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Foto nordische Landschaft

15. Februar 2009

Songs übers Faulsein und Vögeln: It´s A Musical

Irgendeine Organisation sollte Elinor Blixt demnächst eine goldene Ehrennadel plus Urkunde für ihre Verdienste um die deutsch-schwedische musikalische Verständigung verleihen. Elinor ist seit ihrem Umzug von Malmö nach Berlin in den vergangenen zwei Jahren sehr umtriebig gewesen und hat vor allem neue Freundschaften geschlossen. Neben ihrem Hauptprojekt Bobby Baby ist die Musikerin und Sängerin noch mit Frank Schüttge Blumm als Bobby & Blumm unterwegs. Als wenn das alles noch nicht reichen würde, tourt die Schwedin derzeit mit ihrem dritten Projekt It´s A Musical mit dem wunderbaren Popnerd Robert Kretzschmar am Schlagzeug und neuerdings Markus Hübner am Bass. Der gemeinsame Nenner all dieser Unternehmungen: Eigenwilliger Elektro-Tweepop mit naiv-intelligenter Attitüde. Bei It´s a Musical ganz bewusst ohne Gitarre. Dafür lebt Elinor hier ihre Vorliebe für kleine Gemeinheiten aus. Denn die Songs handeln von den Schrecklichkeiten des des Alltags. Etwa dem Gute-Laune-Horror des Formatradios mit »The Music Makes Me Sick«.

Charme. Unbedingt Charme. Wie es live bestens zu betrachten war beim Jubiläumsfestival eines der sympathischsten Clubs im Rhein-Main-Gebiet, dem Hafen 2 in Offenbach. Fünf Jahre Hafen 2! Dabei sollte der alte Lokschuppen am Mainufer doch schon im vergangenen Jahr abgerissen werden. Danke Finanzkrise, finanzielle Unwägbarkeiten und generelle Planungsunsicherheiten.

It´s a Musical also an diesem Abend, an dem der alte Lokschuppen unter dem Ansturm der Besucher fast ins Wanken kommt, was der guten Laune keinen Abbruch tut. Eine Amélie-knopfäugig bestens aufgelegte Elinor, die mit Pilzkopffrisur und einem ironischen Hang zu Pastellfarben die Discokugel zum Rotieren bringt. Ein Song über die Faulheit, ein Song über Schmerz, und ganz neu: »This is a song about fucking«.  Endlich ist der Tweepop ganz bei sich: Bei den Blüten und den Bienen. Aber bitte genau zuhören! Diese Disesuse kann ganz schön garstig sein!

(Foto: Marco Ceccobelli).

14. Februar 2009

Apoptygma Berzerk im Substage: »Karlsruhe, You’re Awesome!«

Samstag, 7. Februar 2009. Heimspiel in der Gothic-Hochburg. Oder: Die Nordmänner könnten »Alle meine Entchen spielen« – und das Publikum im Substage würde jubeln.

In der ehemaligen Karlsruher Unterführung steht eine 400-köpfige Menge, die sich sonst – nach der Kleidung zu schließen – in der (Karlsruher) Gothic/Elektromucke-Szene tummelt. Die im X-tra-x Shop einkauft und im Nachtwerk/Culteum (Ex-Kulturruine) oder bei der vampiralen Nacht anzutreffen ist.

Endlich erklingen kurz nach 22 Uhr die ersten Takte vom Opener »Weight Of The World« des aktuellen Albums »ROCKET SCIENCE«. Von den Fans bejubelt treten Apoptygma Berzerk, Fronter Stephan Groth natürlich als Letzter, gemessenen Schrittes auf die Bühne.

Aufgrund der beengten Verhältnisse/niedrigen Decke verzichteten die Nordlichter komplett auf ihre sechs »LED-Vorhänge«, die in anderen Städten der Tour für Effekte und Videountermalungen diverser Songs dien(t)en.

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09. Februar 2009

Melodram auf Norwegisch: Bellman

Manchmal entdeckt man an sich Seiten, die einem vorher völlig unbekannt waren. Und die man wunderbarerweise erstaunlich gut beherrscht. Bellman hat so eine Entdeckung gemacht. Er kann seine Stimme mühelos hochschrauben. Und das klingt völlig folgerichtig souverän und entspannt.

Aber halt. Fangen wir mal von vorne an. Da ist dieser junge Musiker aus Larvik, einer Provinzstadt in Südnorwegen. Eigentlich heißt er Arne Johan Rauan. Aber als Künstler nennt er sich Bellman. Wie der schwedische Dichter und Komponist Carl Michael Bellman, verstorben 1795. Hmmm. Wundern wir uns noch ein bisschen. Aber nicht zu lange. Lassen wir Bellman einfach singen.

Denn dann heben wir ab. Bellman ist ganz  Zwitterwesen. Aus Schmachtpop-Troubadour, aus naivem Träumer, aus eigenwiligen Visionär, aus großäugigem Stauner, aus naivem Chronisten reinen Herzens. Genauer gesagt: Aus Sigur Rós, Anathallo, den Tindersticks, Mercury Rev und vielleicht am ehesten noch Mark Owen. Mark Owen? Dem Take-That-Mark-Owen? Genau dem. Dieser hat nämlich als Solokünstler mit »GREEN MAN« ein ähnlich schwerelos-verträumt-gefühlsbombastisches Solo-Debüt vorgelegt wie Bellman jetzt mit»MAINLY MUTE«. Lang ists her. 1996 genauer gesagt. Aber nicht vergessen.

