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Foto nordische Landschaft

08. April 2011

Weil ich ein Mädchen will: Kakkmaddafakka live in Offenbach

Woran denken junge Männer unter 20 den ganzen lieben, langen Tag? An Mädchen natürlich! Doch wie an diese wunderbaren Wesen herankommen, bevorzugt ziemlich nahe, um einige unerhörte Dinge mit ihnen zu tun? Wenn man eher durchschnittlich aussieht, einen unmöglichen Haarschnitt und eine Kartoffelnase hat und aus der hintersten Provinz kommt? Die Antwort ist ebenso einfach wie folgerichtig: Wir gründen eben eine Band! Und schreiben Lieder über unsere Obsession mit Mädchen, bevorzugt ansteckend fröhliche und unwiderstehlich tanzbare, dann funktioniert die Sache doch von ganz allein! Kakkmaddafakka haben sich an diese simple, aber umgemein effektive Strategie gehalten und fahren gut damit: An diesem Abend im Offenbacher Hafen 2 stehen jede Menge hübsche Mädchen in ihrer Lieblingsuniform aus knappem Trägertop und engen Jeans direkt vor der Bühne und singen textgenau und hingerissen mit. Basser Stian Sævig (könnte gut und gerne einen der sieben Zwerge geben!) guckt so selig, als sei er schon zu Lebzeiten im Paradies gelandet. Das Grinsen aus seinem Gesicht will einfach nicht weichen. Diese Grazien himmeln ihn an! Geht doch!

Kakkmaddafakka aus Bergen waren zwar letztes Jahr schon mal auf Deutschland-Tour (und jawohl, das Polarblog damals schon vor Ort dabei), aber inzwischen hat das quirlige Quintett unter tätiger Mithilfe von Erlend Øye sein Debütalbum »HEST« vorgelegt. Die gängigen Musikpostillen geizten nicht mit Lob, sogar die gute alte Tante FAZ fands gut, und so ist der Hafen 2 in Offenbach an diesem Abend so gut wie ausverkauft.

Und zu Recht! Denn die jungspundigen Norweger haben eines der am ansteckend fröhlichsten Alben des Frühjahrs vorgelegt, zu dessen stilsicheren Stildurcheinander man einfach tanzen muss. Eine wunderbar leichte, selbstironische Mischung aus Ska, Disco, Piratenwave und Reggae-Operette. Und POP, natürlich. Was hier beileibe nicht als schrammelnder Dilettantismus verstanden werden sollte, denn die Fünf und ihre übliche Verstärkung, die drei brav tanzenden Gogo-Boys in Turnerleibchen, sind schon in jungen Jahren ausgebuffte Profis, die ihre Instrumente mit schlafwandlerischer Sicherheit und gehöriger Lässigkeit beherrschen. Vom engelsgelocken Cello-Mann Pål Vindenes, der immer noch so aussieht, als flößte ihm Mutti jeden Abend Lebertran ein, damit er groß und stark wird, bis zum eigentlichen Helden dieses Abends: Dem Keyboarder Jonas Nielsen, der zwei Finger seiner rechten Hand dick verbunden trägt und trotzdem wie ein irrer Derwisch auf sein Instrument eindrischt, dass schier die Verkleidung von der Wand fällt. Der einzig wahre Enkel von Jerry Lee Lewis, er ist endlich gefunden!

Das allerbeste sind hier nicht die wunderlich-selbstbewussten Zwischenansagen von Axel Vindenes an den Lead Vocals, es sind auch nicht die wunderbaren Harmoniegesänge, in die die fünf Kakkmaddafakkas immer wieder ausbrechen. Es sind auch nicht die Themen der Songs, in denen es zu 90 Prozent um Mädchen geht: Wie kriegt man sie, sind sie auch vom Alter her passend, warum sind sie bloß immer so unsicher und wie stelle ich es an, dass sie auch bei mir bleiben?

Nein, es ist ihre pure Lebendigkeit, ihre ungemeine Verspieltheit, ihre lächelnde Abenteuerlust, ihr unbändiger Spaß am Spiel mit den Versatzstücken aus 50 Jahren Populärmusikkultur. Ihre Lust am dicken Auftragen von Gefühlen. Damit kriegen sie einem. Und man findet diese fünf Jungs plötzlich so toll, dass man noch viele Abende mit ihnen verbringen will, Kartoffelnasen hin oder her!

