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Foto nordische Landschaft

08. März 2010

Murmansk tun weh. Trotzdem hingehn!

Eine kleine Polemik zu Beginn. Manchmal scheint es so, dass jeder schwedische Nachwuchshansel, der eine Gitarre halten und drei Akkorde spielen kann, wenige Wochen später mit seiner Band auf Deutschlandtour geht und auf den wohlw0llenden Bonus hofft, der ihm wegen der vier Worte »neue Band, Schweden, oh!« hierzulande entgegenschlägt. Rein gefühlter Erfahrungswert. Viele großartige Bands aus Schweden gehört die letzten Jahre, aber auch viel oberflächlich Belangloses und selbstverliebt Selbstgefälliges.

Was mich endlich zum Punkt bringt. Finnische Bands gehen nicht so selbstverständlich lässig mit der Selbstvermarktung um wie die schwedischen. Was im Endeffekt dazu führt, dass Bands zwischen Helsinki und Oulu vielleicht stillschweigend darauf hoffen, entdeckt zu werden. Und sich ansonsten eher nicht über die Landesgrenzen hinauswagen. Sei es wegen fehlender internationaler Kontakte zu Promotern und Agenturen, sei es wegen der Scheu davor, sich in den Mittelpunkt zu stellen und selbstbewusst zu sagen:  Welt, hier bin ich!

murmansk

Um so erfreulicher ist es, dass eine der interessantesten und aufhorchenden machendsten jungen finnischen Bands in diesen Tagen tatsächlich für einige wenige Konzerte nach Deutschland kommt: Hamburg, Köln und München, ihr habt es gut: Ihr könnt Murmansk live erleben! Näheres unter unseren Tourterminen.

Das Quartett aus Helsinki, das sich nach der nördlichsten Großstadt der Welt benannt hat, geht mit kompromissloser Entschlossenheit bis an die Schmerzgrenze. Rüttelt an den Gitterstäben, die den Noiserock vom Rest der Welt trennen. Schert sich nicht um Vorbilder. Sonic Youth, klar, haben wir gehört, aber wir sind wir!

Bassgetriebene Intensität. Blutende Schönheit. Gewalttätige Sensibilität. Überwältigende Hingabe. Die Ohrstöpsel fliegen aus den Lauschgängen, nutzen nichts. Es  geht um Gewalt und Empfindsamkeit hier. Und murma2um die Stimme von Laura Soininen. Die Sängerin will nicht die charismatische Frontfrau sein. Ist schüchtern, zurückhaltend, inmitten all dieser extrovertierten Lärmwälle. Passt nicht? Passt eben deswegen genau!

Murmansk sind funkelnd Suchende. Brutal Findende. Sensibel Ausprobierende. Mitleidlos Zerstörende. Aufmerksam Beobachtende. Zielgenau Zuschlagende. Unbequeme. Schmerzende Andere.

Live erlebt im vergangenen Sommer auf dem Ämyrock-Festival in Hämeenlinna, abseits des Mainstream, wo die Newcomer umsonst und draußen spielen. Hingerissen von der Intensität. Also. Obwohl es wehtun kann: Hingehn!

Fotos: Kamila Kurkus / Antek Opolski, Jari Anttonen

24. Februar 2010

Minor Majority: Metal können wir auch

Ein Montagabend. Es regnet. Nicht gerade die idealen Voraussetzungen für einen gut gefüllten Konzertsaal. Aber die Frankfurter Kulturbanausen entscheiden sich heute, brav ihre hoffnungsvolle Seite zu zeigen und pilgern in ausreichenden Scharen in die Vorstadt, um in der Brotfabrik Minor Majority zu hören, die ehrlichen Häute des norwegischen Indiefolkpop mit hohem Wärmefaktor. Der Altersdurchschnitt liegt deutlich bei 30+.

Vielleicht braucht man sie einfach, diese Konzerte. Die zunächst wenig spektakulär beginnen, aber sich dann so positiv entwickeln wie lange aufgebrühter grüner Tee. Mit ruhigen, unafugeregten, gekonnt arrangierten Popsongs von der Nachtseite der täglichen 24 Stunden des Tages. Aber nicht hoffnungslos, bewahre! Minor Majority nehmen sich Zeit. Um ihr Set zu entwickeln, um langsam Spannungsbögen aufzubauen. Um unerwartete Episoden einzubauen, nach den altvertrauten Top Ten der Hörerwünsche wie etwa das immer wieder gern gehörte »Supergirl«.

Sie können auch anders! Spielen ein Cover der norwegischen Metaller Cumshots, das in der Interpretation von Sänger mm1Pål Angelskår geradezu heimelig-kuschelig klingt.

