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Foto nordische Landschaft

11. Januar 2015

Machinery Of Joy entdecken düstere Dinge vorm Einschlafen

Richtig hell werden will es in der Welt von Machinery Of Joy nicht. Was nicht wirklich stört. Denn die Dinge, die sich in der knappen Spanne zwischen Tag und Traum abspielen, die sind doch so viel interessanter als die ach so altbekannten Alltagsdinge, die alle ihren festen Platz haben. Um die Erkundung dieser Grenzzustände geht es den Vieren aus Kopenhagen, die sich in bester Fin-De-Siècle-Tradition an morbiden Sehnsüchten berauschen und die Poesie in Untergangsszenarien entdecken. Todesnähe und Lebensüberdruss bringen doch die delikatesten Empfindungen hervor! »You wanna die«, intoniert Sängerin Laura Noszczyk in endlosen Wiederholungen im dunkelschwarz eingefärbten Track »Comatose Puppet«.

Dass man das Debütalbum »ON THE VERGE OF SLEEP« betitelt hat, passt gut in diese nachdenklichen Nachtmahrwelten, durch die eisige Winde pfeifen. Es sind verhalten experimentelle Töne, die wie verirrte Nebelschwaden durch diese schwarzromantische Szenerie wabern. Die feine, helle Stimme Noszczys ist hier die einzig zuverlässige Konstante, an der man sich festhalten kann. Versteht sich von selbst, dass diese Nachtschwärmer die delikatesten Gefühle erkunden und im endlos ausufernden Track »Solar Storm« die feine Kunst der Seelenerkundung gegen emotionale Wallungen eintauschen! Nur um in der reduzierten Ballade »Lamia« wieder zur bewussten Beschränkung zurückzukehren und das gehobene Nachdenken in Ehren zu halten. Zu diesen Tönen mag man die Schultern fröstelnd hochziehen und den Jackenkragen höher schlagen. Und in düsterer Schönheit schwelgen! Zu lächeln gibt es im Universum von Machinery Of Joy wenig. Man mag nur leise schmunzeln darüber, wie die Band den eigenen Stil auf ihrer Bandcamp-Seite beschreibt: »dark, psychedelic, drone, experimental, industrial, noise-kraut, rock, melodic«. Bloß kein wichtiges Attribut vergessen! Auf Bandcamp kann man dem Album zur Gänze lauschen. Und im Februar kommen die Dänen auf Deutschland-Tour: Wärs´s in meiner Nähe, täte ich wohl hingehen. Ist es leider nicht. Vielleicht ein andermal, in einer grauen, nassen Nacht.

07. Januar 2015

Das letzte Konzert 2014: Amorphis auf Jubiläums-Tour

Tatort: Die neue Welt
Tatverdächtige: Kleiner Mann mit Dreads samt Band
Tatzeit: Kapitalistischer/katholischer Hochfeiertag
Tatzeugen: Sehr ruhige Gesellen

Als wir hörten, dass Amorphis am 26. Dezember 2014 in Berlin spielen, genauer gesagt in Huxley’s neuer Welt, war uns klar: da gehen wir hin. Vor allem, da wir zu dem Zeitpunkt sowieso in Berlin sind.

Also auf zu »Varietébühne, Sportpalast, Rollschuhbahn und Ausflugsziel am Rande des Volksparks Hasenheide«. Vorband ist an diesem Abend die erst 2013 gegründete Doom Metal-Band Avatarium, mit Jennie-Ann Smith als Fronterin und (Ex-)Tiamat-Schlagzeuger Lars Sköld. Die Schweden geben ihr Bestes, versuchen die geschätzt 700 bis 800 Zuhörer anzuheizen und zum Mitmachen zu bewegen. Leider ohne großen Erfolg. Das konzertverwöhnte Berliner Publikum scheint sich nicht angesprochen zu fühlen und steht nur regungslos in der Halle herum. Vielleicht lenkt die Zuschauer auch nur das skurrile Bühnenoutfit der Sängerin zu sehr ab. Nach einer guten halben Stunde gehen Avatarium von der Bühne und machen Platz für Amorphis.

Die Finnen feiern mit einer Jubiläums-Tour den 20. Geburtstag ihres zweiten Albums  »TALES FROM THE THOUSAND LAKES«. Erstmals spielen sie die Scheibe komplett live, vom ersten bis zum letzten Song.*
Von der Originalbesetzung sind Schlagzeuger Jan Rechberger (wieder) dabei, Gitarrist Esa Holopainen (immer noch) sowie Gitarrist (zu Gründungszeiten Sänger) Tomi Koivusaari, ergänzt durch Keyboarder Santeri Kallio (seit 1999), Basser Niclas Etelävuori (seit 2000) und Fronter Tomi Joutsen (seit 2005).

Anfangs ist auch bei ihnen das Publikum sehr verhalten, doch mit zunehmender Dauer des Konzerts wachen einzelne Personen auf und bangen sogar.

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18. Oktober 2014

Intimität und Tiefe mit Karoliina Kuutio

Einverstanden: 98 Prozent der Inormationen, über die man via soziale Netzwerke täglich stolpert, sind völlig pillepalle. Aber es gibt eben doch immer wieder Entdeckungen zu machen: Wie die junge finnische Sängerin und Pianistin Karoliina Kuutio, über die ich via Instagram-Account des befreundeten Fotografen Lauri Hannus stolperte. Weil er nämlich die aktuellen Promo-Shots für die Nachwuchs-Chanteuse aufgenommen hat! Im Wald, auf der Insel Ruissalo vor den Toren Turkus, von deren Stränden aus man so wunderbar die Schwedenfähren gucken kann! Die ihre eigene Musik übrigens mit den sinnigen Worten »songs from the forest, songs from the woods« beschreibt und somit für Assoziationsvielfalt sorgt. Viel Material liegt noch nicht vor, aber die beiden Tracks auf der Soundcloud-Seite lassen aufhorchen: Reduziert und doch verträumt. Von sanfter Nachdenklichkeit. Und doch schimmert in Songs wie dem vielschichtigen »Saviours« eine wache Intelligenz durch. Und eine Lust am Spiel mit vielschichtigen Emotionen. Fast möchte man Karoliina Kuutio in Island verorten, in trauter Eintracht mit der Kollegin Sóley. Aber wo die Sóleys musikalische Poesie durchaus hexenhafte Züge annehmen kann, ist Kuutio viel lieber auf vertrackte Weise anmutig. Intim und tief kommen diese Songs daher, aber keine Angst: Von melancholischer Erdenschwere keine Spur!