Der Abend mit den Kakkmaddafakkas im vor pubertärem Überschwang kochenden Hafen 2 endet, wie noch kein Abend in Rhein-Main geendet hat: Die Band wankt nach einer ausgedehnten Zugabe erschöpft von der Bühne, aber die Mädchen haben noch lange nicht genug von diesen wunderbaren Jungs: Eine der mutigeren unter diesen Grazien packt sich frech das Mikro und brüllt so lange »KAKKMADDAFAKKA! KAKKMADDAFAKKA!«, tätig unterstützt vom Rest des Publikums, bis sich die Bergener tatsächlich rumkriegen lassen und zur zweiten Zugabe antreten. Hastenochnichtgesehen, das!

30. März 2011

Teitur live im Karlstorbahnhof, oder: Komm kuscheln

Eigentlich müssten alle Alarmglocken schrillen: Der Anteil an Pärchen in der glückseligen Phase der Beziehung im Publikum ist an diesem Abend im Heidelberger Karlstorbahnhof erschreckend hoch. Man könnte Hochglanzfotos für die neue Kuschelrock-CD schießen, Motive gibt es zuhauf. Aber ach, es ist einfach so, dass Teitur, der größte Musikstar, den die Faröer Inseln bislang hervorgebracht haben, eben so wunderbar herzzereißende Liebeslieder schreibt, voll wundervoller Zweifel und leidenschaftlicher Hingabe. In denen irgendwie doch alles gut wird. Zumindest hofft man das.

Teitur ist ein Frauenversteher. Schön so. Wer sonst käme auf die Idee, in den zwanzig Minuten vor Konzertbeginn die sehr feine Musik der dänischen Chanteusen Agnes Obél und Fallulah zur Einstimmung vom Band zu spielen? Nette Reverenz, das!

Als wollte er gleich zu Anfang ein Ausrufezeichen setzen, die Vergangenheit des eigenen Schaffens ehrenhaft zelebrieren und dann weitergehen, steigt Teitur an diesem Abend ganz allein an seinem Piano mit einem seiner schönsten Songs ein, nämlich »All My Mistakes«. Einer Ode an die Schönheit des Scheiterns und daran, dass daraus gerade die besten Dinge entstehen können. Im Nachhinein hat man das erkannt, versteht sich.

Aber Teitur, der nur auf den allerflüchtigsten Blick Streichelaffine, ist viel widerborstiger, als es sein ach so harmloser von unten guckende Lady-Diana-Blick vermuten lassen würde. Nichts da. Hier lauern Abgründe, die sich fein hinter der Entertainer-Fassade verbergen. Obwohl der dürre Schlacks mit der Slapstick-Attitüde gerne den launigen Alleinunterhalter gibt: Trotz der mit angereisten dreiköpfigen Rockband reicht Teiturs Intensität als Künstler für mehr als ein halbes Dutzend Mitmusiker aus. Trotz aller Freude am lustvollen gemeinsamen Lärmen. Eigentlich könnte er auch alleine auf der Bühne stehen, aber das sagen wir jetzt ganz leise.

Teitur genießt den nur vorgeblich schüchternen Flirt mit dem Publikum. Erzählt genussvoll die Moritat, dass Heidi-Klum-Ehemann Seal einen seiner gefühlsbetontesten Songs, das beseelt »You Get Me«, als Cover für sein neues Album ausgewählt hat. Die Tantiemen fließen in bescheidenem Fluss, aber nicht in dem Maße, dass der Faröer sich einen Limousinenservice leisten kann. Was auch nicht wirklich erstrebenswert wäre. Oder?

Die Songs des neuen Albums »Let The Dog Drive Home« klingen gefällig und angenehm alltäglich. Verschmitzt und bodenständig. Gesünder sollen sie sein, weniger intensiv, sagt Teitur in einer Positionsbestimmung. Ja, schöne Absicht das, und sicherlich förderlich für den eigenen Seelenfrieden, aber ehrlich: Um in Bert Brechts Worten zu sprechen: »Gelobt sei der Zweifel«. Der Zweifel zerreißt uns, aber lässt uns das Leben undsoweiter unbedingt spüren. Ist sicherlich der Gesundheit abträglich. Aber spannender ist es trotzdem. Sei´s drum.

