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Foto nordische Landschaft

14. Juni 2018

Ein Berliner Abend zum 10. Todestag Esbjörn Svenssons

Am heutigen Tag jährt sich zum zehnten Mal der Tod des großen schwedischen Pianisten Esbjörn Svensson. Der Musiker, der in jedem Gewässer schwamm, das ihm unter die Augen kam, ertrank gerade einmal 44-jährig in den Stockholmer Schären und hinterließ zwei junge Söhne, seine Frau Eva und die beiden Partner des e.s.t., ursprünglich Esbjörn Svensson Trio genannt. Dass tatsächlich bereits zehn Jahre vergangen sind, überrascht ein wenig, so präsent und lebendig ist Svensson nach wie vor in der europäischen Jazzwelt, nicht in erster Linie durch die gepflegte Erinnerung diverser Konzerte und Veröffentlichungen, sondern auch durch den großen Einfluss, den jüngere Pianisten und Jazzmusiker ihm bis heute zuschreiben.

Vorgestern fand im West-Berliner Traditions-Jazzclub A-Trane ein wunderbarer Svensson-Erinnerungsabend statt, und da wurde der Pianist David Helbock vom Moderator Wolf Kampmann als „sehr stark von Esbjörn Svensson beeinflusst“ vorgestellt. Zwar sind derartige Platitüden gerne erst einmal leicht dahingesagt, doch hier besteht in der Tat ein starker Zusammenhang, eine Verwandtschaft im Geiste gar. Der 1984 geborene Schweizer, jüngst mit einem zweiten Trioalbum beim e.s.t.-Label ACT auftretend, legte beeindruckend Zeugnis davon ab, dass er gut in Svenssons Fußstapfen passt und vermochte das Publikum im A-Trane über die Länge des Konzerts hin zu begeistern. Er begann den solistischen Teil des Abends mit einer feinen Jazz-Interpretation von Chopins Prélude op.28 Nr. 4 und erläuterte, dass Svensson sich gerne mit Chopin-Stücken warmgespielt habe. Toll, wie Helbock den Flügel um Effekte und Live-Elektronik erweiterte und teils mit dem Fuß die elektronischen Geräte im Rhythmus bediente. Nicht weniger schön war seine Version von e.s.t.s Seven Days of Falling, melancholisch und ruhig.

Dann spielte er ein eigenes Stück, das er im März 2009 “in e.s.t. style“ komponiert hatte (auf seinem ACT-Album Into the Mystic heißt es The Soul), und erzählte, wie er überhaupt zur Musik von e.s.t. gekommen war: Er besuchte nämlich als 16-Jähriger beim Montreux Jazz Festival einen Workshop und kaufte im Anschluss die CD EST Plays Monk, weil Thelonious Monk bereits zuvor ein Wegweiser für ihn selbst gewesen war. Daraufhin spielte er zwei eingängige eigene Stücke mit Monk-Einfluss und beschloss den Solo-Teil mit einer weiteren mitreißenden Nummer. In diesem kurzen Set trat Helbock den Beweis an, dass er sowohl als Bühnenmensch wie auch als Musiker sehr unterhaltsam sein, mit überraschenden Einfällen punkten kann und sowohl das eingängig Melodische des „traditionellen“ Jazz als auch das Wilde der Rockmusik und das kraftvoll Rhythmische von elektronischen Musikstilen, fast wie im Techno, beherrscht und in einen eigenen Stil integrieren kann.


Mit e.s.t.-Schlagzeuger Magnus Öström spielte Helbock im Anschluss dann zum allerersten Mal zusammen, und auch wenn man den höflichen Weg ihrer Annäherung noch hautnah mitverfolgen konnte, zeigten die beiden schon einiges Potential für eine ausführlicher Zusammenarbeit, die der Großteil des anwesenden Publikums offenkundig sehr begrüßen würde. Öström und Helbock begannen mit einer abstrakten Geräusch-Improvisation, bevor sie mit der wunderbaren e.s.t.-Nummer Eighthundred Streets by Feet, Öströms Ballad for E. von seinem Solodebüt Thread of Life und Helbocks e.s.t. gewidmetem Truth begeisterten. Hier wurde aber auch (wieder einmal) augenfällig, dass das von Svensson komponierte Stück den eher durchschnittlichen Kompositionen der beiden anderen haushoch überlegen war.

Nach einer Pause, in der es sich kaum ein Gast des Abends nehmen ließ, Helbock und vor allem Öström die Bewunderung auszusprechen, und in vielen Pausengesprächen der Verlust des großen Pianisten zum Ausdruck kam, setzten sich Wolf Kampmann und Magnus Öström zu einem persönlichen Gespräch auf die Bühne. Für einen renommierten Musikjournalisten waren viele der Fragen doch erstaunlich allgemein gehalten und salbungsvoll formuliert, so dass Öström häufig sichtlich Schwierigkeiten hatte, mit der jeweiligen Antwort zu beginnen und meist „durch die Hintertür“ auf die Fragen antwortete, indem er etwa Anekdoten erzählte, die das Publikum erheiterten.