Wer weitere Informationen zu Karoliina Kuutio sucht, muss sich die Sherlock-Holmes-Kappe aufsetzen und auf die Hilfe von Google Übersetzer hoffen. Aber so weit ich das übersehe, heißt die Sängerin mit bürgerlichem Namen Sanni Pesonen, ist Psychologiestudentin in Turku und war zuvor im Elektrop-Projekt Loft Apartment aktiv. Als Karoliina Kuutio will sie sich aufs Geschichtenerzählen konzentrieren, gut so! Und auf jeden Fall gilt es, die junge Frau im Auge zu behalten!

30. August 2014

Die dekadente Art der Liebe mit Sailor And I

Nicht nur Deutschland hat seine Skandinavien-Fans, sondern auch unser nordwestliches Nachbarland: Nordic Delight heißt das Banner, unter dem sich niederländische Nordland-Liebhaber versammelt haben und ein Festival im schönen Utrecht veranstalten. Die nächste Ausgabe findet übrigens im Oktober statt. Neben Musik gibt es auch leckeres Essen, Design, Mode, Kunst und Film in der Stadt mit den vielen Kirchtürmen. Und anstatt die etablierten musikalischen Acts zu präsentieren, setzt man hier lieber auf die Newcomer. Wer mag, kann an Regentagen im Line-up stöbern und dort noch weitgehend unentdeckte Perlen der skandinavischen Popszene finden wie die wundervollen Wintergatan aus Schweden und die nicht minder beeindruckenden Vök aus Island, über die das Polarblog bereits vor über einem Jahr berichtete.

Aber hier soll es um Sailor And I gehen, der ebenfalls auf der diesjährigen Ausgabe des Nordic Delight Festivals spielt. Also um das Projekt von Alexander Sjödin aus Stockholm, der sich als Szeneveteran und Multiinstrumentalist bereits in den verschiedensten Genres von Jazz über Klassik bis Rock und Punk erprobt hat. Der sich aber hier als Sailor And I mit einer Verve dem theatralischen, tanzaffinen Synthiepop an den Hals wirft, bis ein Übermaß an Gefühl entsteht. Neoklassische Streicher schwelgen, überkandidelte Vocals flehen vergeblich darum, dass die Dinge doch endlich gut werden sollen. Allein, de Künstler hofft vergebens! In dieser musikalischen Welt, die in satte Hochglanzfarben getaucht ist, gehört das gepflegte Melodram zum guten Ton. Herzen brechen hier auf die allerromantischste Weise. Das ist üppig, das ist plüschig, das ist dekadent, aber hey! Soll die Welt doch lieber in Schönheit zugrunde gehen als in Schmerz und Dreck. Besonders gefallen tut der Track »Tough Love«, der unsere Gefühle auf angenehme Weise überstrapaziert. Dass man hier mitunter an die exaltierten Töne von Woodkid denkt – geschenkt!

23. Mai 2014

Sehnsucht nach der Riviera mit Shadow Shadow

Ist die Riviera außer bei reichen Russen und rollatorschiebenden Rentnern eigentlich noch angesagt? Bei Shadow Shadow alias Mattias Friberg aus Malmö wohl, der sein Debütalbum nach dem Landstrich am Mittelmeer benannt hat. Und folgerichtig auf üppige Synthiesounds und schwärmerische Gesänge setzt, denn mit Kargheit hat die Riviera nun so gar nichts zu tun. Aber huch, so ganz will die Postkartenidylle dann dich nicht passen. Denn dunkelgraue Wolken durchziehen diese blauen Himmel. Und kurz halt: Mattias Friberg, der Name klingt doch vertraut? Jawohl, es handelt sich hier um den Sänger der unvergessenen Postrocker Logh aus Göteborg, die seit Jahren bedauerlicherweise in der Versenkung verschwunden sind. Und nun also das absolute Kontrastprogramm zu ernsthaften Besinnungsalben wie dem wundervollen »A SUNSET PANORAMA«? Warum denn nicht?

Dass er in der schwedischen Indie-Szene bestens vernetzt ist, zeigt Friberg allein schon an der prominenten Schar von Gastmusikerinnen, die auf dem Solo-Erstling versammelt sind: Die eigenwillige Chanteuse Britta Persson, die Singer-Songwriterin Nina Kinert und die frankophile Sibille Attar. Den angedüsterten Nachdenklichkeits-Rocker mit der Vorliebe für elegante Verlangsamung will Friberg also nicht mehr geben. Auf seinem Solo-Debüt outet sich der Schwede nun als Fan der Filme von Dario Argento. Von gewalttätigen Ausbrüchen ist hier jedoch nichts zu spüren. Shadow Shadow gefällt sich lieber in verträumter Melancholie. Und ist vielleicht genau dann am meisten bei sich, wenn der Meister selbst mit fein zurückgenommener Stimme singt. Dem Album kann man zur Gänze via Bandcamp lauschen. Gefällt sehr.

 
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