21. März 2011

Efterklang live in Frankfurt, oder: Das leichte Glück

Frankfurt, die scheinbar ach so kühle Banken- und Hochhausstadt, kann der Graus so mancher Band sein: Ein häufig unenthustiastischea Publikum, halbleere Säle, laue Reaktionen. Aber nicht an diesem Abend. Die »am isländischsten klingende Band außerhalb Islands«, wie Ex-Kollege Markus die vier Dänen von Efterklang einmal sehr treffend bezeichnet hat, zieht das Publikum selbst aus 200 Kilometer entfernten Städten an, wie aus den Kennzeichen der rund um die Brofabrik geparkten Fahrzeuge zu schließen ist. Selbst zum eigenen Filmprojekt »AN ISLAND« , das das Quartett an Stelle einer Vorband mitgebracht hat, sind die jungen und die in Würde gealteten Indiepopfans pünktlich erschienen, sitzen am Boden, das Rotweinglas in der Hand und den Kopf kuschelig an die Schulter des love interest gelehnt. Heut abend gibts noch was, das sich fast wie Bescherung anfühlt!

Efterklang betreten die Bühne so außerlich unpräteniös und bescheiden, wie es The Notwist gerne tun, die sie an diesem Abend problemlos mit nach oben bitten könnten, aus Freude an der Seelenverwandtschaft. Schönheit, Tanzbarkeit, Experimentierfreudigkeit, Großgruppenharmonie: Das können die Dänen auch! Aber was erstaunt: Sänger Casper Clausen strahlt, vom ersten Ton an. Auf eine selbstverständliche, unangestrengte Art. Schnell wird klar: Es geht an diesem Abend ums leichte Glück, in dem die Traurigkeit als ferner Unterton mitschwingt. Dieses Glück entsteht durch das Zusammenführen disparater Elemente: Den sehr erdigen Violinen und Flöten, die an diesem Abend von zwei hochengagierten Gastmusikern in den verdienten Fokus gerückt werden, und dem sanften Elektronikgefrickel der Urband, wobei irgendwann egal wird, wer eigentlich hier welches Instrument bedient, weil ein reger Austausch stattfindet und jeder sowieso überall herumhüpft und interessante Geräusche verursacht.

Efterklang spielen an diesem Abend viele Stücke ihres jüngsten, sehr wunderbaren Albums »MAGIC CHAIRS«, auf dem sie sowieso schon sehr konkret geworden sind, was das Glück angeht, das hier und jetzt entsteht, aus Sorgfalt, Hingabe und Lebensfreude. Natürlich sind diese Tracks im weitesten Sinne noch postrockig mit ihren ausufernden Strukturen, aber es da ist dieser übermütige Hüpfer in den Songs, den Hjaltalín eher zelebrieren als die großen Überväter Sigur Rós, die an diesem Abend lächelnd aus Reykjavik herüberschauen mögen. Und nun Schluss mit all diesen Vergleichen, denn Efterklang sind in ihrer naiv lebensbejahenden Großäugigkeit die Meister der großen und der kleinen Gefühle gleichermaßen. Artsy und erdverbunden. Anspruchsvoll und gar nicht eingebildet. Auf der Suche, alles fein in die Hand nehmend und sorgsam auf seine Verwendbarkeit prüfend. Vielleicht verwerfen, aber immer mit Respekt, und bloß die Nase nicht zu hoch haltend.

Und irgendwann ist da dieser Moment der Stille, und alle halten unwillkürlich den Atem an. Und es ist so, als ob die Zeit stillstünde für einen Moment, und wir begreifen einmal mehr, dass das Fehlen von Geräusch eine unschätzbare Qualität hat. Aber bloß nicht trauerkloßig werden, denn Efterklang sind Sammler, Ordner und Traumtänzer gleichermaßen. Mit höchster Disziplin und Konzentration, würde der Bundestrainer sagen, mit Anspruch, mit Leichtigkeit. Und irgendwann tanzt der halbe Saal. Vor Glück? Hoffentlich!

Efterklang – I Was Playing Drums (Official Video) from End of the Road Films on Vimeo.

Foto: (y Nikolaj Holm Møller)

13. März 2011

Moddi, oder: das wilde Kind

Moddi sieht an diesem Abend so aus, als ob er wie Huckleberry Finn von zuhause ausgerissen sei. Leicht verstrubbelt, leicht demi-monde, aber superlebendig und neugierig. Die kaum zu bändigenden, sträunende-Katzen-blonden Locken unter die Streifenmütze verpackt, als ob dies gegen die Ungebärdigkeit der anarchischen Haarpracht irgendetwas nützte. Barfuß tritt er auf. Unbekümmert. Großäugig. Intensiv.