Das Gespräch, das als kurzes Intro zur Vorführung eines Dokumentarfilms angekündigt war, geriet so, glücklicherweise, zu einem vollen Programmpunkt, zu einer intimen Begegnung mit einem der großen europäischen „Jazz“-Schlagzeugstars seiner Generation, dem man den Verlust des Kindheitsfreundes (die beiden warn über 40 Jahre lang befreundet) und künstlerischen Seelenbruders noch immer anmerkt, und der ohne Svensson und das Trio in den letzten zehn Jahren doch etwas verloren wirkt. Es ist sicher nicht übertrieben zu sagen, dass so ziemlich jeder der Anwesenden im A-Trane ihm wünschte, dass er noch einmal eine Band findet, in der er so richtig aufgehen und zu sich finden kann, wie es e.s.t.-Bassist ja mit Tonbruket seither eindrucksvoll gelingt. Öströms drei Soloalben leiden ein wenig darunter, dass er nicht der beste Komponist ist und auch als Leader nicht den Drive von Esbjörn Svensson aufbringt.

Dem einstündigen Dokumentarfilm A Portrait of Esbjörn Svensson (Trailer), den David Tarrodi fürs schwedische Fernsehen drehen durfte, wo er im letzten Jahr gezeigt wurde, gelingt es schließlich überzeugend, sowohl der Person Esbjörn Svensson als auch seiner künstlerischen Biografie und dem Status und Erbe „seines“ Trios gerecht zu werden. Als ambitionierter Dokumentarfilmer zweifelt man gern an den Möglichkeiten, die ein solches TV-Format meist erlaubt, doch Tarrodi schafft es, wirklich vieles in die knapp sechzig Minuten zu packen, und sein Film ist von einer offenkundigen Liebe zur Musik und einem großen Respekt für Svensson und seine Kunst geprägt. In dem einen oder anderen Interview werden (natürlich) ein paar erwartbare Phasen kundgetan, aber darüber kann man angesichts des Reichtums an starken Musikausschnitten, wunderbaren Einblicken und der reichhaltig nacherzählten Laufbahn des Trios locker hinwegsehen. Die Fülle des Materials sorgte offenbar dafür, dass im Montageprozess immer mal wieder der erzählerische Faden ins Schlingern gerät, doch viele bewegende Worte, häufig wiederum aus dem Mund Magnus Öströms und z.T. Dan Berglunds, verschiedene Anekdoten, speziell aus Erinnerungen der Familie, Eltern und Geschwister, sorgen dafür, dass der Film eine sehr berührende und auch inspirierende Qualität bekommt.

Sehen kann man A Portrait of Esbjörn Svensson wohl demnächst bei QWEST.tv. Ein Tipp für alle, die Esbjörn Svensson lieben und vermissen, für alle, die die Musik der e.s.t. bereits — und ebenso für alle, die endlich mal wissen wollen, was es mit der „Legende“ tatsächlich auf sich hat, die um das e.s.t. nach wie vor gesponnen wird.

(Portraitfotos vom Pressedownloadbereich der ACT-Music-Webseite.)

03. Februar 2018

The Winter Of My Discontent: Eurosonic 2018

Jetzt sind schon fast zwei Wochen ins Land gegangen, und ich habe immer noch kaum etwas über dass Eurosonic Festival in Groningen geschrieben, mit dem das Konzertjahr traditionell eingeläutet wird. In der nordniederländischen Stadt ist es Mitte Januar allein aus jahreszeitlichen Gründen recht ungemütlich, aber Gräue, Glätte, Kälte, Schneetreiben und schiefergraue Himmel gehören zum Eurosonic quasi dazu. Wie jedes Jahr präsentierten sich hier Anfang des Jahres die viel versprechendsten europäischen Newcomermusiker und hoffen darauf, bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Was schwierig ist angesichts der Fülle der auftretenden Bands, von denen man selbst bei bestem Willen nur einen Bruchteil live sehen kann. Denn die Venues liegen zum Teil weit auseinander und bei ekligen Graupelschauern überlegt man es sich drei Mal, bevor man einen gemütlichen Club verlässt und eine Viertelstunde ans andere Ende der Innenstadt radelt. Realistisch gesehen wird nur ein sehr, sehr geringer Teil der hier auftretenden Bands den Durchbruch schaffen. Einige wenige werden gehypt. Der Rest verschwindet wieder in der Versenkung und begnügt sich mit kleinen Erfolgen auf den heimischen Musikmärkten. Der Grund, warum ich bislang nichts schrieb, hat nichts mit diesen Überlegungen zu tun. Sondern mit der Tatsache, dass nur sehr, sehr wenige der Bands, die ich auf dem Eurosonic hörte, Eindruck hinterlassen haben. Zu viel Durchschnittskost dabei. Und manche Band, die ich im Polarblog in der Vergangenheit lobend erwähnte, erwies sich live als unglaublich fade und beim Beherrschen der Instrumente auf Schülerkapellen-Niveau.