Minor Majority pflegen live Tugenden, die im auf Maximaleffekte und hochgepushte Hypes getrimmten Musikgeschäft aus den Augenwinkeln zu gleiten drohen: Das in jahrelanger Erfahrung gereifte Zusammenspiel einer Band, die dem gemeinsamen musikalischen Schaffen immer wieder neue Facetten abringt. Die Freude am gemeinsamen Musizieren. Das blinde gegenseitige Vertrauen. Sich mit Leichtigkeit Bälle zuwerfen, auffangen, wieder in die Luft bringen. Der offenkundige gegenseitige Respekt der Musiker. Das reine Vergnügen daran, gemeinsam auf der Bühne zu stehen! Blicke zwischen den fünf Musikern genügen.

Etwas Dichtes, Kompaktes, Überzeugendes entsteht. Nichts weltbewegend Neues. Aber Intensität innerhalb abgesteckter Grenzen zu entwickeln. mm2Funken sprühen zu lassen. Das Publikum ohne Mühe auf seine Seite zu ziehen. Dazu gehört etwas. Gegen Ende breitet sich im Saal auf allen Gesichtern ein von glänzenden Augen geschmücktes Lächeln aus, wohin man auch blickt. Paare rücken enger zusammen, gestandene Mitvierziger nicken zustimmend.

Dass eine Band zwei Zugaben gibt und danach vollständig am Merch-Stand erscheint, um den Austausch mit den Fans zu pflegen, ist mittlerweile leider auch keine Selbstverständlichkeit mehr.

Kleine Beobachtung am Rande: Schräg vor uns steht eine Familie. Vater, Mutter, zwei Kinder. Alter des Nachwuchses: Geschätzte zwölf und 13 Jahre. Lobenswert, die musikalische Früherziehung zu fördern! Das vielleicht erste Rock-Pop-Konzert mit den Eltern zu erleben, eine altmodisch schöne Idee! Zumal die ganze Familie eingeschworene Fans von Major Majority sind. Die Eltern swingen mit, die Kinder halten die Handykamera hoch, und zwischendurch wird eifrig kommentiert und ausgetauscht. Die Augen des Jungen sind ungefähr so groß wie Kakaotassen. Und manchmal passt es einfach. Dass sich Dinge selbstverständlichfügen: Als Pål Angelskår ganz zum Schluss sein Plektron in die Menge wirft, ist es der Junge, der es schließlich erhascht. Whoa! Mehr Kinder auf Konzerte!

(Fotos: Erling Maartmann-Moe)

19. Februar 2010

Digitale Bemusterung, oder: Der Tod des Päckchens

Frei nach Jane Austen ist es eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass der Mensch beim Nachausekommen gerne ein Päckchen in seinem Briefkasten findet. Aus Tampere, Göteborg, Reykjavik oder Kopenhagen. Ein wattierter Umschlag, der ein neues Album zum Besprechen für Nordische Musik enthält. Auspacken, sich in Ruhe die Covergestaltung anschauen, das Booklet herausnehmen und ein wenig darin blättern. Und endlich die CD aus ihrem Plastikgehäuse lösen, in den Player legen und die ersten Töne hören. Besonders bei bislang völlig unbekannten Musikern immer eine Erfahrung, die dem Öffnen eines Kinderüberraschungs-Eies gleicht. Gefällt die CD, gefällt das Artwork, dann wird das betreffende Exemplar an prominenter Stelle ins Regal gestellt, damit es bloß immer gleich griffbereit ist.

cd-regal

Diese konkrete und sehr sinnliche Päckchen- Erfahrung ist leider ein im Aussterben bedrohtes Phänomen. Immer mehr gehen die Labels dazu über, die digitale Bemusterung voranzutreiben und simple Download-Links anzubieten. Das kann nicht nur allein daran liegen, dass es Portokosten spart. Oder wird auch bei den größeren Labels jetzt schon auf jeden Pfennig geachtet?

Faktum ist, dass die digitale Versendung von Rezensionexemplaren eine sicherlich nachvollziehbare Sache ist. Aber es ist einfach nicht dasselbe. Das Konkrete, das Haptische fehlt. Vielleicht bin ich altmodisch, aber so sei es. Oder einfach nur sentimental. Päckchen ist einfach schöner!

Zudem scheint mit der Praxis des digitalen Bemusterns ein neues Phänomen aufzutreten: Die Überfülle. Jede hoffnungsvolle Band zwischen Trelleborg und Oulu sendet inzwischen digitale Geschenkpakete ihrer ersten EP an Redaktionen und prominentere Blogger, in der Hoffnung, Aufmerksamkeit zu wecken. Die Währung, die zählt. Seufzend lädt man dies oder jenes herunter und ist nicht so richtig amüsiert dabei. Manchmal kommt der Eindruck auf, dass etwa drei Viertel der schwedischen Jugendlichen unter 20 in einer Band oder auch in dreien spielt. Aus der Überfülle wird Beliebigkeit, auch wenn dieser Eindruck ungerecht sein mag.

