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Foto nordische Landschaft

17. Mai 2016

Wenn Schnee singt: Maarja Nuut

Das Polarblog meldet sich aus der Urlaubspause zurück. Schreibt mitten im Mai über Schnee. Aber das sind ganz unerhörte Töne! Wir blicken einmal mehr mehr über den finnischen Meerbusen hinüber nach Estland. Die Musikerin Maarja Nuut aus dem Örtchen Rakverre steht zwar mit beiden Füßen fest in der reichen Volksmusiktradition der kleinen Baltenrepublik. Aber von dort aus hebt sie in ganz neue Gefilde ab: Mit Stimme, Geige und elektronischen Loops erschafft sie wunderbar minimalistische Klangwelten von rätselhafter Schönheit. Ihr zweites Album »UNE MEELES« (übersetzt: Im Banne eines Traums) hat die eigensinnnige Künstlerin trotz vielfältiger Angebote auf ihrem eigenen Label veröffentlicht, um die komplette Kontrolle über ihr kreatives Schaffen zu behalten. Einen prominenten Fan hat die Estin bereits gewonnen. »So muss es sich anhören, wenn Schnee singt«, lobt Duran Duran-Sänger Simon Le Bon. Recht hat der Mann! Denn Maarja Nuut führt uns ganz sanft auf Abwege, hinein in einen Märchenwald. Wo die Gewissheiten allmählich schwinden und die Feen durchaus garstig sein können! Das sehr feine »Õdangule” etwa ist ein subtil beunruhigendes Wiegenlied, zu dem wir in dunkelgrüne Traumwelten abgleiten mögen. Ach ja, und gesungen wird ausschließlich auf Estnisch. Was den Zauber nur noch verstärkt!

Maarja Nuut lädt uns dazu ein, unsere Phantasie zu gebrauchen: Zu reduzierten und dennoch vielschichtigen Tracks wie »Kargus« entstehen zu süchtig machenden, repetitiven Streicher-Motiven unerwartete Bilder vor unserem inneren Auge: Vielleicht majestätische, weite Schneelandschaften, in denen wir uns fast verlieren können? Mit »Une Meeles« besetzt die junge estnische Musikerin selbstbewusst ihre ganz eigene Nische zwischen Folk, Nu Classic und experimenteller Elektronik. Vielleicht hört sich eine magischer Realismus heutzutage genau so an! Nämlich auf eigenwillige Art anmutig!

17. September 2015

Estnische Schrulligkeit mit Leikki

Ehrlich gesagt: Ich mag keine Katzen. Diese verschlagene Tierart mit ihrem Hang zum Schmierenkomödiantentum ist mir zutiefst unsympathisch. Katzen können meinethalben schnurren, so viel sie wollen: Alles Lüge! Und erst der allgegenwärtige Katzen-Content, das Grauen! Aber im Fall von Leikki will ich mal eine Ausnahme machen. Das Duo aus Tallinn hat seinen eigenwilligen Aufwach-Song »Ärka« seiner Katze gewidmet. Zu diesen entspannten und merkwürdigen Tönen schwingt man gerne die Füße aus dem Bett, da stört das faul da drüben auf dem Sofa liegende Fellvieh nicht weiter.

Der Blick von Helsinki übers weite Ostseewasser hinüber nach Tallinn lohnt unbedingt! Tallinn ist eine quirlige Klein-Metropole, in die man nicht nur wegen der alljährlichen Tallinn Music Week reisen sollte. Leikki gehören zu den jungen Bands, die auf die reiche Folk-Tradition ihres kleinen Landes Bezug nehmen, aber sie mit vielerlei neuen Einflüssen weiter entwickeln. Das Duo singt auf Estnisch, einer dem Finnischen eng verwandten Sprache. Kaja Kaus, die Sängerin, Keyboarderin und Perkussionistin, hat sich vor knapp zwei Jahren mit dem DJ und Produzenten Lauri Täht zusammengetan. Gemeinsam erkundet man eine Stilrichtung, die in Richtung Ethno-Elektronik tendiert und eine gute Prise Weirdpop enthält. Tracks wie das verwunschen wirkende »Ärka« führen sanft auf Abwege, nehmen die Witterung jazziger Töne auf und lassen die Trompete kleine Schneisen in die Wildnis schlagen. Hip Hop und afrikanische Rhythmen verbinden sich in diesem musikalischen Paralleluniversum mit traditionellem Liedgut. Leikki verhexen uns mit modernen Zaubersprüchen. Diese reduzierten, aber durchaus vielschichtigen Songs riechen trotz allen neumodischen Spielkrams irgendwie nach Wald!

10. Mai 2015

Hexe, Fee, coole Barsängerin: Ingrid Lukas

Wechseln wir doch mal kurz mit der Fähre von Helsinki hinüber nach Tallinn. Denn aus der estnischen Hauptstadt kommen federleicht experimentelle Töne von der eigenwilligen Chanteuse Ingrid Lukas, die dieser Tage ihr drittes Album »DEMIMONDE« vorlegt. Die Pianistin, Sängerin und Songschreiberin ist eine Grenzgängerin zwischen den Stilen. Zwischen geisterhaften Electronica, urbanen Beats und der estnischen Regilaul-Musiktradition: Scheinbar einfachen Vokalrhythmen, die sich endlos wiederholen und mantrisch in den Bann ziehen. Ingrid Lukas ist ungefähr so schwer zu fassen wie Björk, ihre Schwester im Geiste. Nur das es in ihrem musikalischen Universum eher elegant denn gewalttätig zugeht. Auf Tracks wie dem geheimnisvollen »Võimas Aparaat« irrlichtert Lukas zwischen jazzigen Improvisationen und schamanischen Folk-Traditionen und bringt sie behutsam auf den Dancefloor für Unangepasste. Bis man endlich davon überzeugt ist, dass man bisher in seinem Leben viel zu wenige Songs auf Estnisch gehört hat.

Ingrid Lukas, die als Mädchen von einer Existenz als Meerjungfrau geträumt hat und sich bevorzugt im Wasser aufgehalten hat, bewegt sich geschmeidig wie ein Fisch durch grünblaue Klangwelten. Grenzgängerin ist die Musikerin nicht nur musikalisch, sondern auch im realen Leben: Mit zehn Jahren zog sie mit ihrer Mutter in die Schweiz, wo sie heute noch lebt. Am Konservatorium von Winterthur hat sie Jazz studiert – und dort vor allem das Improvisieren gelernt. Die Verbindung nach Estland ist jedoch nie abgerissen, erzählt sie. Und davon, dass sie von der reichen Märchentradition ihrer Heimat stark beeinflusst wurde. »DEMIMONDE« ist ein minimalistisches, intensives Album geworden, auf dem sich die Lukas vor allem auf ihre wandlungsfähige Stimme verlässt. Hexe, Fee, coole Barsängerin, naive Maid: Alles das ist sie und noch einiges mehr. Und gerne will sie uns mit Songs wie »Nurse Your Ribs« auch ein wenig das Gruseln lehren.