechte Qualität des Champagners, aber danach geht man segeln, spielt Tennis und überzieht gewissensbisselos sein Konto beim Kauf eines italienischen Designerjackets. Irgendwie scheint speziell im britischen Synthiepop immer die Sonne und es ist Wochenende. Leichte Seelenschmerzen entstehen hier nur durch eventuell zickende junge Frauen, die man gerne im Cabrio abschleppen würde. Politik, Probleme, Peinlichkeiten? Gibts in unserer Welt nicht. Ich schwelge und schwärme, also bin ich.

Natürlich ist das Konzert der vier Schweden im heimeligen Dreikönigskeller in Sachsenhausen ein ziemlich großer Spaß: Weil die Sonnets mit viel Verve den Stil, die Schönheit und die Leichtigkeit feiern. Mit gehörigem Synthieeinsatz und ironiefreiem Spaß am Sonntagsleben. Alles ist bestens und Hauptsache, wir haben Spaß. Ist doch nicht verboten, oder? Thematisch geht es hier um leicht vermasselte Hollywood-Film-Enden und Jungs, die Sebastian heißen. Dass dieser Name vor 30 Jahren angesagt war, ist übrigens heute bestens bei deutschen Fußballnationalspielern nachzuvollziehen.

Im Publikum eine sehr lebendige und lustige Mischung aus hip-jung und hip-älter, die so angetan mitwippen, dass man sich auf dem 80ies-Wochendende im Formatradio wähnen mag. Alles gut, oder? Und ab und zu muss man doch laut lachen, weil sich die Kopie dem Original so verdammt gut annähert und die jungen Schweden es sehr ernst meinen mit dem Wiederaufleben-Lassen des Pastellfarben-Jahrzehnts. Wir klatschen in die Hände, setzen die Hüften leicht in Bewegung und schwitzen, aber nur ein bisschen. Die Frisur könnte ja verrutschen.

TheSONNETS_Sebastian_Said from henric claesson on Vimeo.

(Foto: Emma Svensson)

27. Januar 2011

Glückwunsch Apocalyptica: Ihr habt eine der schlechtgepflegtesten Bandwebsites überhaupt

Die offizielle deutsche Website der finnischen Apocalyptica ist kein Ort, an dem der Interessierte aktuelle Informationen findet. So wurden beispielsweise die Frankreichdaten der Band (wie in La Laiterie, Starsbourg) im Februar annulliert, doch auf der Website: Nichts. Weder wieso, noch dass überhaupt.

Klickt man auf die News-Abteilung, tauchen dort heute gerade mal fünf Meldungen auf. Fünf. Und fast alle behandeln das sogenannte Apocalptica-Fan-Mosaik für das Cover von »7TH SYMPHONY«.

Kein Wunder brauchten die Betreiber der Seite zehn Tage um auf eine »falsche« Veröffentlichung zu reagieren.

Zitat:

»RICHTIGSTELLUNG – Berlin, 10.01.2011
– betrifft Artikel auf www.anwalt24.de vom 31.12.2010.
Hier im Wortlaut: ‘Apocalyptica’ zahlt wegen Verletzung von Marken- und Namensrechten nach Vergleich vor dem Landgericht Berlin 45.000 Euro Schadensersatz an ‘Rammstein’.

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18. Januar 2011

Depressive Labels, quietschlebendige Bands: Eurosonic 2011

Richtig lustig wird es auf Eurosonic, dem traditionell ersten Festival des Jahres im niederländischen Groningen erstmals, als im Konferenzteil mal wieder über die Zukunft der Labels diskutiert wird: Auf dem Podium sitzen Vertreter von europäischer Indie-Plattenfirmen, die wohl mit gutem Grund keinen sehr euphorischen Eindruck hinterlassen: Lasche Körperhaltung, depressive Grundstimmung, tonnenschwer lastende Ernsthaftigkeit. Unter anderem echauffieren sich die vier Herren, darunter Rockadillo Records-Obermufti Tapio Korjus, darüber, dass aus der Politik so wenig Unterstütung gegen die grassierenden Urheberrechtsverletzungen kommt. Ja, in der besten aller Welten, aber die Lobbymacht der Musikindustrie hat leider nicht die Durchschlagskraft der vereinigten Futtermittelindustrie. Irgendwann empört sich ein Verteter der neuen digitalen Garde im Publikum gegen die grassierende Schwermut der Altvorderen. Welches Allheilmittel aus der Online-Apotheke gegen den fortschreitenden Umsatzverlust der Branche der Rebell anbietet, ist der Polarbloggerin leider aus dem Gedächtnis entfallen, aber nicht der emotionale Inhalt des Ausbruchs. »Ich verstehe euch nicht! Ihr sitzt hier auf dem Podium, ihr habt keine Energie, ihr habt keinen Spaß, ihr habt keine Visionen, wo wollt ihr hin?!« Recht hat er, der Rebell. Wo soll das alles bloß enden? Überzeugende Zukunftswege für die Labels fehlten auch bei der 2011er-Ausgabe von Eurosonic. Verhungert sind die Plattenfirmen seit 2010 nicht. Auch wenn sich die Dinge dezidiert ändern. Alben? Brauchen wir noch Alben?

