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Foto nordische Landschaft

19. November 2014

Von Rebellen und Satansverstehern: Iceland Airwaves, der Freitag

Rebellen müssen nicht notwendigerweise peinlich altern. Denn wenn sie neugierig, offen, streitlustig und lebendig bleiben, dann ist es eine Freude, diese Menschen zu treffen. Wie Einar Örn, Gründungsmitglied der legendären Sugercubes, der die isländische Populärmusik auf die musikalische Weltkarte gebracht hat. Einar, den wir in den legendären Greenhouse Studios in einem Reykjáviker Vorort treffen (in dem übrigens auch Björk aufgewachsen ist!), kommt mit Anfang 50 so umtriebig daher, wie es mancher Dreißiger nicht fertigbringt. Als Kulturstadtrat in Reykjavík unter dem wohl berühmtesten Bürgermeister Jon Gnárr hat er sich zwar zurückgezogen. Aber hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die politische Landschaft Islands nach der Fast-Pleite durch die Gründung der Spaßpartei Besti Flokurinn kräftig durchgewirbelt wurde. Einar Örn hat gerade ein neues Unternehmen namens Promogogo gegründet, ein Online-Tool, das Eventmarketing, Ticketverkauf und Social Media zusammenbringt und hat nicht zuletzt vor kurzem damit begonnen, merkwürdige Gestalten auf Papier zu bannen, die ihm abends zu später Stunde erscheinen. Es sind krause, skurille Wesen, die man nicht ganz zu verstehen mag. Aber über die man überrascht lächeln sollte! Einar wäre nicht der gutvernetzte Einar, wenn er seine ersten Gehversuche als bildender Künstler nicht gleich in einer Galerie ausstellen würde. Manche von diesen Wesen würde ich gerne mal treffen, sagt er gut gelaunt, als wir ihn in der Galerie besuchen. Und natürlich unterhalten wir uns länger über den Zusammenhang zwischen Dunkelheit, Winter, Isolation und Kreativität auf Island. Auch ohne ein Wort isländisch zu verstehen, bekommt man in diesem Video doch einen ganz guten Eindruck vom Wirken des Zeichners Einar Örn!

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17. November 2014

Lieber in der Großgruppe! Iceland Airwaves 2014, der Donnerstag

Fast könnte man glauben, dass es den rund 320.000 Isländern auf ihrer großen Heimatinsel vor dem Alleinsein bange ist. Denn wie sonst ist es zu erklären, dass sich isländische Bands am liebsten in Großgruppenstärke auf der Bühne tummeln? Der Donnerstag beginnt entspannt bei Fischsuppe in einer Hotelbar am Hafen und angenehm dezentem Lounge-Jazz plus souligen Einsprengseln mit Geislar. Die im Dutzend kaum auf die kleine Bühne passen. Und erfreulicherweise altersgemischt sind. Denn warum junge und erfahrene Musiker sich nicht bestens ergänzen sollen, will sowieso partout nicht einleuchten!

Schnell hinübergewechselt ins Nordic House, wo zunächst nur vier kunterbunt gekleidete Jungmänner auf der Bühne stehen, deren Modestil sich noch am ehesten an den frühen Dexy´s Midnight Runners orientiert. Und ganz unvermittelt geht an diesem grauen Tag die Sonne auf! Denn die Musiker von Munstur, die zum Teil noch zur Schule gehen und samt musikalischer Utensilien von der Mutter zum Gig kutschiert werden, erweisen sich beim Songwriting wie an den Instrumenten bereits als Profis. Spätestens dann, wenn die drei Bläser dazukommen, hat man sich rettungslos in diese putzmuntere Band verliebt, die mit einer höcht animierten Mischung aus glockenwachem britisch gefärbten Indierock, dezenten-Reggae-Einflussen und unbestreitbarber Fröhlichkeit überzeugt. Irgendwie muss man hier mitunter an Madness und die Fine Young Cannibals denken! Tanzen möchte man zu diesen Tracks, mitpfeifen natürlich und zu den flotten Tempowechseln außer Atem kommen sowieso. Einen Prise hemdsärmelige Heimeligkeit gibt der Sache hier die Würze, die übrigens bestens mit der ins Falsett tendierenden Stimme des Sängers harmoniert. Neben mir sitzt die Mutter des rothaarigen Bassisten, sichtlich stolz auf den begabten Nachwuchs. Das hat Mama gut hingekriegt! Und als Cocktailkirsche auf dem Sahneeis kann man nach dem Gig die Debüt-EP von Munstur zum Schnäppchenpreis von 1.500 isländischen Kronen erwerben, die in einem Cover steckt, das liebevoll in Origami-Technik gefaltet ist. Noch ein Grund mehr, begeistert zu sein! Diese jungen Band gilt es, im Auge zu behalten!

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15. November 2014

Ein guter Start! Iceland Airwaves 2014: Der Mitttwoch

Der Mittwoch ist der Tag der Unschuld auf dem Iceland Airwaves Festival: Noch keine langen Menschenschlangen bei den angesagten Bands. Eine überschaubare Anzahl an Konzerten. Der Enthusiasmus des Beginns. Die Neugier auf die Wiederbegegnung mit den Lieblingslocations der Vorjahre wie dem Nordic House: Was gibts Neues? Und das alles noch ohne schmerzende Füße und übernächtigte Augen, welch ein Luxus! Also auf in das von Alvar Aalto erbaute Kulturrzentrum nahe der Universität, wo am frühen Nachmittag der Nashville-inspirierte Singer-Songwriter Kalli spielt, alias Karl Henry Hákonarson. Der so schüchtern ist, dass er kaum von der Gitarre hochschaut. Wobei der blasse junge Barde gar nicht so bescheiden zu sein braucht, hat er doch eines seiner beiden Alben beim renommierten britischen Label One Little Indian heraugebraucht. Es sind heimelige, herzwerwärmende Töne, die Kalli hier ohne falsche Sentimentalität pflegt. Verbindet bluegrassige Südstaaten-Verlierergeschichten mit blaugrauem isländischem Feingefühl. Ach Kalli, du präsentierst dich hier als Veilchen, das im Verborgenenen blüht!