Aber Schluss jetzt mit den ewigen Referenzen. Die geben eine Richtung vor, mehr nicht. Die Vergleiche mit Sängern ähnlicher Stimmlage wie Thom Yorke oder Antony Heggarty oder sogar Jónsi Birgisson von Sigur Rós taugen nicht. Bellman strebt vielleicht nach dem, was Mike Scott von den Waterboys schon Mitte der 80er erreichen wollte. The Big Music. Irgendwo eine Ganzheit aus Tönen zu erreichen. Mit den Mitteln von Leidenschaft und Schönheit.

Bellman bricht Herzen. Chöre flehen, Glockenspiele weinen, Synthies wimmern. Und zu den allerschönsten Dingen, die der junge Herr aus der Provinz tut, zählt eins: Eine sehr eigenwillige Version des Prince-Songs The Holy River abliefern. Das ist so innig, das es fast schon weh tut. Uuuh. Ich muss mich setzen. Aber Bellman in den kommenden Monaten in den Augen (und Ohren!) behalten.

Die Fotos sind von Mari K. Christiansen und Jan Erik Svendsen

31. Januar 2009

Was steht an 2009/3? Samae Koskinen

Dass das Finnische ein völlig pop-fernes Idiom ist, das stimmt einfach nicht. Der beste Gegenbeweis: Samae Koskinen, der in diesen Tagen sein zweites Soloalbum vorlegt. Hatte der Mann mit der überzeugendsten Nuschelstimme nördlich von Helsinki auf dem Vorgänger »VOL. 1« noch die Gedichte bekannter finnischer Lyriker vertont, ist er auf dem Zweitling »ELOSSA« (lebendig!) sein eigener Dichter. Und einen roten Faden gibt es auch auf »ELOSSA« : Vom Konzept handelt es sich hier um ein Episodenalbum. Momentaufnahmen aus dem ganz normalen Alltag, Begegnungen, kleine Glanzlichter, tragische Episoden. Das Verstreichen der Zeit, das Altern, verpasste Gelegenheiten und das Wüten und das Wehren und das Akzeptieren. Lebendigsein eben. Und vor allem eins: Immer weitermachen, wie es im vielleicht schönsten Song »Kaiken Pit Aika Jatkua« sonderbar tröstlich anklingt.

Samae Koskinen, sonst auch als Mastermind bei den wunderbar eigentümlichen Nekropoppern Sister Flo aktiv, macht auf »ELOSSA« die Tür ganz weit auf und lässt alles herein, was er gut gebrauchen kann: 70er-Disco, Beach-Boys-Harmonien, 60ies-Folkpop, eine gute Portion Progressive Rock, Tanzmusik, ein wenig Kitsch, ein wenig Pathos und viele große Gefühle. Und zwischendurch rockt er leidenschaftlich und selbstironisch los. Tanzen kann Samae zwar schlecht, eher lächelnd tappsen, aber genau darum geht es hier.

Wer also seltsam sehnsüchtig ziehende Gefühle in Herz und Hirn spüren möchte, die sich gleichermaßen aus Fröhlichkeit und Traurigkeit speisen, kann sich dieser Tage noch das gesamte Album im Stream auf Samae Koskinens myspace-Seite anhören.

25. Januar 2009

Was steht an 2009/2? Cats On Fire

Dass die wahren Erben der Smiths in Turku leben und Finnlandschweden sind, muss sich noch ein bisschen in der Welt herumsprechen. Schade, schade, denn Cats on Fire sind solch wunderbar blasse, dandyhafte, feinsinnige und elegante Verlierer, dass selbst Meister Morrissey nur anerkennend aus seiner einsamen Ecke auf der Party herübernicken könnte. Und von wegen Trübsaal, nichts da! Denn Sänger und Mastermind Mattias Björkas sieht zwar auf den ersten Blick wie ein ungelenker Schöngeist aus, der zu viel Geld für elegante Seidenhalstücher ausgibt, aber der Mann ist gleichzeitig ein temperamentvoller Popheld, der seine Gitarre gehörig das Funkeln lehrt.

Der erste Longplayer »THE PROVINCE COMPLAINS« war eine meiner Lieblingsplatten 2007.  Wunderbarerweise waren die Cats in diesem Frühjahr auf einer kleinen Deutschland-Tour. Denn das inspirierende und und temperamentvolle Konzert in Dresden steht in der Liste der persönlichen »Allzeit-besten-Gigs« immer noch weit vorne. Das fand auch Meister Mattias, der den Dresden-Auftritt im Band- Blog auf uncharakteristisch euphorische Weise so beschrieb:

And I sincerely doubt that we’ve ever played a better concert. Not many people could have heard us before and I felt that the audience simply started to like us during the show. I was deeply touched by the overwhelming response we got towards the end of the show. We played a very long set by our standards, with double encores, and it was all pure joy for me.

In diesem Frühjahr, genauer gesagt: Am 11. März!,  gibt es nun endlich ein neues, ein zweites Album von Cats On Fire, das – wie zu erwarten war – wieder einen sehr eigenwilligen Titel trägt: »OUR TEMPERANCE MOVEMENT«. Einen ersten Song mit dem Titel »Horoscope« gibt es bereits auf der myspace-Seite zu hören. Hört sich schon wieder wunderbar nach »schöner Scheitern« an.

 
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