Aber gut, zurück auf Anfang: Der junge norwegische Singer-Songwriter ist schon auf dem letzten Iceland-Airwaves-Festival in Reykjavik im vergangenen Oktober durch an die Schmerzgrenze gehende Bekenntnislyrik positiv aufgefallen. Inzwischen hat Moddi mit »FLORIOGRAPHY« ein Debütalbum vorgelegt, bei dem sich die empfindlichen Härchen auf den Unterarmen hochstellen und die Außenseiter-Attitüde sein stärkster Fürsprecher ist. Nun denn, an diesem Abend im wunderbaren Heidelberger Karlstorbahnhof ist das erstaunliche Phänomen zu beobachten, dass es sich in Studenten- und arrivierten Bildungsbürgerkreisen gleichermaßen herumgesprochen hat, dass Moddi Herzen auf unkonventionelle Weise rührt. Ein Publikum, das aufmerksam und wohlwollend lauscht, wie der Jungspund mit der rauen Stimme emtionale Untiefen souverän auslotet und dabei zu blühen beginnt wie Treibhausrosen bei plus 30 Grad.

Moddi rührt durch seine charmante Unfertigkeit. Durch romantische Empfindsamkeit. Durch tief von Herzen kommende Ausbrüche gegen das deutsche Phänomen von Autobahnstaus und der Erleichterung darüber, es gerade noch rechtzeitig zum Konzert geschafft zu haben. Durch Funken schlagende Begeisterung für den schönen Konzertflügel im Karlstorbahnhof, dem er sehr barfuss seine Reverenz erweist. Durch einen klaren Blick aus jungerwachsenen Kinderaugen auf Phänomene und Konstanten. Als Referenzgröße kommt immer wieder der faröische Sänger Teitur in den Sinn, aber Moddi fehlt dessen souveräne Ironie. Was kein Fehler ist. Schmerzen sind da, und Moddi singt sie nicht weg.

Moddi “Rubbles” official music video from Propeller Recordings on Vimeo.

13. Februar 2011

Havarí, bitte bald wiederkommen!

Schlechte Nachrichten kommen dieser Tage aus Reykjavik: Das Havarí, die sympathische Anlaufstation für Musik- und Kunstfans mitten im Zentrum, hat bereits seit Ende Januar geschlossen. Das stets improvisiert wirkende Ladenlokal weicht einem neuen Hotel. Obwohl erst im September 2009 eröffnet, hat sich das Havarí besonders zu Zeiten des Iceland Airwaves Festival zu einem der inoffiziellen Haupttreffpunkte für Einheimische und Besucher entwickelt. Im vergangenen Jahr wurden hier schon am Vormittag Frühstückskonzerte veranstaltet. Einen guten (und bezahlbaren!) Kaffee gab es immer, einen netten Schwatz mit irgendwem meistens, und zwischendurch konnte man sich durch das sehr wohlsortierte Plattensortiment kramen, seine T-Shirt-Sammlung erweitern, die abgedrehte Ausstellung im hinteren Bereich begucken oder sich im Untergeschoss von experimentellen Videos unterhalten lassen.
Alles sehr lässig, sehr hemdsärmelig und sehr kreativ. Ursprünglich wurde das Havarí von der Online-Musiknetzwerk Gogoyoko und den Plattenlabels Kimi Records und Borgin gegründet. Anfang 2010 stiegen Gogoyoko und Borgin aus, und die Musiker Berglind Häsler, Svavar Pétur Eysteinsson und Baldvin Esra sprangen ein, die unter anderem in der Band Prinspólo spielen.

Ein bisschen Wehmut muss sein. Unvergessen die wunderbaren Airwaves-Konzerte in den vergangenen zwei Jahren, von den norwegischen Elektrospielkindern Casiokids bis zu Amiina (Foto) und den finsteren S.H. Draumur. Etwas zu entdecken gab es im Havarí immer.

Doch der Auszug aus der Austurstræti muss nicht das Ende bedeuten, lassen die Macher des Ladens tapfer wissen. Sie sind bereits auf der Suche nach einer neuen Location, und es sei ihnen damit viel Glück gewünscht. Dass sie bitte, bitte, spätestens bis zum Airwaves 2011 wieder zurück sind. Der Abschied wurde natürlich mit einem Konzert gefeiert, mit Prinspólo, keine Frage, und den bereits arrivierten Lokalheroen FM Belfast.

Prinspóló á lokatónleikum Havarí // Prinspóló performing at Havarí’s Apocalypse from havari on Vimeo.

 
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