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30. August 2017

Summer Breeze 2017 – Samstag: Auf Händen getragen

Frühester Arbeitsbeginn des diesjährigen Summer Breeze. Die Veranstalter haben um elf Uhr zur jährlichen Pressekonferenz geladen – und hier sind ein paar Zahlen-Daten-Fakten rund ums Festival:

Dieses Jahr sind 40.000 Besucher anwesend. Aus den beiden Hauptbühnen wurde die Summer Breeze-Stage; sie besitzt die größte transportable Drehscheibe Europas auf einem Open-Air-Festival mit 20 Metern Durchmesser. 27 Kilometer Bauzaun wurden im Vorfeld aufgebaut.

Natürlich wird auch über das Unwetter von gestern gesprochen. Die gute Nachricht ist, dass es nicht so schlimm war wie befürchtet; niemand kam zu Schaden. Zwischendurch haben wir Mühe, die Antworten der Veranstalter zu verstehen: Auf der SB-Stage legen die Excrementory Grindfuckers dermaßen laut los, dass Veranstalter Achim Ostertag sanft grinsend ein »wen hab ich da gebucht?« entfährt.

Im Anschluss an die Pressekonferenz hätten wir uns mehr Zeit lassen sollen auf dem Weg zur SB-Stage. Primal Fear (D) liefern ein schauriges Gejaule ab, aber da müssen wir durch. Denn Delain (NL) spielen nach ihnen. Bei den Holländern sind ausgesprochen viele Männer anwesend. Muss wohl an den schönen Frauen auf der Bühne liegen – oder doch an der Musik? Frontfrau Charlotte Wessels versteht es jedenfalls das Publikum mitzureißen.

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29. August 2017

Summer Breeze 2017 – Freitag: Déjà-vu – ein Unwetter zieht heran

Memorian (UK) liegen gerade in ihren letzten Zügen, als wir auf dem Battlefield eintreffen. Wir sind zu früh dran für Battle Beast (FIN) und drehen auf der Suche nach CDs noch eine Runde durch die Händlermeile.

Vor der Summer Breeze-Stage einen Platz zu bekommen, fällt bei den Finnen recht schwer: Es ist erstaunlich viel los. Mit tanz- und bangbaren Rhythmen begeistert die Band um Fronterin Noora Louhimo das Publikum, das immer mehr fordert und sichtlich Spaß hat.

Die traditionellen Heavy Metaller begeistern ihre Fans mit Stücken wie »Familiar Hell«, »Touch In The Night« und natürlich »Black Ninja« – und diese danken es ihnen mit abfeiern und mehr oder minder textfestem Mitsingen.

Auf dem Weg in Richtung T-Stage nutzen wir die Möglichkeit erst einmal kurz aus der Sonne raus zu gehen – und entdecken fliegende Einhörner.

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28. August 2017

Summer Breeze 2017 – Donnerstag: Metalcore und Zickenterror

Ab Donnerstag werden dann zusätzlich zur T- und Camel-Stage auch die Hauptbühnen gerockt, genauer: die neue »Zwei-in-eins« alias »Summer Breeze-Stage« mit Drehscheibe. Nach einem ausgewogenen (Bier-)Frühstück statten wir dem »Battlefield« einen Besuch ab. Auf der Summer Breeze-Stage spielen The New Roses aus Wiesbaden als Ersatz für Xandria (D). Allzuviel ist noch nicht los an diesem Donnerstagmorgen. Wir hören uns ein paar Songs des lässigen (Hard) Rocks an und sind bester Laune, das Aufstehen hat sich gelohnt.

Anschließend stapfen wir eine Runde übers Gelände, um uns einen Überblick über die Änderungen im Vergelich zu den Vorjahren zu verschaffen. Vor der SB-Stage gibt es nun einen komplett abgetrennten Bereich mit dem Eingang rechts von der Bühne und dem Ausgang links. Trotz der vielen Durchsagen, die darauf hinweisen, haben die Ordner am Ausgang genug damit zu tun, den Leuten zu erklären, wo der Eingang ist. Im Laufe des Tages soll das noch schlimmer werden.

Da wir vor Obituary (USA) nichts mehr sehen wollen (wir haben die Wahl zwischen Metalcore, Metalcore und Metalcore) und die Sonne jetzt schon erbarmungslos brennt, gehen wir zurück ans Zelt zu den anderen. Zu fünft machen wir uns später auf den Weg zu den Death Metallern aus Florida. Recht statisch stehen sie auf der großen Bühne, nur Sänger John Tardy läuft hin und wieder umher. Zu verdenken ist ihnen das bei den Temperaturen nicht, zumal sie nicht mehr die Jüngsten sind. Die druckvolle Musik macht trotzdem Laune: sie ist so langsam, dass es fast schon schmerzt.

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