Die Melancholie der Musikindustrie steht indessen in diametralem Gegensatz zur Lebendigkeit und Kreativität der Bands. Oh! Denn die lieben sehr offenkundig das, was sie tun. Wie The Latebirds aus Finnland, die zwar schon in der Grand Ole Opry in Nashville aufgetreten sind, aber noch kaum auf dem europäischen Festland. Was ein Verlust ist! Der innige, dichte, intelligente Countrypop des Quintetts um Sänger Marcus Nordenstreng kommt live ebenso überzeugend daher wie auf Platte. Nordenstreng flirtet, fleht, flirrt und fabuliert. Spielerisch, aber mit viel Herz. Oh! Charmante Finnen, gibt es die? Tatsächlich!

Durch den Regen ans andere Ende der Groninger Innenstadt geradelt und das Indiepopherz unschuldig höher schlagen lassen: Lars Ludvig Löfgren bricht an diesem Abend Herzen mit eigensinniger Großäugigkeit und Hingabe zu melodisch-flotten Harmonien. Mitsingen, Mittwippen. Wohlfühlfaktor plus. Interaktion in der Band herzerweichend harmonisch. Tanzschrittchen im Publikum immer ausgeprägter. Großes Lächeln allenthalben! Hier ist sie, die auf der Konferenz so vermisste, die lebendige, die warm pulsierende Energie!

Ernsthafter wird es bei der norwegischen Chanteuse Ingrid Olava. Puuuh. Die blonde Dame am Klavier rekapituliert mit intensiver Ernsthaftigkeit die Geschichte all dieser gescheiterten Liebesbeziehungen. Diese Geschichte ist tausende Male erzählt, aber lässt unser Herz nicht unberührt. Wir wollen ja tapfer sein! Die Haare fliegen, die Interaktion mit dem Bassisten und dem Schlagzeuger so dicht, dass die Funken stieben. Nein, diese Sängerin ist kein armes Opfer, sondern eine nuancierte Chronistin feinster Seelenzustände. Mit selbstbewusst voller Stimme und den wackeligsten High Heels des Abends. Mit Riemchenverschluss am Knöchel. Das ist ein echtes künstlerisches Statement!

Warrior Song – Ingrid Olava from Daring Viola on Vimeo.

Die Überraschungen sind bei Festivals immer die Schokoglasur auf dem Fruchtkuchen. Es gibt eine kleine Pause auf dem Zettel mit den unbedingt zu sehenden Konzerten, und warum nicht um die Ecke biegen und in der Groninger Musikschule die verrückte dänische Disco-Großgruppe Vinnie Who anhören? Himmel, Lips Inc könnten hier neidisch werden! Was ein Spaß! Die Musikschule tanzt, und aus der Discokugel rinnen die Schweißbächlein. Sehr ästhetisch, natürlich! Wie viele Leute tummeln sich hier eigentlich auf der Bühne? Egal, es geht hier ums Spaßhaben und ums lächelnde Rumprobieren und Zitieren. Nicht verkehrt!

Ganz zum Schluss fein die Ohrstöpsel ausgepackt und aufs ins Vera zu den norwegischen Metalrebellen Kvelertak. Aua. Aua. Männerschweiß aus alkoholrundlichen Achselhöhlen fließt in Strömen. Gut so! Die Neo-Wikinger reißen das Publikum wie dummbrave Lämmer. Anarchie, Energie, unwiderstehliche Destruktion. Am Ende ist die gesamte Band halbnackig und Widerstand sowieso zwecklos. Alles explodiert, und der Sänger bringt die Wälle zum Einsturz und stürzt sich in die Menge. In triumphierender Macho-Pose. In diesem speziellen Fall ausnahmsweise erlaubt.

KVELERTAK – MJØD from BLÆST on Vimeo.

24. November 2010

Alle Jahre wieder: Nordische Weihnachten im »Süden« 2010

Lucia-Weihnachtsmarkt, Kulturbrauerei (Berlin) © Foto: Jochen Loch

Wer nordische Weihnachten erleben will, hat auch im Jahr 2010 die Wahl zwischen dem Berliner Lucia-Weihnachtsmarkt und den bereits fest etablierten finnischen Weihnachtsdörfern in  Stuttgart, Hannover, Leipzig oder Linz. Ferner gibt es diverse mehrtägige nordische Weihnachtsbasare, wie in Frankfurt oder Hamburg.