Genug den guten alten Päckchen-Zeiten nachgejammert! Positiv denken! Das Konzert von Pétur Ben, dem isländischen Klampfentroubadour, in der Darmstädter Guten Stube gestern musste beinahe wegen Überfüllung geschlossen werden, so viele Besucher wollten den selbstironischen Schwärmer sehen! peturWas Pétur Ben fassungslos machte, ihm aber nicht der  Leidenschaft beraubte, über die verschiedenen Arten der Liebe zu sinnieren oder den Einfluss von Skype auf das eigene Beziehungsleben zu skizzieren. Schön! Auf das zu jedem Pétur-Ben-Konzert auf seiner aktuellen Tour über hundert Leute kommen mögen! Details zu finden unter unseren Tourterminen. Hingehn!

(Fotos: Ben40, Carsten Cramer)

13. Februar 2010

Schwül und cool: Die Raveonettes

Wer an diesem Abend im Offenbacher Hafen2 ist, hat eine bewusste Entscheidung getroffen: Nein, ich gehe nicht zu den Arctic Monkeys, die just zur gleichen Zeit ein paar hundert Meter weiter im Capitol spielen! Nein, wir sind wegen der Raveonettes hier! Voll ist es im Hafen trotzdem. rave1Die Monkeys hatten es mit der Verfasserin dieser Zeilen vor einigen Jahren nachhaltig verdorben, als sie bei ihrem ersten Frankfurter Gig (als die allgemeine Affenliebe gerade losbrach mit dem ersten Album) die Rekordminimal-Spielzeit von 26 Minuten spielten und die Bühne zugabenlos verließen, neee,  so geht das nicht!

Das dänische Duo (mittlerweile in New York und Los Angeles ansässig) hat sich für die Tour verdiente Begleitmusiker mit an Bord geholt, was Sängerin Sune Rose Wagner nicht davon abhält, die Gitarre abzulegen und zwischendurch unter maximalem Körpereinsatz mit Riesentrommelschlägern die Drums zu bedienen. Schwül ist es im Reich von Wagner und ihrem musikalischen Partner Sharin Foo, schwül und cool. Die beiden bewegen sich geschmeidig wie die Raubtiere im Dschungel des 6oer-Powerpop, den sie mit abgeklärter Raffinesse und mit einer gehörigen Portion Emma-Peel-Ästhetik in die Gegenwart befördern. Selbsbewusst auf den großen Effekt setzen, im Gewittergeflacker mächtiger Stroboskoplichter. Sehr selbstbewusst. Die Ohren gehen weit auf. Die Füße setzen sich in Bewegung, ganz von selbst.

Die rave2Pose spielt im Schaffen der Rave0nettes eine große Rolle, von der 50e-Jahre-Filmplakat-Ästhetik bis zum exakt geschnittenen blonden Pagenkopf von Sune Rose Wagner. Harmlose Zitierfreunde sind sie nicht, dieses Boy-Girl-Duo. Hinter all diesem Power-Säuseln, das live deutlich härter daherkommt als auf Platte, verbergen sich Abgründe und Garstigkeiten. Kuscheltierchen sind die beiden nicht. Eher untergründig aggressiv, von einer unterkühlten Härte. Hat etwas!

Wir schlagen zu mit konzentriertem Understatement, mit kontrollierter Leidenschaft. Mit scheinbarer Harmlosigkeit, mit viel Stilgefühl. Mit leise simmernder Wut. Mit Hingabe. Haben das die Monkeys an diesem Abend geschafft? Es steht zu bezweifeln.

(Fotos: Davey Webster).

01. Februar 2010

Dúné im Karlsruher Substage: Ich bin enttäuscht…

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Ich bin enttäuscht, dass nur 200 Leute ihren Weg zu Dúné ins Karlsruher Substage finden – und außerdem erst nach dem halben Set richtig auftauen. Glücklicherweise lassen sich die Dänen davon nur minimal beirren: Sänger Mattias Kolstrup schlüpft erst nach drei Vierteln des regulären Sets aus seiner Jacke.

Doch von Anfang an: Nach dem langsamen ersten Stück »Time To Leave« zieht das Synthie-Rock-Septett via »Heat«, »A Blast Beat« und »Bloodlines« langsam das Tempo an, wirbelt kurz darauf wie gewohnt über die Bühne: Mattias widmet sich dem Publikum, während Keyboarderin, Gitarristin, Mitsängerin Cecilie »Cille« Dyrberg tänzelt und Keyboarder Ole Bjørn Sørensen und Gitarrist Danny Jungslund sich klischeehaft in Rockstarposen suhlen.

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