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12. November 2014

Klaxons gegen Carnival Youth: Lettland gewinnt!

Eigentllich sollte an dieser Stelle der erste von mehreren Posts über das Iceland Airwaves Festival 2014 stehen. Das natürlich wieder aufregend und wundervoll war und mit einem gewissen Schlafentzug einherging. Und die Berichterstattung kommt, vesprochen! Aber wenn gleich am Folgetag ein Konzert der britischen Klaxons ansteht und man dort auch noch auf der Gästeliste vermerkt ist, dann wird die Müdigkeit souverän ignoriert und sich in den Wiesbadener Schlachthof aufgemacht. Es wird ein Abend voller unerwarteter Überraschungen. Und einer, an dem man über Mechanismen im Musikgeschäft nachdenkt, die scheinbar nicht mehr funktionieren.

Denn er beginnt damit, dass ich mich wundere, dass vor der großen Halle des Schlachthofs keine rauchenden Menschengrüppchen stehen. Die Klaxons, das ist doch durchaus ein Name, die spielen doch sicherlich im großen Haus, denke ich. Dem ist mitnichten so. In der kleineren Räucherkammer haben sich kurz nach neun Uhr abends geschätzte 70 bis hundert zahlende Besucher eingefunden. Die ganz in Weiß gewandeten Briten, in ihrer Heimat sicherlich größeren Publikumszuspruch gewohnt, akzeptieren die Tatsache erfreulicherweise ohne kindische Beleidigkeiten. Bieten ein temperamentvolles, animiertes Gig. Sind voller Spielfreude. Zelebrieren einen fein vertrackten Indierock. Kommen überzüchtet wie feinnervige Windhunde daher. Haben ihren Spaß am Konfettiwurf der Zitate durch die letzten 30 Jahre britische Rockgeschichte. Sind sympathisch, diese Jungs, und ein ganz klein wenig überkandidelt.

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05. November 2014

Reykjavík, Stadt der mies bezahlter Musiklehrer: Iceland Airwaves

Nach der Krise ist vor der Krise? Das könnte man in Reykjavík fast glauben. Im ganzen Stadtgebiet sieht man nur Kräne. Unten am Hafen ist ein schickes neues Stadtviertel entstanden, das mit gleich zwei neuen Museen aufwartet. Und jeder Menge edler Bars und Kneipen. Wobei man irgendwie das Gefühl nicht los wird, dass hier ein neues Disneyland für Touristen hochgezogen wurde. Stell dir vor, Du bist zahlender Besucher der Vulkaninsel und unverschämterweise ist kein Polarlicht am Abendhimmel zu sehen? Lieber Tourist, dir kann jetzt geholfen werden! Auf ins Aurora Reykjavík, wo man das Naturphänomen in Form von Hochglanzvideos bewundern kann! Sieht sowieso viel schöner aus als in Natura! Und frieren muss man auch nicht, dafür aber deftig Eintritt bezahlen. Entlang der einzigen isländischen Einkaufsstraße Laugavegur gibt es inzwischen so viele austauschbare Souvenirshops, das man nur noch den Kopf schüttelt: Wer soll denn all diese Plüschtier-Papageientaucher eigentlich kaufen? Und wie viele neue Hotels und Gäste-Appartments sind hier binnen Jahresfrist entstanden? Man verliert den Überblick.

Die ersten Protestschilder gegen die Gentrifizierung von Downtown Reykjavík sind gemalt. Und Singer-Songwriter Svavar Knútur hat am Montag eine Demonstration mit organisiert, in der es unter anderem gegen die miese Bezahlung von Musiklehrern ging. Damit bekommt man in Reykjavík mehrere tausend Menschen auf die Straße!

Heute startet das Iceland Airwaves Festival 2014. Die schlecht bezahlten isländischen Musiklehrer bringen immer noch so viele talentierte Nachwuchsmusiker hervor, dass diese es kaum erwarten können, bis sie sich der Welt vorstellen dürfen. Deshalb spielen verschiedene Youngsters bereits seit Montag im Plattenladen am Busbahnhof! Wie Hide Your Kids, die trotz der rauchigen Stimme des Sängers alle so aussehen, als hätten sie gerade das 16. Lebensjahr beendet. Man hält sich in den schwelgerischen Landen zwischen Synthop und Nachtschwärmer-Rock auf und musiziert mit solcher Inbrunst, als ob Leib und Leben davon abhingen. Zehn Songs hat man bereits im Repertoire, womit man die Arctic Monkeys zu Beginnn ihrer Karriere locker überholt (unvergessen das erste Monkeys-Konzert in Frankfurt mit einer Länge von 25 Minuten!). Und man freut sich mit den Nachwuchskräften, dass sie sich gleich an die schwülen Töne trauen und Sänger Dániel Jón im Plattenschrank seiner Eltern möglicherweise den Alben von Bryan Ferry besonders aufmerksam gelauscht hat. Das geht ja alles gut los: Happy Airwaves!

 
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