Lucia Weihnachtsmarkt in Berlin

Zum 10. Mal findet der Lucia Weihnachtsmarkt von Montag, dem 22. November bis Sonntag, dem 22. Dezember 2010 in der Kulturbrauerei in Berlin Prenzlauer Berg statt. Das burgartige Bauensemble der Kulturbrauerei mit seinen Höfen ist die malerische Kulisse für eine kleine weihnachtliche Welt inmitten der Großstadt Berlin. Der Lucia Weihnachtsmarkt präsentiert täglich ein kulturelles Programm.

Frierende Besucher können heißen Glöggi trinken, sich am Schwedenfeuer wärmen oder am  Kunstobjekt »Open-Air- Mantel-Heizung«: Fünf Aufwärmplätze wurden eingerichtet, für die Wärmezufuhr sorgt ein nostalgisch anmutender Holzofen.  Leise nordisch-skandinavische Musik rundet das Erlebnis ab.

An den Ständen findet ihr beispielsweise: Finnische Naturtextilien & Kunsthandwerk, Elchgulasch, Finnische Honig- und Wildkonserven, Finnischer Glühwein, Wein, Likör, Branntweine aus Beeren, Glöggi, finnische Biere und Spirituosen, Lakritze, Schwedische Süßigkeiten, Elchbratwurst, Elchschnaps,…

Am Sonntag, den 12. Dezember, findet von 18 bis 19 Uhr der Lucia-Umzug statt, gewidmet der Namensgeberin des Lucia Weihnachtsmarkts. Er startet auf dem Hof1 der Kulturbrauerei und schreitet zum Hof 2 unter den Weihnachtsbaum. In der Alten Kantine wird der »Luciakör« (Luciachor) schwedische Lucia- und Weihnachtslieder singen.

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag: 15 bis 22 Uhr
Samstag und Sonntag: 13 bis 22 Uhr

Finnische Weihnachtsdörfer in Deutschland und Österreich

Kalevala-Spirit lockt auch 2010 mit finnischer Weihnacht in seinen finnischen Weihnachtsdörfern: Über stimmungsvolle Holzhäuschen und Lappenzelten zieht der Duft der typischen Spezialitäten.
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10. Oktober 2010

WavesOut: Streaming als neues Geschäftsmodell?

Die Streaming-Dienste schießen wie Pilze im Herbst aus dem Waldboden. Das jüngste Mitglied der Familie kommt aus Dänemarkt und trägt den schönen Namen WavesOut. Was hier geboten wird, ist simpel: Ein legaler Service, um zu guter Tonqualität neuesten Veröffentlichungen aus den Bereichen Indie und Elektronik zu lauschen. Neben dem reinen Hören kann man die üblichen Social-Media-Spielchen betreiben: Sich Playlisten erstellen, Bewertungen abgeben, auf Freundessuche gehen und auf Facebook die Daumen heben. Und natürlich genau nachverfolgen können, welche Tracks momentan in der Beliebtheitsskala ganz vorne liegen. Und das alles kostenlos, versteht sich. Noch ist das Musikangebot nicht überbordernd ausufernd, aber hier sollte man sich in Geduld üben können, da der neue Dienst erst am 8. Oktober gestartet wurde. Es kommt bald mehr, verprechen die Macher. Und die beste Nachricht von allen: Die Bands sollen für ihre Dienstleistung auch honoriert werden. Viel wird es nicht sein, aber trotzdem….

Die Frage ist nur: Wer zahlt dafür, dass Bands kreativ sind und Musik machen? Zum Teil, so scheint es, die Labels, die die neue Plattform nutzen wollen, um ihre Künstler zu promoten. Und dass sind durchaus nicht die Unbekanntesten, wie die Präsenz von Efterklang oder Choir of Young Believers beweisen. Mit der dänischen GEMA haben die Waves-Out-Macher einen Deal geschlossen, erfahren wir. Und ein bisschen Werbung gibt es auch. Aber reicht das? Das Geschäftsmodell hinter dem neuen Dienst ist, so hat es den Eindruck, leicht schwammig. Und richtig schlau wird man noch nicht aus den spärlichen Informationen.

Sei´s drum: Ein bisschen Stöbern in der Wundertüte macht Spaß. Erste kleine Entdeckung. Die charmanten Folkpop-Zwillingsschwestern Taxi Taxi!, die sanfte Harmoniegesänge in melancholische Zuckerwatte hüllen und die Melodika dazu blasen. Der Herbst kann kommen!

Taxi Taxi! perform Ripest Fruit in the Århus Musikhuset from gogoyoko on Vimeo.

 
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